Kopf der Woche

Die kleinen Züge sind sein Leben

«Wenn einer so spinnt wie ich»: Modelleisenbähnler Peter Müller inspiziert den Schattenbahnhof der Anlage im ehemaligen Personalhaus des Spitals Breitenbach.

«Wenn einer so spinnt wie ich»: Modelleisenbähnler Peter Müller inspiziert den Schattenbahnhof der Anlage im ehemaligen Personalhaus des Spitals Breitenbach.

Eigentlich wollte der Zwingner Peter Müller Lokomotivführer werden. Es kam anders, aber trotzdem gut.

Wo sich früher die Krankenschwestern von der Arbeit erholten, fahren nun Züge: Der Modelleisenbahnclub Laufen und Umgebung (Meclu) hat sich im ehemaligen Personalhaus des Breitenbacher Spitals eingerichtet. Drei Räume beansprucht alleine die Eisenbahnlandschaft in der Baugrösse H0, die Modelleisenbähnler haben Löcher durch die Wände geschlagen, damit die Züge vom einen ins andere Zimmer fahren können. In einem vierten Raum liegt der Schattenbahnhof, wo die Züge auf zahlreichen Gleisen abgestellt werden.

Beim Augenschein im Vereinslokal macht sich beim Autor zunächst leichte Enttäuschung breit: Erwartet hat er eine Landschaft wie aus der Modellbahnzeitschrift. Zwar haben die Meclu-Mitglieder bereits mehr als 100 Meter Gleise verlegt, doch die Anlage präsentiert sich noch im Rohbau. Ins Auge stechen aufwändige Holzkonstruktionen und ein Kabel-Gewusel. Das alles ist durchaus imposant. Als nächstes steht das Einschottern der Gleise an. «Es ist wie beim Gotthard-Basistunnel. So ein Werk entsteht nicht von heute auf morgen», sagt Peter Müller. Der Zwingner ist nach 17 Präsidenten-Jahren zwar «nur» noch Kassier des Meclu, aber immer noch der unermüdliche Antreiber im Verein und der grösste Spinner von allen.

Müller verweist auf die enorme Vielseitigkeit seines liebsten Hobbys: «Wo sonst ist man Landschaftsarchitekt, Schreiner, Maler, Mechaniker und Elektriker in einem?», fragt Müller rhetorisch. Die Meclu-Mitglieder fertigen sämtliche Bestandteile der Anlage in Eigenregie an, obwohl vieles im Handel erhältlich wäre. So haben sie etwa ein Silikon-Modell geformt, aus dem die Tunnel-Portale gegossen werden können. Die Loks stammen zwar grundsätzlich von einem bekannten Hersteller, allerdings baut der Meclu diese aufwändig um, damit sie auf der Digital-Anlage des Clubs verkehren können.

In der Autowerkstatt gelandet

Es erstaunt nicht, dass Müller eigentlich Lokomotivführer werden wollte. Doch der Jugendliche war nicht ganz frei in seiner Berufswahl. Die elterliche Garage rief – und so landete Peter nicht im Führerstand, sondern in der Autowerkstatt. Der 67-Jährige hadert nicht damit. «Es ist gut, wie es herausgekommen ist», betont er und fügt an: Hätte er beruflich mit der Bahn zu tun gehabt, so würde er heute kaum im Keller an einer Modelleisenbahn basteln.

Ein Argument, das einleuchtet – zumal sein jüngerer Bruder Reinhard genau den umgekehrten Weg einschlug: Dieser arbeitete viele Jahre als Kondukteur bei den SBB, ist heute ein glühender Trabi-Liebhaber und stolzer Präsident das Schweizer Trabant-Clubs.

Peter Müller hingegen bastelte zwar beruflich gerne an Motorfahrzeugen herum, doch er war noch nie an einem Autorennen. Seine Hingabe für die Eisenbahn nimmt da ganz andere Dimensionen an: Müller ist vernarrt in die Rhätische Bahn, insbesondere die zum Unesco-Welterbe zählende Albula- und Bernina-Linie. Schon als er noch berufstätig war, verbrachte Müller jede freie Stunde im Engadin. Zur Hochzeitsreise 1973 nahm Peter seine Heidi nach St. Moritz – und das nicht wegen der schicken Hotels. Später verbrachten die Müllers mit ihren Kindern die Sommerferien nicht wie andere Familien am Mittelmeer, sondern in einem Chalet in Bergün – in Sichtweite zur Bahnlinie, die hier harmonisch in die Berglandschaft eingebettet ist. Und wenn demnächst am Albulapass die jährlichen Welterbe-Tage gefeiert werden, dann hilft er selbstverständlich im Barwagen mit. Müller mag grosse Erfüllung darin finden, im Keller an seiner Anlage zu basteln. Doch ohne Pflege der Geselligkeit würde das Hobby nicht halb so viel Spass machen.

«Wenn einer so spinnt wie ich, dann kann das Eheprobleme geben», räumt Müller gleichwohl ein – und er lobt die riesige Toleranz seiner Frau, die das Hobby des Gatten sogar aktiv unterstützt. Oft wandern die beiden der Bahnstrecke entlang, sie fotografieren ausgiebig, messen stundenlang Steine, Brücken und Gebäude aus. Die Rekognoszierfahrten liefern die Baupläne für die Meclu-Mitglieder, damit diese im Breitenbacher Vereinslokal das weltberühmte Landwasser-Viadukt massstabgetreu konstruieren können.

2800 Euro für ein Schneeräum-Set

Im Keller seines Zwingner Eigenheims hat Müller das Ospizio Bernina nachgebaut. Dass der Bahnhof genau so aussieht wie das Original und er auf seiner Modelleisenbahn nur Züge fahren lässt, die auf der Strecke auch in der Realität verkehren, versteht sich von selbst. Nach fünf Jahren Suche hat er ein Modell des Schneeräumsets der Rhb erstanden, das im Winter auf dem Bernina-Pass im Einsatz ist. 2800 Euro hat es gekostet – ein Schnäppchen für dieses seltene Stück. Müller achtet auch auf andere Details peinlich genau, doch einen «Fehler» hat sein Nachbau: Der Bach, der unweit des Ospizio die Bahnlinie unterquert, liege auf seiner Anlage wenige Zentimeter verschoben, gibt Müller freimütig zu.

Während Müller bei seiner eigenen Anlage bereits am Feinschliff ist, wird jene im Vereinslokal erst in etwa fünf Jahren fertig sein. Müller wird kurz nachdenklich: Das sei in unserer schnelllebigen Zeit wohl ein Grund, weshalb der Club mit Nachwuchssorgen kämpfe. Im Modelleisenbahnbau ist Geduld gefragt, die Ergebnisse dessen, woran man heute arbeitet, sind zum Teil erst nach Jahren sichtbar. Doch genau das macht für Müller die Faszination des Modelleisenbahnbaus aus: «Es ist doch wunderbar zu sehen, wie eine Landschaft langsam entsteht.»

Die Detailversessenheit der Peter Müllers dieser Welt mag einigen bünzlig erscheinen, doch man kann es auch anders sehen: Die Geduld und Hingabe, welche die Modelleisenbähnler in ihr Langzeit-Miniaturprojekt legen, sind Tugenden, deren Bedeutung auch im realen Leben wieder zunehmen dürfte.

Der Modelleisenbahnclub Laufen und Umgebung feiert am kommenden Wochenende sein 35-Jahr-Jubiläum, u.a. mit Dampfbahnfahrten und Führungen durch die Modellanlage. Beim Zentrum Passwang, Breitenbach, Sa 10 bis 18 Uhr, So 10 bis 17 Uhr.

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