Liestal

Die neue Einkaufsstrasse lässt das Stedtli aufblühen

Boulevardartige Weite, neue Märkte und fast alle leeren Ladenlokalitäten konnten wieder besetzt werden – die Liestaler Altstadt ist endlich fit für die Zukunft.

Der Leidensdruck während der Bauzeit war gross, die Vorfreude auf die neue Rathausstrasse ist jetzt umso grösser. Denn die Ingredienzen für eine erfolgreiche Zukunft von Liestals wichtigster Einkaufsstrasse stimmen. Alles überstrahlt die über grössere Abschnitte praktisch fertig sanierte Strasse; mit ihrem neuen, trottoirlosen Erscheinungsbild suggeriert sie eine boulevardartige Weite und Grosszügigkeit, die auch genutzt werden soll. Wie, das erklärt Stedtlientwickler Thomas Bretscher: Restaurant- und Ladenbetreiber dürfen beidseits so weit herausstuhlen respektive ihre Ware anbieten, dass in der Strassenmitte noch eine 3,5 Meter breite Rettungsgasse frei bleibt. Und das gebührenlos, wie die neue Allmendverordnung zugesteht.

Allerdings gibt es im Moment noch eine Herausforderung: Weil die neue Rathausstrasse über keine Blindenführstreifen verfügt, muss beim anstehenden Besichtigungstermin mit Procap eine alternative Lösung gefunden werden.

Zur Aufbruchstimmung gehört weiter, dass mit einer Ausnahme beim Törli alle leeren Ladenlokalitäten wieder besetzt werden konnten. So eröffnet im ehemaligen PKZ am oberen Ende der Rathausstrasse offenbar in nächster Zeit ein Unternehmen, das Frequenzen ins Stedtli bringen soll. Um wen respektive um welche Branche es sich handelt, will die Vermieterin, die Hess Investment Gruppe im thurgauischen Amriswil, derzeit noch nicht preisgeben. Der Neue kommt anstelle der einst angekündigten Gourmet-Burger-Kette Holy Cow, die zwar den Mietvertrag unterschrieben hat, aber nie eingezogen ist.

Kanadierin eröffnet Outdoor-Laden

Im unteren Drittel der Rathausstrasse zieht «Strub Activewear» in die verwaiste Vögele-Shoes-Filiale und vis-à-vis «Dekorativ» ins ehemalige Damenmodegeschäft La Scala ein. «Strub Activewear» verkauft Outdoor-Artikel bekannter Marken von Kleidern bis zu Schuhen «vor allem für Kunden ab etwa Alter 40, die praktische und bequeme Utensilien schätzen», wie Inhaberin Conny Strub anfügt. Sie ist eine Exotin unter den Liestaler Ladenbetreibern. Denn Strub wohnt seit 25 Jahren in Vancouver, wo sie ein gleichartiges Geschäft führt, und wo auch der Sitz ihrer Firma ist.

Vor drei Jahren eröffnete sie eine Zweigniederlassung in Zürich, für die ihre Schwester Irmgard Herzog die Filialleitung übernahm. Doch bald erwies sich die Ladenfläche als zu klein, und die beiden Frauen suchten im Internet nach einer Ersatzlösung. «Dabei sind wir auf die mit 130 Quadratmeter etwa doppelt so grosse Lokalität an dieser Superlage in Liestal gestossen. Und als wir noch hörten, wie die neue Rathausstrasse aussehen wird und welche Aktivitäten geplant sind, war für uns klar: Das ist der ideale Standort.» «Strub Activewear» öffnet Ende November und startet mit 250 Stellenprozenten.

Da kocht «Dekorativ» auf der gegenüber liegenden Strassenseite auf kleinerem Feuer. Aber auch dieser Laden hat einen interessanten Hintergrund: Leiterin Bea Trachsel hat ihre bisherige, 24-jährige Berufskarriere bei Manor absolviert, unter anderem als Abteilungsleiterin in Liestal. Jetzt wagt sie den Schritt in die Selbstständigkeit: «Ich trage seit der Lehre die Idee von einem eigenen Geschäft mit mir herum. Und weil eine der beiden Lokalitäten im Stedtli, auf die ich schon länger ein Auge geworfen habe, frei wurde und ich Lust auf Neues habe, habe ich zugegriffen.» Trachsels Sortiment besteht aus Wohnaccessoires, Kerzen und Geschenkartikeln. Sie eröffnet ihr neues Geschäft am 1. Dezember.

Einen Tag später ist es dann so weit: Die neue Rathausstrasse wird unter dem Motto «Goldener Samstag» mit einem reichhaltigen Programm offiziell eingeweiht. Tätschmeister Thomas Bretscher erwähnt etwa ein «innovatives Frühstück» bei einer Vielzahl von Liestaler Gastronomen für fünf Franken, den Auftritt der «Harley Niggi Näggi», das Bespielen der Rathausstrasse durch 50 Detaillisten, dazu Musik und Fondue. Ab 6. Dezember folgt der traditionelle, ab diesem Jahr aber um zwei Tage verlängerte Weihnachtsmarkt.

Ein sozusagen neues und altes Zeitalter zugleich läutet der 17. März 2018 ein: Liestal will seinem Jahrhunderte alten Nimbus, wichtiger Marktflecken zu sein, kräftiges Leben einhauchen. Den Start macht ein Genussmarkt mit mindestens 30 Produzenten aus der Region in der Rathausstrasse. Das aber nicht als einmaliges Strohfeuer, sondern fortan wöchentlich jeden Samstag. Bretscher sagt: «Der Genussmarkt soll von einem saisonalen, regionalen und qualitativ guten Angebot geprägt werden.» Heute findet unter der Leitung von Bretscher die Startsitzung mit Produzenten, Kunden, Marktspezialisten und dem Landwirtschaftlichen Zentrum Ebenrain statt. Jeweils im Mai und August soll der Genussmarkt mit einem ebenfalls im Stedtli stattfindenden Flohmarkt angereichert werden, wobei die Kinder einen eigenen Bereich erhalten sollen.

Events versus Online-Handel

Der bisher viermal jährlich stattfindende Warenmarkt wird ab nächstem Jahr auf einen Frühlings- und Herbstmarkt halbiert. Dafür soll sich der Markt-Perimeter neu über die ganze Altstadt erstrecken und mit einem Chilbi-Betrieb am Fischmarkt ergänzt werden. Angedacht ist auch, den Warenmarkt mit Themenmärkten wie einem Blumen- oder Weinmarkt zu bereichern. Bretscher steht derzeit im Austausch mit dem Marktfahrerverband, gesteht aber ein: «Die grosse Herausforderung ist, die ganze Altstadt mit attraktiven Ständen zu füllen. Wir müssen jetzt mit unseren guten Voraussetzungen von der Infrastruktur bis zur Atmosphäre um spannende, innovative Marktfahrer buhlen.»

All diese Anstrengungen haben ein klares Ziel. Bretscher: «Vor allem der Online-Handel macht den Detaillisten das Leben schwer, daran ändert die neue Rathausstrasse per se nicht viel. Sie gibt aber den idealen Rahmen ab, um zusätzliche Frequenzen ins Stedtli zu bringen. Und genau das streben wir mit unseren Events an. Die Leute sollen Liestal kennen und Ausstrahlung und Angebot schätzen lernen.»

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