Dianetik = Scientology

Die Sektenjäger: Dieses Paar macht Scientology einen Strich durch die Rechnung

Mit ihrem Verein «Freie Anti-SC-Aktivisten» reisen sie durch die Schweiz, den Scientologen auf der Spur.

Mit ihrem Verein «Freie Anti-SC-Aktivisten» reisen sie durch die Schweiz, den Scientologen auf der Spur.

Ein Oberbaselbieter Paar steht nie weit weg von den Ständen von Scientology. Sie warnen vor der Pseudo-Religion.

Dutzende Male im Jahr stehen in Schweizer Städten rote Stände mit der Aufschrift «Dianetik». Die Personen am Stand sprechen Passanten freundlich an. Am Standtisch sind unzählige Flyer aufgelegt und Bücher eines L. Ron Hubbard und eines David Miscavige stehen zum Verkauf. Es werden Persönlichkeitstests vor Ort durchgeführt. Dianetik soll eine Methode sein, sein Leben grundlegend zu verändern und das volle Potenzial des Hirns zu entfalten. Seit diesem Juni werden Passanten, die an diesen Ständen kurz anhalten, öfters auch von Yolanda Sandoval oder Beat Künzi angesprochen. Das Oberbaselbieter Ehepaar hält sie freundlich an und fragt, ob ihnen bewusst sei, dass hinter dem Wort Dianetik eigentlich Scientology steckt.

Das freundliche und gutmütige Ehepaar schildert, wie ihre Aktionen in der Regel ablaufen. Sie sitzen an einem Tisch des Cheesmeyer in Sissach. Im gedämpften Licht trinken beide einen Aperol Spritz und erzählen von ihrem Engagement. «Wir wollen bloss aufzeigen, dass es sich bei diesen Ständen nicht etwa um eine gewöhnliche Organisation handelt, sondern eine gefährliche Sekte.»

Dem Publikum die Wahrheit über eine fundamentalistische Bewegung zu erzählen: Seit diesem Sommer ist das ihre gemeinsame Mission. Sie versuchen, Ort und Zeit der Infoveranstaltungen der Scientology im Vorfeld zu erfahren, fahren hin und zeigen ihre Schilder: «Dianetik = Scientology». Tatsächlich ist das Buch «Dianetik» die philosophische Grundlage der Scientology-Kirche, die in den 50er-Jahren vom amerikanischen Autor L. Ron Hubbard gegründet wurde.

Das Vermächtnis eines Science-Fiction-Autors

Hubbard schrieb in den 40er-Jahren unzählige Science-Fiction-Geschichten. Nach dem Zweiten Weltkrieg verwob er Teile davon zu einer allumfassenden Theologie, für die er sich auch von asiatischen Religionen und christlicher Symbolik inspirieren liess. Den Gläubigen wird ein sorgenfreies Leben versprochen. Dafür sollen sie teure Weiterbildungsprogramme kaufen.

Scientology wird ein immer wichtigerer Teil ihres Lebens. Unzählige psychotherapeutisch angehauchte Selbsthilfestunden verbringen sie angeschlossen an einen «Emotionen-Meter» und zahlen für jede Session. Fortschritt um Fortschritt, Rechnung um Rechnung tauchen Mitglieder tiefer in eine Welt voll ausserirdischer Tyrannen, Erinnerungen an frühere Leben und Seelen verstorbener Personen, die in die Körper lebendiger eindringen. Wer die Bewegung verlässt, verliert sein ganzes soziales Netzwerk. Wer die Sekte kritisiert, gilt als potenzielle Gefahr und wird entsprechend angegriffen.

Eine aufklärerische und humanitäre Mission

Beat Künzi und Yolanda Sandoval sehen es als ihren humanitären Auftrag, Leute vor Scientology zu warnen. In der Schweiz ist sie als Kirche anerkannt, in Deutschland und Frankreich gilt sie als Sekte. Das Ehepaar spricht in offenem Ton und mit sichtlicher Leidenschaft. Künzi blüht auf, wenn er erklärt, dass er Menschen aufgeklärt hat: «Scientologen gehen oft auf verletzliche Leute zu: Jugendliche, betagte Personen, Ausländer mit schlechten Sprachkenntnissen. Wenn man ihnen erklärt, dass sie gerade von einer Sekte angesprochen wurden, sind viele komplett überrascht.» Denn Scientology verbreitet ihre Theorien oft unter dem Begriff Dianetik oder Bewegungen wie «Narconon», «Sag NEIN zu Drogen - Sag JA zum Leben» und «Psychiatrie zerstört Leben», ohne sich klar als Religion zu bezeichnen.

Sandoval selber entdeckte Scientology, als sie zur Gewissheit kam, dass von der Sekte produzierte Ergänzungsmittel bei Naturheilpraktikern im Umlauf sind. Sie ist selber Naturheilpraktikerin und sie habe oft erlebt, dass ihre Kollegen darauf reinfielen. Das gab ihr den Antrieb, etwas zu unternehmen. «Du hast dich ja so oft über Scientology genervt», so ihr Mann. Also setzte sie sich für die Basler «Gewaltfreie Aktion gegen Scientology» ein. Letztes Jahr holte sie ihren Ehemann an Bord und sie entschieden sich, an Aktionen teilzunehmen.

Jede Person, die sich vom Stand abwendet, ist ein Sieg

Das Ehepaar spricht mit Eifer, Beat und Yolanda unterbrechen sich gegenseitig und liebevoll. «Aber wart, Schatz, du musst noch erwähnen, dass...» Sie schauen sich oft lächelnd an. «Für uns ist es das Schönste, wenn sich Leute bei uns bedanken. Das passiert in 99 Prozent der Fälle», sagt Sandoval. Künzi betont, dass sie «nichts von den Menschen wollen. Aber Scientology will sehr wohl etwas von ihnen.»

Ihre aufgestellte Art hilft ihnen. Wenn sie Leute todernst ansprechen würden, bekämen diese womöglich Angst. «Aber wir werden stets als freundlich wahrgenommen.» Für Sandoval ist dieser ehrenamtliche Einsatz eine Fortsetzung ihrer Arbeit als Naturheilpraktikerin. Jede auf Scientology sensibilisierte Person ist ein Sieg. «Wer schon mal mit einem Aussteiger der Sekte gesprochen hat, versteht, warum wir das tun.» Beat bestätigt: «Diese Menschen sind psychologisch zerstört.»

Nach drei Stand-Einsätzen mit der «Gewaltfreien Aktion gegen Scientology» verliessen sie die Bewegung, «weil sie alles andere als friedlich war», gemäss Beat. Tatsächlich ist gegen ein Mitglied der Organisation ein Strafverfahren hängig. 2016 kam es zu Tätlichkeiten, wie die Appenzeller Zeitung schreibt. «Wir wollen aber friedlich bleiben.»

Auch Scientology schaut nicht ruhig zu, wie sich ihnen Aktivisten in den Weg stellen. Einem Gegner der Sekte wurde letztes Jahr ein Schild aus der Hand gehauen. Der Pressesprecher von Scientology, Jürg Stettler, bezeichnete Sandoval und Künzi in der Presse als «religiöse Rassisten», die reine «Diskriminierung und Nötigung» betrieben. Seit Sandoval und Künzi im Juni anfingen, auf eigene Faust gegen sie zu protestieren, verteilen die Scientologen Flyer, um sie anzuschwärzen. «Wer sind diese Menschen, für die Meinungsfreiheit nicht viel gilt?» Dabei sät Scientology Zweifel um die Distanzierung von Sandoval und Künzi gegenüber der «Gewaltfreien Aktion gegen Scientology».

Ein Ehepaar gegen eine Weltorganisation

Beat Künzi erzählt, er sei an einer Aktion von einem Scientologen mit Vor- und Nachnamen angesprochen worden. Der Mann kannte seine Adresse und wusste, für wen er arbeitet. «Ich hatte ein mulmiges Gefühl.» Zahlreiche Dokus zeigen auf, wie das «Office of Special Affairs» von Scientology, bei dem es sich um eine Art Geheimdienst handelt, gegen Gegner vorgeht. «Wir sind nicht paranoid, aber wir erwarten, dass wir eines Tages beschattet werden.» Yolanda Sandoval fühlt sich manchmal wie in einem Spionagefilm. Ihr Mann wirft ein: «Auf diesen Nervenkitzel könnten wir verzichten.»

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