Das Ende der Grün 80

Die Queen, der Dino und die nicht gezündete Bombe

Vor vierzig Jahren ging die Grün 80 zu Ende. Die Gartenbau-Expo wurde medial zerrupft und von vielen Fachleuten geschmäht – beim Publikum kam sie aber gut an. Der damalige Direktor sagt, die Ausstellung wäre heute kaum mehr möglich.

Hans-Peter Ryhiner spaziert dem Ufer des St.-Alban-Sees entlang. «Etwa hier führte die Monorailbahn übers Wasser.» Der Direktor der Grün 80 zeigt mit dem Finger in die Luft. «Das Ufer ist noch ziemlich genau so wie damals.» Und bald ist wieder eine halbe Stunde um. Dann sprudelt die Wasserfontäne. Eine Idylle. Noch heute.

«Innere Zufriedenheit»: Grün-80-Direktor Ryhiner.

«Innere Zufriedenheit»: Grün-80-Direktor Ryhiner.

Doch die Grün 80 war nicht nur idyllisch. Ein glücklicherweise misslungenes Sprengstoffattentat. Demonstranten beim Besuch der Queen. Polemische TV-Beiträge. Zank ums Defizit. Am Eröffnungstag leiteten Unbekannte eine Substanz in den Zulauf des St.-Alban-Sees. Das Wasser färbte sich froschgrün. Hans-Peter Ryhiner erinnert sich: «Es kursierten Flugblätter, auf denen stand: ‹Gift-Grün-80!›.»

Ausschnitte aus dem Film zur Grün 80

Als die Queen eine Blutbuche pflanzte

Der Film zur Grün 80 galt als verschollen. Im August 2020 stellte ihn das Staatsarchiv Baselland dem Direktor der Gartenausstellung, Hans-Peter Ryhiner, zu. Hier sehen sie ein Best-of des im Original 23 Minuten langen Streifens. 

Doch das Publikum mochte die Gartenbau-Expo, nichtsdestotrotz. Da konnte selbst das Wetter nichts ausrichten: Kühlster Sommer seit 1919. Am 12. Oktober 1980, am Montag vor 40 Jahren, ging die zweite und bislang letzte Schweizerische Ausstellung für Garten- und Landschaftsbau zu Ende. 3,6 Millionen Menschen strömten während 184 Tagen in die Brüglinger Ebene. Das Ziel lautete 3 Millionen. Trotzdem klaffte ein Loch in der Kasse: 6,8 Millionen Franken. Es folgte ein Geplänkel um die Anlagen. Die hätte Basel-Stadt übernehmen können. Ihr Wert hätte das Defizit übertroffen, bei Weitem. Doch die Übernahme wurde per Volksinitiative verhindert.

Steht heute im Europapark: Tour St. Jacques mit drehbarer Plattform.

Steht heute im Europapark: Tour St. Jacques mit drehbarer Plattform.

Schon bei den ersten Planungen 1977 hatte es Reibereien gegeben. Wegen einer durchkommerzialisierten Blumenschau werde ein Bauer vertrieben, hiess es. Ein Schlagwort machte die Runde: «Prüglinger Ebene».

«So rasch wird es keine dritte mehr geben»: Wie wahr!

«Die Grün 80 ist seit 20 Jahren erst die zweite Gartenbauausstellung», heisst es im Schlussbericht zur Grün 80. «So rasch wird es keine dritte mehr geben.» Man sollte Recht behalten. Im Nachhinein stellt sich der Werbeslogan als Prophezeiung heraus: «Die unvergesslichste Naturschau für lange.»

Über die schlechte Presse, die gehässigen Briefe, die Anfeindungen – über all das kann Hans-Peter Ryhiner heute lachen. Er sitzt im Restaurant Seegarten, auch ein Relikt der Gartenschau, und geniesst einen Kaffee. Der Blick führt zu den beiden Seen und zum Hügel dazwischen. Hinter ihm lugt der Dino hervor. Ein Vater lässt einen Drachen steigen. Genugtuung. Das sei es, was er empfinde, sagt der 82-Jährige, der an der ETH Architektur studierte und eher zufällig zum Direktorenposten gekommen sei, wie er sagt. «Genugtuung, dass wir die Ziele, die wir uns gesetzt hatten, erreicht haben. Dass wir nachhaltig gearbeitet haben – das Wort gab es damals noch gar nicht. Ich verspüre eine innere Zufriedenheit.»

Steht für Vergänglichkeit: der Dino.

Steht für Vergänglichkeit: der Dino.

Gewisse Journalisten hatten die Grün 80 auf dem Kieker. In der Sendung «Menschen, Technik, Wissenschaft» des Schweizer Fernsehens DRS war von einer «verpassten Chance» die Rede. Die ökologischen Inhalte seien «gesamthaft misslungen». Zum Ausstellungssektor Erde hiess es, ein «ganzes Heer von zeigefingerreckenden Oberlehrern» müsse am Werk gewesen sein. Télévision Suisse Romande riet offen davon ab, die, O-Ton, überteuerte Kommerzschau zu besuchen.

Der WWF lobt die Ausstellung: «Ökologisch wertvolle Flächen»

In einem Beitrag zeigte TSR einen toten Fisch, angeblich ein Beweis für die miserable Wasserqualität der neu angelegten Teiche. «Das war fast boshaft», sagt Ryhiner. «Wenn solche Bilder einmal in die Welt gesetzt sind, bieten sie kaum eine Chance, Gegensteuer zu geben.» Genau deshalb, wegen Kampagnen wie dieser, sei eine Grün 80 heute kaum mehr machbar, ist Ryhiner überzeugt. Die Möglichkeiten, jemanden anzugreifen und zu diffamieren, hätten sich vervielfacht. «Jede Splittergruppe kann ihre Botschaften verbreiten. Und auch wenn die Behauptungen irrwitzig sind, finden sie, Social Media sei Dank, Gläubige.» Er beobachte eine «erodierende Kontextbildung».

Hinzu komme, dass man kaum mehr bereit sei, Risiken einzugehen. Das Coronavirus tue jetzt noch das seinige dazu. «Auch die Expo.02 hatte Mühe», sagt Ryhiner. «Es hiess, es dürfe nichts stehen bleiben, gar nichts». Dabei sei doch genau das ein Ziel einer Ausstellung: «Dass man Spuren hinterlässt. Dass etwas Gutes bleibt.»

Die Grün-80-Macher mussten den Spagat machen. Träger der Ausstellung war nicht die öffentliche Hand, es war der Verband Schweizerischer Gärtnermeister. Ihnen sollte auch etwas geboten werden. Die Grün 80 war beides: Rummelplatz und Fachmesse in einem.

Umweltschutzgedanke war noch nicht überall angekommen

Und da war noch ein hehrer Anspruch. Es gehe darum, hält die Präambel im erwähnten Schlussbericht zur Grün 80 fest, Problemstellungen zum Thema Mensch und Natur zu bilden und einen Beitrag zu leisten zur Verbesserung der Lebensqualität. Das klang zum Ende der 1970er in vielen Ohren ungewohnt: Der Autoboom hallte nach, der Umweltschutzgedanke war noch nicht überall angekommen.

Ob die Denkanstösse das Gros des Publikums erreichten, darf bezweifelt werden. Es sei zu vermuten, hält der Schlussbericht selber fest, dass die Besucher eher nicht mit Problemen unserer ökologischen Zukunft konfrontiert werden wollten. Sie würden wohl «lieber Blumen betrachten».

Das Plakat – erstaunlich verspielt.

Das Plakat – erstaunlich verspielt.

Der Dino sollte an die Vergänglichkeit erinnern

Die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit verkörpert der Dino. Die Botschaft des Apatosaurus: Wer sich nicht an seine Umwelt anpasst, stirbt aus – egal, wie gross und stark er ist. Gemeint war der Mensch, der daran ist, seine Lebensgrundlagen zu zerstören. Doch nicht nur für die Kinder war der Dino einfach ein knuffiger Gigant.

Das Modell wurde stehengelassen. Als seine Haut zu bröckeln begann, liess ihn die Migros Basel, die den Park unterhält, 2005 gegen einen Artgenossen aus Plastik austauschen. Damit blieb neben dem Restaurant Seegarten, den zwei Seen und den Meriangärten der CMS auch das Maskottchen der Grün 80 erhalten; das inoffizielle, ein offizielles gab es bewusst nicht.

Das eingegrabene Auto war, wie der Dinosaurier, bei den Jüngeren beliebt.

Das eingegrabene Auto war, wie der Dinosaurier, bei den Jüngeren beliebt.

Das Urteil über die Grün 80 fällt beim WWF positiv aus. Jost Müller-Vernier, Geschäftsführer des WWF Region Basel, Jahrgang 1958, kann sich gut an die Ausstellung erinnern («habe dort nicht nur das Trio Eugster, sondern auch die Queen gesehen»). Brüglingen sei heute eines der wichtigsten Naherholungsgebiete der Region. «Hier sind Rummel und Ruhe optimal kombiniert.»

Ökologisch wertvoll seien die Trockenwiesen, die kommunalen Naturschutzgebiete, die Weiher, die Rückzugsräume für Vögel. Der WWF wurde in die Ausstellung miteinbezogen. Mitglieder legten über dem Rhododendron-Tal ein Trockenbiotop an, das laut Müller blüht. Man habe damals einen Kontrapunkt zu den Publikumsveranstaltungen setzen wollen, sagt er. Der WWF wurde für sein Engagement kritisch beäugt. Er habe sich, wurde gemäkelt, kaufen lassen.

Was von der Grün 80 stark haften blieb, hatte nichts mit Ökologie zu tun. Queen Elisabeth II. bestand darauf, während ihres Staatsbesuchs in der Schweiz einen Abstecher nach Brüglingen zu machen – wohl zum Entsetzen der Polizei: Die Visite fiel auf den 1. Mai. Rund 250 Demonstranten wollten der Majestät zu verstehen geben, sie sei nicht willkommen, nicht zuletzt wegen des Nordirlandkonflikts.

Heute schlicht unvorstellbar: Kunstmuseum leiht rasch Bilder

Sie bekam davon kaum etwas mit. Dafür war sie «very amused», als sie für den Lunch in der Villa Merian eintraf. An den Wänden hingen Gemälde von Hans Holbein dem Jüngeren, ihrem Lieblingsmaler. «Die Bilder stellte uns kurzerhand das Kunstmuseum zur Verfügung», sagt Ryhiner. «Man stelle sich das heute vor: schlicht unmöglich – nur schon wegen der Versicherung.»

Der Anschlagsversuch dürfte kaum der Queen gegolten haben. Wenige Tage vor Ausstellungsende entdeckte eine Gärtnerin zwischen den Hinterbeinen des Dinos einen Sprengsatz, der entschärft werden konnte. Wer dahinter steckte, konnte nie eruiert werden. Ebenso wenig das Motiv.

Hans-Peter Rihyner wurde nach der Grün 80 Basler Verkehrsdirektor. Bis zur Pensionierung 2001 blieb er Chef von Basel Tourismus. «Seine» Grün 80 liess ihn aber nie ganz los. Er schaut zu ihr. Etwa 2017. Die CMS plante, beim Hofgut Vorder Brüglingen im Zuge einer Neugestaltung die Wasserflächen trocken zu legen. Da griff der Alt-Direktor in die Tasten.

Die CMS stellte kürzlich ihre revidierten Pläne vor. Und siehe da: Das Wasser war zurück.

«Schon ein klein wenig stolz»: Vize- Direktor Kurt Aeschbacher

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