Der Kanton Baselland greift bei der Rohner AG durch. Weil das Prattler Chemie-Unternehmen diversen Forderungen der Behörden nicht oder nur teilweise nachgekommen ist, muss es per sofort sein Abwassersystem ausser Betrieb setzen. Die Massnahme verfügte das kantonale Amt für Umweltschutz und Energie (AUE) am Donnerstag, wie die Baselbieter Bau- und Umweltschutz-Direktion (BUD) am Tag darauf mitteilte.

Für die Rohner AG sind die Folgen verheerend: Kann sie kein Abwasser mehr ableiten, ist es ihr nicht mehr möglich, den Betrieb aufrechtzuerhalten. Abwasser mittels Tanklastwagen abzuführen oder in allfälligen Reservoirs zu sammeln, stellt kaum eine praktikable Lösung dar.

Somit steht die Produktion aller Bereiche still, wie Mitarbeiter gegenüber der «Schweiz am Wochenende» bestätigen. Hinzu kommt: Die IWB hat dem Unternehmen die Gaslieferungen eingestellt. Der Basler Energieversorger begründet den Schritt auf Anfrage mit nicht erfüllten Forderungen und ausstehenden Zahlungen.

Die Massnahme des AUE ist die Folge eines Lecks, das Ende Februar 2019 in einer Abwasserleitung der Rohner AG entdeckt worden war. Durch die undichte Stelle versickerte über längere Zeit Abwasser unbehandelt im Untergrund. Wie die BUD schreibt, handelt es sich um «mutmasslich mehrere Millionen Liter Industrieabwasser», die ungereinigt ins Grundwasser gelangten. Eine weitere Massnahme, die Rohner auferlegt worden ist: Sie muss die Menge an potenziell giftigen Flüssigkeiten, die auf dem Firmengelände lagern, abbauen.

Laut BUD hat Rohner Chem diese Vorgabe nicht eingehalten – das wiederum sei der Anlass gewesen für das verhängte Abwasser-Ableitungsverbot.

Staatsanwaltschaft ermittelt

Bekannt ist nun auch die Dimension der Umweltverschmutzung. Das AUE geht davon aus, dass zwischen November 2018 bis Mitte Februar insgesamt rund 15 Millionen Liter Industrieabwasser versickert sind. Betroffen ist das Areal der Firma in Pratteln nordöstlich der Kreuzung Gempenstrasse-Baslerstrasse. Ab Mitte März wurden laut AUE auch bei Messstellen nördlich der Industriestrasse erste Verunreinigungen festgestellt.

Eine direkte Gefährdung für Menschen kann gemäss AUE nach wie vor ausgeschlossen werden. Das hat damit zu tun, dass im betroffenen Gebiet und im Grundwasser-Abstrom des Areals kein Trinkwasser gefasst wird.

Das AUE beziffert die bislang entstandenen Kosten auf rund 300 000 Franken. Wie die BUD auf Anfrage mitteilt, gilt das Verursacherprinzip. Das bedeutet: Grundsätzlich muss der Verursacher der Verschmutzung für die Kosten aufkommen. Die Baselbieter Staatsanwaltschaft bestätigt auf Anfrage zwei hängige strafrechtliche Untersuchungen gegen Rohner Chem. Eine betrifft die Explosion auf dem Firmengelände beim Bahnhof Pratteln im Februar 2016, die andere die mutmassliche Grundwasserverschmutzung. Es könnten Verstösse gegen das Umweltschutzgesetz vorliegen.

Die Gemeinde Pratteln zeigt sich in einer Medienmitteilung vom Freitag «befremdet über das tatsächliche Ausmass des Lecks und den entstandenen Grundwasserschaden». Die Verfügung des Kantons sei «ein logischer Schritt, um die Sicherheit der Bevölkerung und den Schutz der Umwelt zu gewährleisten.» In Pratteln wurde die Kritik an der Firma immer lauter. So lancierten Einwohner eine Petition gegen das Unternehmen.

Die Rohner AG war am Freitag für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Löhne nicht bezahlt

Das Unternehmen kämpft seit geraumer Zeit mit Problemen. Gemäss Aussagen von Mitarbeitern belaufen sich die Ausstände gegenüber der Belegschaft auf mittlerweile drei Monatslöhne. Ein Grossteil der Mitarbeiter hat die Arbeit niedergelegt und plant, per Ende Juni zu künden. Deshalb lief die Produktion laut Informationen der «Schweiz am Wochenende» bereits länger nur noch auf Sparflamme. Ein weiterer Grund dafür war, dass Lieferanten, die auf ihr Geld warteten, Waren zurückhielten. Im März ergaben zudem Recherchen der bz, dass die Betriebsfeuerwehr durch zwei Tests gefallen war.

Das AUE hatte im Februar Sofortmassnahmen ergriffen. Mit Grundwasserpumpen wurde verunreinigtes Wasser abgepumpt und der Abwasser-Reinigungsanlage (ARA) Rhein zugeführt. «Damit konnten bis heute schätzungsweise ein Drittel der ins Grundwasser gelangten Stoffe entfernt werden», schreibt die Baudirektion.

Als nächsten Schritt wird das AUE die Räumung des Hoflagers in die Wege leiten. Das Amt schätzt die Menge der auf dem Firmenareal gelagerten flüssigen Abfälle auf 160 Tonnen. Laut einem Abbauplan wären lediglich 50 Tonnen erlaubt. Per Ende Juli hätte das Lager sogar komplett abgebaut sein müssen.
Mitarbeit: Michael Nittnaus

UPDATE

Rohner reagiert betupft

Am Freitagabend erreichte die Redaktion doch noch eine Stellungnahme der Rohner AG. Das Unternehmen hält fest, in der Verfügung des AUE sei der Vorwurf enthalten, Rohner Chem habe die vom Kanton angeordneten Massnahmen «nicht vollumfänglich umgesetzt». Eine Erklärung darüber, was darunter genau zu verstehen sei, habe man aber trotz Nachfrage nicht erhalten. Man erwarte nun von den zuständigen Stellen eine «sachliche Stellungnahme». 

Weiter schreibt die Rohner AG, die Ergebnisse der Grundwasseruntersuchung seien ihr nicht vorgelegen, trotz Zusage seitens Amt für Umweltschutz und Energie (AUE) sowie Bau- und Umweltschutz-Direktion (BUD). Ohne Einsicht in die Daten der Analyse sei die Frage weiterhin unbeantwortet, ob tatsächlich Rohner Verursacherin der Grundwasserverunreinigung sei.