Gesundheitswesen

Die oberste Apothekerin im Baselbiet über Xanax, Dr. Google und wissbegierige Kundschaft

Katherine Gessler in ihrer eigenen Apotheke in Gelterkinden.

Katherine Gessler in ihrer eigenen Apotheke in Gelterkinden.

Seit rund einem Jahr leitet Katherine Gessler (41) den Basellandschaftlichen Apotheker-Verband.

Welche Kundin, welcher Kunde ist Ihnen am liebsten?

Katherine Gessler: Die ideale Kundin ist wissbegierig und getraut sich, Fragen zu stellen.

Wieso ist das ideal?

Weil es unsere Arbeit erleichtert, wenn die Kunden kommunikativ sind. Zum Beispiel nach einem Spitalaustritt: Wenn die Menschen mit dem Austrittsrezept zu uns kommen, haben sie in der Regel jede Menge Fragen, die ihnen im Spital nicht beantwortet worden sind. Wir müssen ihnen dann erklären, wieso sie welche Medikamente nehmen sollen. Die lebenslange Aspirineinnahme nach einem Herzinfarkt ist so ein «Klassiker». Sobald unsere Kunden wissen, wieso das nötig ist, in diesem Fall zur Blutverdünnung, ist die Akzeptanz da.

Das heisst, die Spitäler machen ihre Aufgabe beim Austritt nicht richtig.

Das würde ich so nicht sagen. In der Akutbehandlung im Spital sind viele andere Dinge vordringlicher als das Vermitteln solcher Informationen. Aber das ist das Gute an unserer Rolle. Die Apotheke ist stets vor Ort ein wichtiger und leicht zugänglicher Ansprechpartner.

Sie schätzen die neugierige Kundschaft. Es gibt Ärzte, die sie verdammen.

Die Herausforderung sind die vielen Falschinformationen, die im Internet kursieren. «Dr. Google» kann manchmal ziemlich falsch liegen. Eine Kundin kam völlig aufgelöst zu mir, weil sie im Internet gelesen hatte, dass sich Noroviren in der Waschmaschine vermehren. Logisch, bekam sie es mit der Angst zu tun. Es braucht dann viel Überzeugungsarbeit, solche Falschinformationen richtigzustellen.

Sie warnen also auch vor Ferndiagnosen via Internet?

Wenn eine Kundin ihr Kopfweh googelt und dann als mögliche Ursache einen Gehirntumor erhält, ist das ziemlich über das Ziel hinausgeschossen. Gerade in einer Zeit, in der immer weniger Menschen einen Hausarzt haben, spüren wir unsere wachsende Bedeutung als erste medizinische Anlaufstelle.

Die Informationen aus dem Netz sind das eine, die Bestellmöglichkeiten nach Hause das andere. Wie stark spüren sie den Konkurrenzdruck aus dem Internet?

Der Preisdruck ist massiv, das stimmt. Die Menschen kaufen inzwischen überall Medikamente ein, auch im grenznahen Ausland. Wobei nicht alle Medikamente im Ausland zwangsläufig günstiger sind als bei uns. Dazu kommt die teils mangelnde Qualität und Wirksamkeit von Medikamenten, die im Internet bestellt werden.

Hand aufs Herz: Sind die Medikamentenpreise in Ihrer Apotheke zu hoch?

Ich finde, unsere Preise sind angemessen. Im Preis ist ja nicht nur das Medikament eingerechnet, sondern auch die Arbeit der Pharma-Assistentin und des Apothekers, der fachgerechte Transport und die temperaturkontrollierte Lagerung sowie die kompetente Beratung.

Worin besteht Ihr Vorteil, dass Sie eine Dorfapotheke führen?

In Gelterkinden sind wir überaus privilegiert, weil wir uns auf eine ausserordentlich treue Stammkundschaft verlassen können. Dies hilft uns auch insofern, als wir unsere Patienten befragen können, wie neue Präparate wirken.

Andere Ihrer Berufskolleginnen und Berufskollegen sind nicht so privilegiert, auch nicht von der Lage ihrer Geschäfte her. Wie geht es den Apotheken im Baselbiet allgemein?

Ich schätze die Lage als insgesamt stabil ein. Natürlich kommt es immer wieder zu Geschäftsverkäufen und Übernahmen aus Altersgründen. Da ist dann die gute Nachfolgeregelung entscheidend. Grosse Veränderungen im Umfeld einer Apotheke, wie zum Beispiel eine langdauernde Baustelle, können sich aber durchaus existenzgefährdend auswirken.

Wenn Sie sich bei Ihren Verbandsmitgliedern umhören, wo drückt der Schuh?

Die grosse Frage, die alle bewegt, ist: Was bringt die Zukunft? Die Verhandlungen darüber, wie und in welcher Form die Apotheken auch in Zukunft direkt mit den Krankenkassen abrechnen können, sind noch nicht abgeschlossen. Der Ausgang dieser Verhandlungen wird mitentscheidend sein für unsere Zukunft. Auch beschäftigen uns die Veränderungen bei den Medikamenten-Listungen. Die Aufhebung der C-Medikamenten-Liste hat uns eine Gratwanderung zwischen dem Erfüllen von Kundenwünschen und der Einhaltung der rechtlichen Bestimmungen beschert.

Das müssen Sie ausführen.

Nicht alle Patienten verstehen, weshalb sie für ein während Jahren rezeptfrei bezogenes Hustenmittel plötzlich ein Rezept benötigen. Zwar besteht die Möglichkeit, dieses nach einer entsprechenden Beratung und umfangreichen Dokumentation abzugeben, doch ärgern sich die Kunden, wenn ihre Apotheke, salopp gesagt, plötzlich «schwierig tut». Hier der Kundschaft die Absicht des Gesetzgebers zu erklären, kann ziemlich anspruchsvoll sein.

Verstehen Sie die Absicht des Gesetzgebers?

Ja, denn bei gewissen Substanzen machen die schärferen Bestimmungen Sinn, indem sie das Missbrauchspotenzial einschränken. Dies wiederum erleichtert unseren Arbeitsalltag. Ich habe früher immer wieder mal die Herausgabe von gewissen rezeptfreien Medikamenten auf der C-Liste verweigern müssen, weil ich einen Missbrauch vermutete; etwa bei besagtem Hustensaft, der früher ab 18 Jahren frei erhältlich war. Das konnte zu Konflikten führen. Jetzt sind die Bestimmungen klarer.

Wie akut ist dieses Thema?

Das Thema der missbräuchlichen Medikamentenbezüge nimmt zu. Ich denke da an Menschen, die von Schlafmitteln abhängig sind, mehr davon einnehmen, als sie dürften, und sich diese mit allerlei Tricks zu erschleichen suchen. Gerade bei Jugendlichen sind die erwähnten Hustensäfte sehr beliebt.

Kürzlich machte ein Sekundarschüler in Gelterkinden Schlagzeilen wegen des Missbrauchs von Xanax. Wie denken Sie über diesen Fall?

Auch hier reden wir von zweifelhaften Informationen aus dem Internet: Dort lesen die Jugendlichen, welche Medikamente «Spass machen» und wie man sie beschafft. Xanax ist ein sehr stark wirkendes Medikament gegen Angststörungen, das rasch abhängig machen kann.

Was wissen Sie über die Bezugsquellen? Ist Ihnen in Ihrem Geschäft eine verstärkte Nachfrage nach Xanax aufgefallen?

Zu den Bezugsquellen kann ich nichts sagen. Eine aussergewöhnliche Nachfrage hatten wir keine, wobei es absolut keinen Grund gibt, Xanax ohne spezifisches Rezept abzugeben. So etwas zu tun, käme mir nie in den Sinn.

Die Saison der Grippeimpfungen neigt sich dem Ende zu. Entwickeln sich diese zum Fluch oder Segen für die Apotheken?

Ich sehe das grundsätzlich positiv und als sinnvolle Angebotserweiterung der Apotheken. Das sage ich jetzt nicht etwa wegen der zusätzlichen Verdienstmöglichkeiten. Grippe ist nicht harmlos, jedes Jahr sterben in der Schweiz mehrere Hundert Personen. Je mehr Menschen geimpft sind, umso besser ist die Bevölkerung geschützt. Im Rahmen der Grippeimpfung stellen wir unseren Kunden das elektronische Impfdossier vor. Wir wissen, dass 30 Prozent der Erwachsenen keinen vollständigen Impfschutz aufweisen. Wenn wir unsere Kundinnen und Kunden dank des elektronischen Impfdossiers auf solche Lücken im Impfschutz hinweisen können, kommt das in der Regel gut an.

Im Gespräch mit Ihnen merkt man: Sie sind mit Leib und Seele Apothekerin. Was stellt für Sie die grösste Alltagsherausforderung dar?

Dass wir stets medizinisch auf dem neuesten Stand bleiben. Das medizinische Wissen erneuert sich rasch. Für uns ist jeder Arbeitstag wie eine Weiterbildung. Aber das ist auch das Faszinierende an unserem Beruf: Man weiss nie, was der neue Tag bringt.

Meistgesehen

Artboard 1