Das Gemälde lagert hinter einer dicken, fest verschlossenen Tresortür. Das barocke Werk ist das Prunkstück in der Kunstsammlung des Immobilien- und Selfmadeunternehmers Hermann Beyeler: die Statue der Ceres aus der Werkstatt des flämischen Malers Peter Paul Rubens. Beyeler hat seine Holding nach der römischen Göttin benannt. Selbst das von ihm projektierte Hochhaus in Pratteln trägt ihren Namen: Ceres-Tower. In seinem Foyer, so einst der Plan, sollte das Prachtgemälde seine Bleibe finden.

Vor knapp zwanzig Jahren erwarb Beyeler das Bild, das die von Puten umschwärmte Fruchtbarkeitsgöttin zeigt, und wob darum eine wunderbare Geschichte. Ein Bauchentscheid sei es gewesen, als er es bei einem Luzerner Trödler und Restaurator gekauft habe. Nicht gewusst, bloss geahnt habe er, dass es sich dabei um einen originalen Rubens handle. Immer wieder erzählt Beyeler, wie ihn die Intuition beinahe schicksalhaft mit der Trouvaille zusammengeführt habe. Das Nachrichtenmagazin «Facts» breitete die schöne Erzählung 2005 erstmals ausführlich aus, denn jetzt stehe fest: «Das Ölbild ist ein echter Rubens.»

Die russische Adelung

Einen tiefen siebenstelligen Betrag soll Beyeler bezahlt haben, einen Millionenbetrag will er aufgewendet haben, um die Echtheit zu beweisen. Er veranlasste Laboruntersuchungen, um das Alter des bemalten Eichenholzes zu bestimmen. Er bestellte Expertisen, um stilistische Nachweise zu erbringen. Den Durchbruch verkündete Beyeler 2007. Die Ermitage im russischen St. Petersburg, in der die bekannteste Ceres-Darstellung von Rubens ausgestellt ist, war für eine Doppelausstellung zu gewinnen. «Ruben’s Ceres. Two original Versions», hiess die massgeblich von Beyeler finanzierte Show. Auf der einen Seite des Saals hing die russische Version, auf der anderen die Beyeler’sche.

Beyeler war euphorisiert, will in dieser Zeit erkannt haben, dass russisches Blut in ihm wallt. Er sei illegitimer Nachfahre des letzten Zaren, stellte er fest. Und sollte die russische Nation das Bedürfnis haben, den ungekrönten Putin durch einen echten Zaren zu ersetzen, stände er in der Linie der Papabile.

Ein Bericht von Hiskia Stolz-Löliger liess ihn weiter träumen, die begutachtete «Ceres» sei nicht nur ein «Zwilling» des russischen Bildes, es sei diesem sogar vorzuziehen: «Die ‹Ceres› aus der Sammlung Beyeler ist die Urfassung und geht unwiderlegbar der Variante in St. Petersburg vor», resümierte das damals stets aus erster Hand informierte «Facts» die Expertise

Nun widmete sich auch das «Magazin» dem Kunstentdecker, der stolz zu Protokoll gab: «Jetzt ist der Wert des Bildes unschätzbar geworden.» Das Schnäppchen schien zur Perle gereift. Die «Basler Zeitung» schrieb nach der Ausstellung, die «Ceres» habe einen «hypothetischen Wert von 111 Millionen Franken», sollte Beyeler verkaufen. Die «NZZ am Sonntag» verlieh der Spekulation das Siegel der Seriosität und schrieb von einem Wert «im dreistelligen Millionenbereich».

Der gültige Katalog

Das Mass aller Dinge, geht es um die Echtheit von Rubensgemälden, ist jedoch der «Corpus Rubenianum», der letztgültige Katalog über das Werk des flämischen Malers. Im neuesten Band hat nun der deutsche Kunsthistoriker Nils Büttner die «Ceres» besprochen. Er reiste durch die halbe Welt, um alle Gemälde zu besichtigen, die als «Ceres» von Rubens ausgegeben werden, und kam nach ausgiebiger Erforschung der Provenienz zum Schluss: Die «Ceres» von Beyeler ist nicht das Original, denn dieses hängt in St. Petersburg. Doch immerhin gilt sie als erste und wertvollste Kopie, die in Rubens Kunstwerkstatt wohl ein Jahr nach dem Original hergestellt worden ist.

Für Beyeler ist der Eintrag gute und schlechte Nachricht zugleich: Gut, weil sein Werk nun zweifelsfrei als Rubens gelten darf. Schlecht, weil es nicht auf der Wertebene des Originals steht, sondern nur an erster Stelle von zwei Kopien, die aus Rubens Werkstatt stammen. Nach barocker Praxis ist dies nicht per se abwertend, da es einerseits in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts durchaus gängig war, dass Grossmeister eine Vielzahl von Malern beschäftigten, die in seinem Sold an seinen Werken mitarbeiteten. Und auch, dass von einem Werk verschiedene Variationen produziert und in den Verkauf gebracht worden sind.

Die unspektakuläre Herkunft

Büttner listet akribisch auf, wie Beyelers «Ceres» vom Original abweicht, dass seine «Ceres» im Unterschied zur ursprünglichen gemalte Pupillen hat. Gleichzeitig schafft er Klarheit, durch welche Hände die Werke in den vergangenen Jahrhunderten gegangen sind. Wurde zuvor spekuliert, bei der «Ceres» von Beyeler handle es sich um ein Bild, das im 19. Jahrhundert dem Hamburger Hermann Philippi gehörte, ermittelte Büttner, dass es sich um die zweite Kopie aus der Rubens-Werkstatt handle.

Einerseits klärte Büttner die Provenienz von Beyelers Rubens, bis der Comte de Caylus das Bild 1773 in Paris an einer Auktion verkaufte. Andererseits ist belegt, dass das Bild 200 Jahre später wieder auftauchte, bei einer Latteyer Collection im schweizerischen Tägerwilen. Der Innerschweizer Treuhänder und Sammler Anton Frey-Näpflin kaufte es 1978.

Weshalb Frey-Näpflin es zwei Jahre später wieder abtrat und nicht in der nach ihm benannten Stiftungssammlung beliess, die seit zwei Jahren im Nidwaldner Museum ausgestellt ist, bleibt unbekannt. Zwanzig Jahre war die «Ceres» daraufhin in Luzern im Besitz von Annelies Käppeli und des Kunstrestaurators Georges Eckert, die sehr wohl wussten, was sie besassen. Im Jahr 2000 übernahm Beyeler und machte die «Ceres» mit Präsentationen in der Öffentlichkeit bekannt.

Im Prattler Ceres-Tower wird das Bild wohl nie zu sehen sein, denn Beyeler überliess den Bau und die Finanzierung des Hochhauses der Credit Suisse. Verkaufen wollte Beyeler sein Bild aber bisher ebenso wenig wie die Ermitage in St. Petersburg ihr Original. Zur Versteigerung im Auktionshaus Dorotheum stand im Jahr 2010 jedoch die zweite «Ceres»-Kopie aus Rubens Werkstatt. Der Schätzpreis lag bei 50'000 Euro, ein Liebhaber erhielt den Zuschlag bei 237'710 Euro.

Auf Anfrage sagt Beyeler, er sei nicht interessiert daran, irgendeine Stellungnahme abzugeben: «Ich beschäftige mich im Moment mit anderen schönen Sachen.»