Das passt hundertprozentig: Die Liestaler Marronifrau Liselotte Lüthi (77) läutet ihre 58. und «definitiv letzte Saison» am kommenden Sonntag mit einem Stedtli-Fest ein. Denn am wohlsten fühlt sie sich, wenn sie mitten unter Leuten ist und diesen eine Freude machen kann. Und das will sie mit ihrem dritten Stedtli-Fest nach 1996 und 2006: Auf dem Programm stehen am Sonntag zwischen 10 und 16 Uhr musikalische Darbietungen von Panflöte bis zu Dixieland, ein Zauberer und ein kulinarisch reich gedeckter Tisch inklusive Marroni.

Ins Bild passt auch, dass Lüthi seit Wochen für ihr Fest weibelt. Und das Resultat darf als Wertschätzung für ihre Person eingestuft werden: Die Stadt erlässt ihr sämtliche Gebühren, die Werkhofmitarbeiter greifen ihr beim Aufstellen von Bühne und Tischgarnituren unter die Arme, der FC Liestal überlässt ihr sein Festzelt, zahlreiche Liestaler Gewerbebetriebe, Banken und Versicherungen unterstützen sie mit Geld- oder Warenspenden und 30 Personen aus ihrem Freundeskreis helfen ihr rund ums Fest.

Und auch ganz Marke Lüthi: Der Überschuss – bei ihrem letzten Stedtli-Fest waren es 14 000 Franken – wird auch dieses Mal in gemeinnützige Institutionen fliessen, nämlich je zur Hälfte an den Tierpark Weihermätteli und an Ruth Gonseths medizinisches Hilfsprojekt «Shanti Med Nepal».

Den Entscheid aufzuhören, fällte Lüthi zu Beginn dieses Jahres: «Es stimmt nichts mehr: Ich mag langsam nicht mehr, es gibt kaum noch gute Marroni und meine Freundin, die mir in den letzten Jahren geholfen hat, zieht ins Ausland.»

Der Teufelskreis um die Marroni

Dass Marroni immer mehr zur Mangelware werden, hängt mit der eingeschleppten Japanischen Edelkastanien-Gallwespe zusammen. Diese Insekten respektive ihre Larven stören die Gewebeentwicklung der Kastanienbäume, was weniger Früchte zur Folge hat. Zudem reagieren die betroffenen Bäume empfindlicher auf Stressfaktoren wie Wettereinflüsse oder Pilze. Und Lüthi ergänzt: «Weniger Ernte bedeutet weniger Verdienst für die Bauern und als Konsequenz weniger Pflege für die Bäume. Das ist ein Teufelskreis.»

Parallel zum Früchtemangel steigen die Einkaufspreise, sodass Lüthi mittlerweile das Marronibräteln mehr als Hobby denn als Verdienst bezeichnet. Letztes Jahr beendete sie ihre Saison mangels guter Ware Anfang Januar – so früh wie noch nie. Jetzt zu Beginn ihrer letzten Saison ist sie noch skeptischer: «Ich rate allen Kunden, die noch Gutscheine haben von mir, diese bis Weihnachten einzulösen. So lange bin ich sicher am Stand.» Doch trotz aller Widrigkeiten fällt es Lüthi sichtbar schwer, aufzuhören und sie ringt bei der Frage, ob bei ihr die Wehmut oder die Erleichterung überwiege, nach Worten. Dann sagt sie: «Da ist sehr viel Wehmut, denn mir fehlen die Leute, die Kinder, die Beziehungen, die Begegnungen.» Und dies, obwohl die Kontakte nicht mehr so intensiv sind wie früher, als sich ihre Kunden nach einem Todesfall oder einer Scheidung noch von ihr trösten liessen. Lüthi: «Die Leute sind verschlossener geworden.»

Natürlich kann Lüthi nach 57 Marroni-Saisons auch viele Anekdoten zum Besten geben. So etwa diese: Als ihr einmal ein verwöhnter Knabe aus begütertem Elternhaus Marroni stehlen wollte, quittierte sie dies mit einer Ohrfeige. Jahre später kam der junge Mann an ihren Stand und bedankte sich für diese Orientierungshilfe in seinem Leben. Oder jener alte, bedürftige Mann, dem sie regelmässig Marroni schenkte, bis sie mitbekam, dass er diese ein paar hundert Meter weiter in einer Beiz gegen einen Schnaps eintauschte.

Was macht die Marronifrau, wenn sie nicht mehr Marroni brätelt? Geht sie nach Nepal, um Gonseths Spital zu besuchen? «Nach Nepal gehe ich sicher nie, weil ich selber ein armes Kind war und die Armut dort nicht erleben will.» Lüthi wuchs in kärglichen Verhältnissen auf, musste noch als halbes Kind den Haushalt schmeissen, ihre kranke Mutter pflegen und ihren Bruder erziehen. Und als sie als 19-Jährige ihre erste Marroni-Saison startete, tat sie das nicht aus Freude, sondern aus der Not, ihre Familie miternähren zu müssen.