Coronavirus

Die neue Baselbieter Kommandozentrale: Ein Besuch beim Teilstab Pandemie

Patrik Reiniger, Leiter des Krisenstabs, am 9-Uhr-Rapport. Hinter ihm die Corona-Datenwand.

Patrik Reiniger, Leiter des Krisenstabs, am 9-Uhr-Rapport. Hinter ihm die Corona-Datenwand.

Der Kantonale Krisenstab hat zur Bewältigung der Notlage den Teilstab Pandemie gegründet. Ein Besuch vor Ort zeigt, wie er arbeitet.

Daniel Grola sitzt in seinem Büro im zweiten Stock des Amtes für Militär und Bevölkerungsschutz in Liestal, wo zurzeit die Fäden des Kantonalen Krisenstabs zusammenlaufen. Er erklärt, wie der Rapport abläuft, der in 23 Minuten, Punkt 9 Uhr, beginnt – die Stimme gedämpft durch die Hygienemaske, aber ruhig. Die Hände, rau und rissig vom vielen Desinfektionsmittel, schwenken bei seinen Ausführungen mit. Anspannung strahlt er keine aus, lediglich der regelmässige, kurze Blick zur Uhr weist darauf hin, wie viel Stress hier zurzeit herrscht. «Wir sind zurzeit Minutentakter», sagt er.

An der Wand kleben farbig leuchtende Zettel, darauf sind Stichworte und Sätze gekritzelt. Ein Überbleibsel eines Workshops zur Optimierung der Gefahrenanalyse, der vor einigen Wochen hätte stattfinden sollen. Doch dann kam Corona. Der Workshop: Verschoben, Nachholzeitpunkt unbekannt.

So wenig wie möglich, so viel wie nötig

Vier Minuten vor Beginn des Rapports betritt Daniel Grola den Einsatz- und Lageraum, bereit, mit seinem Team einen weiteren Tag in der Corona-Notlage zu bestreiten. Grola ist normalerweise Hauptabteilungsleiter Operationen. Er teilt sich momentan mit zwei weiteren Mitarbeitern, Martin Halbeisen und Michael Feller, das Pensum des Stabchefs des Teilstabs Pandemie. Die Funktion erklärt er sinnbildlich: Wenn Patrik Reiniger, Leiter des Krisenstabs, der Kapitän ist, übernimmt der Stabchef die Funktion des Steuermanns. Heute Donnerstag ist Grola der Steuermann.

Daniel Grola (M.) ist zurzeit Stabchef und leitet den Rapport.

Daniel Grola (M.) ist zurzeit Stabchef und leitet den Rapport.

Während seine Kollegen Feller und Halbeisen bereits rund zehn und zwanzig Jahre im Krisenstab tätig sind, ist Grola erst im vergangenen September dazugestossen. Und muss nur drei Monate nach seinem Antritt eine Notlage bewältigen, die der Kantonale Krisenstab in dieser Dimension noch nie erlebt hat. Einen Einsatz im niederschwelligeren Ausmass hatte Grola schon: Vergangenes Jahr, als das Liestaler Trinkwasser verschmutzt war, war er Stabchef des regionalen Führungsstabs Ergolz. Mit der jetzigen Situation ist das nicht vergleichbar. Doch, wie Grola sagt, funktioniert der Teilstab Pandemie bereits nach wenigen Wochen gut: «Es ist eine Freude, zu sehen, dass das, was man so lange geübt hat, auch im Ernstfall klappt.» Dafür sind die Mitarbeitenden zurzeit alle im selben Modus: schnelles Arbeiten, ohne Zeit zu verschwenden.

Das zeigt sich auch am 9-Uhr-Rapport. Er findet täglich statt, anwesend sind der Kernstab, bestehend aus der Stableitung, dem Leiter des kantonalen Krisenstabs, dem Lagedienst und den Fachdiensten Gesundheit, Information, Logistik und Zivilschutz sowie Vertreter der Armee, des Labors und die Chefs der mobilen Test-Teams und Abklärungsstationen. Sie alle sitzen um einen ovalen Tisch – die Hygienemasken sind Pflicht, weil nicht genügend Abstand gehalten werden kann.

Im Raum verteilt stehen drei Bildschirme: Einer zeigt die weltweite Lage – 472'109 Infizierte, 21'308 Tote. Rote Punkte signalisieren, wo sich die Infizierten befinden. Europa ist kaum noch zu erkennen, ein Geschwulst aus roten Flecken deutet lediglich die Form des Kontinents an. Auf den anderen beiden Bildschirmen wird die Lage im Kanton Baselland gezeigt. Nacheinander nennen die Anwesenden die wichtigsten Punkte aus ihrem Bereich für die aktuelle Lage. Grola lässt sie ausreden, es kommen kurze Diskussionen auf – die Themen reichen vom Zurückschrauben des Personals an den Abklärungsstationen, weil weniger Patienten kommen, bis zur Möglichkeit, die geprüft werden soll, Hygienemasken zu desinfizieren und so mehrmals zu tragen. Wenn Grola merkt, dass ein Thema besser bilateral geklärt wird, klemmt er ab. Es wird kein Wort zu viel gesagt, der Steuermann sorgt dafür, dass der tägliche Rapport speditiv durchgeführt wird und alle zurück an die Arbeit können. 38 Minuten später ist der Rapport vorbei. Der Bildschirm zeigt 472'790 Infizierte und 21'313 Tote an.

Wenn wenige Stunden später alles anders ist

«Es ist alles im grünen Bereich», fasst Grola, wieder in seinem Büro, zusammen. Das ist das wichtigste, das er aus dem Rapport mitnimmt. «Jetzt dürfen wir uns aber nicht zurücklehnen. Die Welle könnte erst noch kommen», fügt er an. Er soll Recht behalten: Bereits am Nachmittag wird bekannt, dass die Fallzahlen wieder stärker zunehmen. Es gibt 81 Neuinfektionen.

Doch um 11 Uhr weiss Grola noch nicht von den neusten Entwicklungen. Und auch so hat er schon einen langen Tag vor sich. Er zeigt auf die Pendenzenliste, die vor ihm auf dem Tisch liegt und zieht die Augenbrauen hoch. Dann der Blick zur Uhr. «Erst mal gibt es eine Kaffeepause», sagt er und lacht.

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