Baselland

Die Hoffnungsträgerin der Liberalen: «Mein Wunsch ist schon, in der Baselbieter Politik eine aktive Rolle zu spielen»

«Sobald man fragt, wie diese linken Ideen finanziert werden sollen, dann wird es still», sagt Naomi Reichlin.

«Sobald man fragt, wie diese linken Ideen finanziert werden sollen, dann wird es still», sagt Naomi Reichlin.

Naomi Reichlin (24) hat die Erneuerung der Baselbieter FDP in den vergangenen Jahren massgeblich mitgeprägt. Nun tritt die innovative und unbequeme Denkerin wegen ihres Studiums als Vizepräsidentin der Kantonalpartei ab. Sie will aber zurückkehren.

Welche Baselbieter Politikerinnen und Politiker unter 30 kennen Sie? Wetten, dass Ihnen vor allem Namen aus dem rot-grünen Lager einfallen? Das käme nicht von ungefähr: Mit SP-Nationalrätin Samira Marti (26), den beiden Kantonalparteipräsidenten Adil Koller (SP, 27) und Bálint Csontos (Grüne, 24) sowie der Juso-Schweiz-Chefin Ronja Jansen (25) stehen die prominentesten jungen Politiker des Kantons allesamt links.

Naomi Reichlin ist daran, das zu ändern. Nicht nur ist die 24-Jährige selbst die wichtigste junge Stimme beim Baselbieter Freisinn. Auch ist es ihrem Engagement als Vizepräsidentin der Kantonalpartei zu verdanken, dass bei den Gemeindewahlen Anfang Jahr 50 Freisinnige unter 30 antraten. Immerhin 13 wurden gewählt. Gerade bei der FDP bestimmen jedoch oft Etablierte den Kurs. Umgekehrt ist junge Politik oft linke Politik, das weiss Reichlin aus ihrer Zeit am Gym Liestal: Bei politischen Diskussionen stand sie oft alleine auf weiter Flur. Mehrere Mitschüler waren bei den Juso aktiv.

Reichlin, die jüngst an der Uni Basel den Bachelor in Philosophie und Geschichte abgeschlossen hat, glaubt zu wissen, weshalb das so ist: «Linke Ideen tönen oft gut und haben ein ehrbares Ziel. Sobald man aber fragt, wie diese umgesetzt und vor allem finanziert werden sollen, dann wird es rasch still.»

Frauen- und Klimastreik als Vehikel für Klassenkampf

Deshalb steht Reichlin auch den Klimastreikenden kritisch gegenüber. Deren Extremforderungen hätten ein wichtiges Ziel erreicht, nämlich die Diskussion beeinflusst. Dass nun Teile der Klimabewegung das Referendum gegen das CO2-Gesetz ergreifen, sei aber symptomatisch für die Realitätsferne der Forderungen. Zudem sei ein Teil der Klimastreikenden autoritär. «Projekte aus der Industrie wie Wasserstoffflugzeuge zeigen, dass wir Netto-Null-Emissionen ohne Systemumsturz erreichen können.» Das CO2-Gesetz begrüsst Reichlin als Schritt in die richtige Richtung: «Das ist kein Steuer- und Abgabemonster. Dass der Ausstoss von Treibhausgasen und die damit verbundenen Kosten eingepreist werden, ist schliesslich ein Konzept aus der Ökonomie.»

Dass an sich begrüssenswerte Bewegungen als Vehikel für linken Klassenkampf missbraucht werden, störte Reichlin auch beim Frauenstreik 2019. Deshalb habe sie nicht teilgenommen. Gleiche Chancen und Rechte seien ein urliberales Anliegen. Das sei nicht gleichbedeutend mit Gleichmacherei. Reichlin wehrt sich gegen starre Geschlechterquoten. Das sei oberflächliche Symptombekämpfung. Man müsse die Ursache angehen wie fehlende Netzwerke. Reichlin organisiert den wichtigsten Netzwerk-Anlass für Frauen in der Region Basel.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Reichlin ist keine Konservative und schon gar keine libertäre Anarchokapitalistin. «Ihre» FDP ist eine staatstragende Partei, die dem freiheitlichen Wertekompass konsequent folgt und nicht bloss wirtschaftsliberale Klientelpolitik betreibt. Für Reichlin heisst das: keine Verbote von Drogen. Eine moderne Gesetzgebung, was die sexuelle Orientierung der Menschen angeht. «Ehe für alle» ist für sie selbstverständlich. Liberal gibt sich die Studentin in Bürgerrechts- und Integrationsfragen. «Ich bin dagegen, Menschen zu Deutschkursen zu zwingen, solange sie in der Lage sind, in unserer Gesellschaft ihren Beitrag zu leisten.»

Reichlin trat gegen Filz in der eigenen Partei an

Mit solchen Positionen muss sie teils auch im eigenen Lager Überzeugungsarbeit leisten. Jedenfalls bekundet die unbequeme Denkerin keine Mühe damit, abweichende Meinungen offen zu vertreten. Im Frühjahr 2018 warb sie in der FDP für die von jungen Linken lancierte Initiative für das Stimmrechtsalter 16. «Ich scheiterte hochkant», sagt die Seltisbergerin ohne Anflug von Frust. Auch das Baselbieter Volk schickte das Begehren mit 84 Prozent Nein bachab.

Im Herbst 2016, als die damalige FDP-Regierungsrätin Sabine Pegoraro, Parteichefin Christine Frey und Wirtschaftskammer-Direktor Christoph Buser für die Einführung einer kantonalen Energieabgabe weibelten, sagte Reichlin mit einer FDP-Minderheit Nein. In diesem Fall zählte sie am Abstimmungssonntag zu den Gewinnern. Dass Busers Wirtschaftskammer die Abgabe des Kantons abwickeln sollte, störte Reichlin massiv. «Ich hatte den Eindruck, dass in der FDP alte Hierarchien und Gefälligkeiten entscheidend waren.» Dies sei ein Grund gewesen, weshalb die Partei junge Liberale nicht ansprach.

Zur Erneuerung kam es im Spätsommer 2017: Beinahe die gesamte Parteileitung trat zurück, der neue Präsident Paul Hofer holte etliche frische Kräfte in sein Team, darunter Reichlin, aber auch die heutige Parteichefin Saskia Schenker. Sowohl programmatisch als auch im Polit-Marketing brachte die 21-Jährige da neue Ideen ein, wie die stärkere Ausrichtung auf die jüngere Wählerschaft. Nun ist sie vor den Herbstferien zurückgetreten. An der Uni Friedrichshafen studiert sie Politik, Verwaltung und Internationale Beziehungen. Das zweijährige Masterstudium am Bodensee verträgt sich schlecht mit dem kantonalen FDP-Vizepräsidium.

Verliert die FDP ausgerechnet ihre grösste Hoffnungsträgerin? Völlig weg vom Fenster ist Reichlin nicht, sie bleibt Delegierte der FDP Baselland für die nationalen Parteitage. Zudem arbeitet sie seit Anfang Jahr als persönliche Mitarbeiterin des Luzerner Ständerates Damian Müller. Als junger Mensch sei es nicht einfach vorauszusehen, wo sie in zwei, drei Jahren stehe. «Aber mein Wunsch ist schon, in der Baselbieter Politik künftig eine aktive Rolle zu spielen.»

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