Lehrmittel

Die Lehrmittelfreiheit muss warten: «Mille feuilles» vorerst obligatorisch

Seit 2012 lernen Baselbieter Primarschüler mit «Mille feuilles» Französisch. Für 3.- und 4.-Klässler bleibt dies vorerst auch so. (Symbolbild)

Seit 2012 lernen Baselbieter Primarschüler mit «Mille feuilles» Französisch. Für 3.- und 4.-Klässler bleibt dies vorerst auch so. (Symbolbild)

Ab August ist es so weit: Baselland führt im kommenden Schuljahr als erster Kanton in der Volksschule die geleitete Lehrmittelfreiheit über alle Fächer ein. Künftig können Lehrer aus einer vom Bildungsrat abgesegneten Liste ihre Lehrmittel auswählen. So wollte es das Stimmvolk. Recherchen der bz zeigen nun aber, dass die neu gewonnene Freiheit just bei dem Lehrmittel nicht greift, das die ganze Bewegung ausgelöst hatte.

Der Entscheid des Baselbieter Stimmvolks Ende November war wegweisend: Gleich 85 Prozent sagten Ja zur Einführung einer geleiteten Lehrmittelfreiheit an der Volksschule. Eine Pionierleistung, der mehrere Deutschschweizer Kantone nacheifern wollen. Die Freiheit gilt ab dem kommenden Schuljahr zwar für alle Fächer, doch besteht kein Zweifel, dass es der Bevölkerung dabei vor allem um die Aufhebung des Monopols der Passepartoutlehrmittel ging: «Mille feuilles» und «Clin d’Oeil» in Französisch sowie «New World» in Englisch.

Ihnen müssen nun weitere taugliche Lehrmittel zur Seite gestellt werden, die Lehrer an deren Stelle verwenden dürfen. Arbeitsgruppen evaluierten seither pro Fach und Schulstufe Alternativen und erstellten eine Lehrmittelliste. Am 18. Dezember befand der Bildungsrat definitiv darüber. Offiziell kommunizieren möchte er aber erst in der zweiten Januarhälfte, wie es auf Anfrage heisst.

Starke Schule fordert «Léo et Théo» statt Mille feuilles

Schon kurz vor dem definitiven Entscheid attackierte die Passepartout-kritische Starke Schule beider Basel die Auswahl der Arbeitsgruppen bei den Fremdsprachen. In einer Mitteilung bemängelte sie, dass die Arbeitsgruppe Französisch Primar für die ersten beiden Unterrichtsjahre in der 3. und 4. Klasse dem umstrittenen Mille feuilles weiterhin keine Alternative zur Seite gestellt habe – trotz des verbindlichen Auftrags. Laut der Interessen-Gruppierung gebe es mit «Léo et Théo» des italienischen Verlags Eli aber ein «sehr gutes Lehrmittel, das ideal für die 3. und 4. Primarklasse eingesetzt werden kann».

Jürg Wiedemann von der Starken Schule sagt auf Anfrage, dass sich mehrere Baselbieter Primarlehrer bei ihm gemeldet hätten, die Léo et Théo bereits weitgehend oder ergänzend mit Erfolg einsetzen. Diese hätten kürzlich der Baselbieter Bildungsdirektorin Monica Gschwind, die von Amtes wegen Präsidentin des Bildungsrates ist, einen Brief geschrieben mit der Bitte, Léo et Théo doch noch auf die definitive Liste zu nehmen. «Ich glaube, dass Monica Gschwind auch eine Alternative zu Mille feuilles will und der Bildungsrat die Liste der Arbeitsgruppe noch ergänzen könnte», sagt Wiedemann.

Doch wie die «bz» weiss, folgte der Bildungsrat am 18. Dezember der Empfehlung der Arbeitsgruppe. Einzig im Englisch auf Primarstufe nahm er mit «English Plus» noch ein weiteres Lehrmittel als vollwertige Alternative zu New World auf die Liste. Das bedeutet, dass Mille feuilles zumindest im Schuljahr 2020/21 für Dritt- und Viertklässler die einzige Option bleibt.

Mit «Ça roule» kommt erst 2021 eine Alternative auf den Markt

Etwas zu spät, im Januar 2021, plant der Verlag Klett und Balmer. mit «Ça roule» eine Alternative für die 3. Primarklasse auf den Markt zu bringen, wie Geschäftsführerin Irene Schüpfer mitteilt. Drei weitere Bände für die 4. bis 6. Klasse sollen im Jahresrhythmus folgen. Laut Schüpfer ist es nicht möglich, die Veröffentlichung vorzuziehen: «Wir arbeiten seit 2018 mit Hochdruck an Ça roule und hoffen, dass es Mille feuilles bald als Hauptlehrmittel ablösen kann, doch ein Jahr müssen sich die Kantone noch gedulden.»

Doch warum wurde Léo et Théo abgelehnt? Die bz konnte mit der Primarlehrerin Françoise Kessler reden, die in der Arbeitsgruppe sitzt: «Wir haben dieses Lehrmittel seriös geprüft, doch damit können unsere Schüler die Lernziele nicht erreichen. Grundsätzlich ist es für jüngere Kinder gemacht.» Letzterem widerspricht der Ingold Verlag, der Léo et Théo in der Schweiz vertreibt. Es sei bis zur 4. Primar konzipiert. Ab der 5. Klasse schliesse mit «Vite» das nächste Lehrmittel des Eli-Verlags an.

Ingold-Leiter Martin Kaufmann sagt aber selbst: «Damit Léo et Théo als Grundlagenlehrmittel für den Schweizer Markt funktioniert und dem Lehrplan entspricht, bräuchte es eine Adaption.» Dies an die Hand zu nehmen, reizt Kaufmann zwar, doch gebe es noch kein konkretes Projekt. Bisher sei der Schweizer Lehrmittelmarkt nämlich von staatlichen Verlagen dominiert worden. Erst jetzt gebe es Bewegung. Aber: «Bis kommendes Schuljahr ist das nicht zu schaffen, denn was wir nicht wollen, ist ein Schnellschuss.»

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