Klimaschutz

Die jüngste Diplomatin: «Es bringt nichts, nur unter Gleichgesinnten zu sitzen»

Spricht auch mal im Namen der UNO: Marie-Claire Graf an einer Pressekonferenz in Genf.

Spricht auch mal im Namen der UNO: Marie-Claire Graf an einer Pressekonferenz in Genf.

Die Baselbieterin Marie-Claire Graf weibelt bei Staatschefs auf der ganzen Welt für mehr Klimaschutz. Ein Vorbild will sie aber nicht sein.

Emmanuel Macron, Angela Merkel, Bill Clinton, Al Gore, Greta Thunberg, Simonetta Sommaruga, Ueli Maurer, Doris Leuthard: Es gibt kaum eine Politgrösse, mit der Marie-Claire Graf noch kein Selfie gemacht hat. Ein Selfie, das steht bei «MCG», wie sie sich auch nennt, meist für ein Gespräch. Die Gelterkinderin ist eine von hundert UNO-Klimabotschafterinnen weltweit. Im Zug reist sie durch ganz Europa, hält Reden an Klimagipfeln, pocht auf die Verbindlichkeit der Pariser Klimaziele. Mit 23 Jahren steht sie bereits mitten im Zentrum der Weltpolitik. Wie schafft es eine junge Baselbieterin aus einem 6000 Seelen-Dorf innerhalb weniger Jahre an die Spitze?

Die «Schweiz am Wochenende» trifft die «Schweizer Greta», wie sie ungern, aber häufig genannt wird, in einem Café in Liestal. Es ist ein Lokal, das Graf ausgesucht hat. Hier gibt es auf Wunsch Hafer- statt Kuhmilch. Also auch für MCG.

Die Studentin will konsequent sein und möglichst umweltfreundlich leben. Reisen, die 17 Stunden dauern, sind für sie kurz. «Ich war schon einmal mehr als vierzig Stunden unterwegs», erzählt sie und lacht, «damals bin ich in die Türkei gereist.» Doch die junge Frau ist in einem ständigen Dilemma: Konferenzen ausserhalb Europas lässt sie häufig aus, vergangenes Jahr stieg sie dennoch in ein Flugzeug, um am UNO-Gipfel in New York teilzunehmen. «Ich weiss, dass ich kein Vorbild bin», sagt sie dann.

Nach dem Gymi kam die Karriere

Vor drei Jahren noch sah Marie-Claire Grafs Welt anders aus. Sie hatte gerade die Matura am Gymnasium Liestal absolviert, Schwerpunkt Bio-Chemie. Ihre Maturaarbeit befand ein Professor der Uni Zürich für derart «faszinierend», dass er die talentierte Schülerin an die ETH holen wollte. Dort studierte sie ein Jahr lang Umwelt- und Naturwissenschaften. Und merkte schnell: «Das Meiste wusste ich schon und der Ansatz war mir zu wenig lösungsorientiert.» Sie wechselte Uni und Studienfach. Demnächst hat sie den Bachelor im Sack. Dann ist sie Politologin.

Für Marie-Claire Graf kein Grund zur Pause. Sie will weiterkommen. Auf jede Frage hat sie eine Antwort, sie spricht viel und schnell. Es ist eine Souveränität, die ihr mit ihrem Wissen und einem grossen Netzwerk den Weg zu einer steilen Karriere ebnet. Sie weiss viel – und das weiss sie. Es gibt Stimmen aus der Baselbieter Politik, die der Klimaaktivistin eine «schwierige Art» nachsagen.

Bis heute ist sie SP-Mitglied. Dass die Partei bei den Wahlen im Oktober Sitze einbüssen musste und nicht von der grünen Welle profitierte, ärgert sie. «Die SP hat nicht genug kommuniziert, dass sie sich für Umweltthemen einsetzt», kritisiert sie. Im Ständeratswahlkampf unterstützte sie entgegen der Partei die Grüne Maya Graf. Trotzdem sei die SP die richtige Partei für sie: «Es bringt nichts, nur unter Gleichgesinnten zu sitzen. Hier kann ich mehr bewirken.»

Wirklich aktiv ist sie in der Partei aber nicht. Sie hat keine Lust auf Hickhack und Parteipolitik. Mit der Baselbieter FDP-Vizepräsidentin Naomi Reichlin, einer engen Freundin, organisiert sie jährlich eine Zusammenkunft der wichtigsten Frauen aus Politik und Gesellschaft. Vor fünf Jahren kandidierte sie für die SP für den Landrat. Sie schliesst es nicht aus, dereinst wieder ein politisches Amt anzustreben.
Momentan aber hat sie mit ihren Mandaten und Jobs neben dem Studium kaum Zeit für weitere Engagements. Sie pendelt zwischen dem Elternhaus in «Gelti», verschiedenen Bundesämtern in Bern, dem UNO-Hauptsitz in Genf und der Uni in Zürich. Um sieben Uhr geht sie auf den Zug, nachts um elf kommt sie zurück. Auch nach dem Gespräch eilt sie direkt zum Bahnhof, weiter nach Zürich.

Der Lebenslauf als Prestigeprojekt

Am nächsten Morgen ist Graf bereits wieder in Basel. Im Hotel Euler gleich neben dem Bahnhof verleiht der Basler Arzt Andreas Nidecker gemeinsam mit dem Basel Peace Office zum ersten Mal den Europäischen Jugendpreis. Gut vierzig junge Erwachsene, unter ihnen Klimaexperten und Stadtentwickler, haben sich im Konferenzsaal versammelt. Graf sitzt hinter ihrem MacBook. Mit ernstem Gesicht blickt sie auf ihren Bildschirm. Immer wieder schleicht sich jemand zu ihr, flüstert ihr einige Worte ins Ohr.

Marie-Claire Graf ist die Vordenkerin hinter der Schweizer Klimabewegung. Sie organisierte den ersten Klimastreik im Dezember 2018 mit, gründete die Nachhaltigkeitswoche. Niemals hätte sie gedacht, dass die Bewegung einmal derart schnell an Fahrt gewinnen würde. Ihr Netzwerk wächst täglich. Ihr privates Facebookprofil – «for friends only» – sprengt demnächst die 5000-Grenze. Meist unterhält sie sich mit ihren Freunden auf Englisch. Auch wer in ihrer Muttersprache mit ihr spricht, hört Worte wie «Capacity building», «Reviews» und «Submissions». Sobald sie den Bachelor hat, möchte sie nach Genf ziehen und dort einen binationalen Master starten. Es ist ein weiteres Prestigeprojekt im Lebenslauf. Nur dreissig Personen werden pro Jahrgang zum Studium zugelassen, ein Jahr Austausch an der renommierten Tsinghua Universität in Peking gehört dazu. Dass Marie-Claire Graf bereits im Gymi Chinesisch-Unterricht hatte, versteht sich von selbst.

In Gelti aufgewachsen, in der Natur zuhause

Das Programm ist dicht, das merkt auch Graf. Sie muss sich Grenzen setzen, um nicht zu übertreiben, nimmt sich bewusst Zeit für sich selbst. Einen Tag die Woche arbeitet sie nicht, schaut nicht aufs Handy, antwortet nicht auf E-Mails. Es ist eine Massnahme, wie sie Fachzeitschriften Topmanagern empfehlen.
Würde Marie-Claire Graf nach einer Stunde das Gespräch abbrechen, es könnte der Eindruck entstehen, sie sei verbissen. Doch dann erzählt sie davon, was sie mit der Natur verbindet. Als Mädchen vom Lande war sie viel draussen. «Die Natur war mein Spielplatz», erzählt sie, «ich war im Wald oder habe am Bach mit Steinen gespielt.»

Damals lernte sie die Namen der Bäume und Pflanzen in ihrer Umgebung auswendig. Seit Jahren fährt sie in den Winterferien mit der Familie nach St. Moritz. Es ist der Ort, an dem Graf den Klimawandel spürt. Der Bergsee, der nicht mehr zugefroren ist. Der Morteratschgletscher, den sie so liebt. Schilder zeigen, wo die Eisschicht im Vorjahr war. «Wir müssen manchmal eine Stunde laufen, um zum nächsten Schild zu gelangen», sagt sie trocken.

Es bleibt der Traum von der Segelreise

Plötzlich ist da kein Lachen mehr. Plötzlich ist klar: Grafs Heimat ist weder Gelti, Genf, New York noch Bern. Angekommen ist sie erst, wenn sie draussen ist, in den Bergen, im Wald, am Meer. Sie hat den internationalen Segelschein, wandert, fährt Ski, macht Langlauf. Ihre Liebe zur Natur ist echt, ihr Schmerz über den schleichenden Verlust tief. «Ich möchte meinen Kindern einmal zeigen können, wie ein zugefrorener See aussieht», sagt sie.

Im Sommer will sie mit ihrem Freund nach Afrika reisen. Ihr grösster Traum ist es, über das Mittelmeer zu segeln und danach mit dem Bus weiterzufahren. Das Unterwegssein gibt ihr viel, mehr als die Ruhe, auch wenn sie betont, auch mal nichts tun zu können.

Ihre grösste Stärke ist derweil wohl nicht ihr voller Rucksack oder ihr Organisationstalent, sondern ihre Zuversicht. So gross ihr Frust über die Passivität einzelner Exponenten auch sein mag, sie glaubt daran, dass die Welt wieder ins Gleichgewicht kommen kann. «Bis dahin werden wir aber noch viele Sitzungen brauchen», sagt sie. Die Arbeit, sie wird der jungen Frau nicht so schnell ausgehen. Es scheint, als sei sie erleichtert.

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