Baselbiet

Die Jugendlichen von heute labern auf die originelle Art

Die Jugendsprache hat viel mit Wettbewerb zu tun: Wer findet die besten Sprüche? Die bz zeigt, wie die Jugendlichen im Baselbiet auf dem Schulhof miteinander sprechen. Nicht alle bedienen sich aber an einem anstössigen Vokabular und Kraftausdrücken.

Es ist zehn Uhr. Die Glocke schrillt. Jugendliche stehen laut diskutierend in Grüppchen zusammen. Wir sind auf dem Pausenhof der Sekundarschule Fröschmatt in Pratteln und wollen wissen: Wie spricht die Jugend von heute? Schnell bildet sich ein Pulk interessierter Schüler um uns herum und wir verstehen das eigene Wort nicht mehr. Mitteilungsbedürftig sind die Jugendlichen allemal. Nur: Verstehen wir sie noch?

«Butterbirne, Fickschnitzel, Azzlack.» Was heisst das denn? Ganz genau können es die männlichen Jugendlichen auch nicht sagen. Einfach Schimpfwörter. Schnell wird klar: Jugendsprache besteht für diese jungen Männer zu einem grossen Teil aus Kraftausdrücken und Fäkalwörtern. Regula Schmidlin, Professorin für deutsche Sprachwissenschaft, stellt den «Wettbewerbscharakter» bei Jungen in den Vordergrund: «Wer kann sich am originellsten ausdrücken, wer findet die neuesten Sprüche und punktet somit bei den anderen?» So würden die Jugendlichen agieren.

Aber nicht alle Jugendlichen bedienen sich aus einem anstössigen Vokabular. Ein 17-jähriger Schüler am Gymnasium Liestal sagt: «Ich rede nicht so.» Auch bei einer Mädchen-Gruppe stossen wir auch Unverständnis: «Solche Wörter benutzen wir nicht.»

Balkanslang von vorgestern?

Im «Magazin» des Tages-Anzeiger erschien kürzlich eine Vokabelliste der neuesten Jugendwörter. Die These: Jugendliche sprechen keinen Balkanslang mehr. Das hat sich in der Befragung der bz grösstenteils bestätigt. Im «Magazin» kamen insbesondere Jugendliche aus der Umgebung von Zürich zu Wort. Auf unserer Tour durch Baselland merken wir: Baselbieter Jugendliche sprechen anders. Einzelne Begriffe kennt man Regionen übergreifend, vieles ist jedoch vom Dialekt und der Umgebung abhängig. In Waldenburg hörten wir andere Slang-Wörter als in Reinach.

Sprachexpertin Schmidlin meint: «Jugendliche übernehmen nicht einfach nur globalisierte Szenesprachen und Anglizismen, sie bedienen sich für ihre Wortschöpfungen auch aus ihren regionalen Dialekten.»

Sprechstile und Wörter entstehen innerhalb von kleinen sozialen Gruppen. Durch die gemeinsame Ausdrucksweise werde der Zusammenhalt in einer Gruppe gefördert und die Jugendlichen grenzen sich damit von anderen Gruppen ab.

Wenn der «Babo» kommt

Was für die einen neue Begriffe und Sprechweisen sind, kann für andere schon wieder out sein. Der Begriff «Yolo» war für einige in der Alltagssprache gebräuchlich, andere meinten, so würden nur «Junkies» sprechen.

Wie unterscheiden sich die Geschlechter? Schmidlin meint, «dass Mädchen mit Sexual- und Gewaltwortschatz etwas zurückhaltender sind als Jungen». Dieses Bild hat sich in unserem Test nicht bestätigt. Mädchen reagieren zwar mit Scham auf die Kraftausdrücke der Jungen, aber manche benutzen trotzdem anrüchige Wörter wie «Bitch».

Sprachliche Unterschiede können wir auch zwischen Gymnasiasten und Sekundarschülern feststellen. Die Jugendlichen der Sekundarschule erklären uns wesentlich mehr kreative Wortneubildungen. Zum Beispiel: «Ich gang jetzt maskulin go pumpe!»

Das Wort «Babo» wurde von vielen genannt. Es stammt aus einem deutschen Hip-Hop-Song und bedeutet so viel wie «Chef». In Deutschland wurde es zum Jugendwort des Jahres 2013 gewählt. Einige Wörter schaffen es auch von der SMS-Sprache ins Mündliche. Für Christa Dürscheid, Professorin aus Zürich ist das ein Indiz, dass Jugendsprache immer mehr schriftliche Sprache ist.

Aber lassen wir doch die Jugendlichen selber reden. Denn «Yolo» – wir leben schliesslich alle nur einmal, Alte!

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