Arlesheim

Die Stöcklis switchen zwischen Arzpraxis und Kinderzimmer

Hausarzt ist ihre Berufung – trotzdem wollen Kristina und Marc Stöckli nicht nur arbeiten. Wobei für ihn Überlastung derzeit kein Thema ist: Er muss nach einer Ellbogen-Operation zwangspausieren.

Hausarzt ist ihre Berufung – trotzdem wollen Kristina und Marc Stöckli nicht nur arbeiten. Wobei für ihn Überlastung derzeit kein Thema ist: Er muss nach einer Ellbogen-Operation zwangspausieren.

Kristina und Marc Stöckli aus Arlesheim stehen für eine neue Arzt-Generation: Sie arbeiten beide Teilzeit, damit Zeit bleibt, um den Kinder zu schauen. Sie sind überzeugt, dass es mehr Hausärzte gäbe, wenn die Strukturen familienfreundlicher wären.

Er habe schon immer Hausarzt werden wollen, sagt Marc Stöckli (38): «Mich reizt vor allem die Abwechslung, das breite medizinische Spektrum und der langfristige Kontakt zu den Patienten.» Aber mit zunehmender Berufserfahrung kristallisierte sich für Stöckli auch immer mehr heraus, was er als Hausarzt nicht tun wollte: Er wollte nach seinen Erfahrungen in Basel nicht mehr in einem Ärztezentrum arbeiten, in dem die Patienten Tag und Nacht unangemeldet hereinspazieren können – zu unregelmässig waren die Arbeitszeiten, zu unpersönlich der Kontakt zu den Patienten.

Er wollte aber auch keine Praxis in einer entlegenen Region betreiben. Denn nach seinen Erfahrungen in Arosa bedeutete das Hektik und kaum Freizeit. So hatte er einen Monat lang am Stück Notfalldienst und musste in dieser Zeit zwei Dutzend Nächte ausrücken, als der einzige Kollege vor Ort in den Ferien war. Und es machte ihn nervös, wenn er zu einer Person mit akutem Herzinfarkt gerufen wurde, der Helikopter auf sich warten liess und das nächste Spital eine Stunde entfernt war. Stöckli wurde wählerischer. Zudem wollte er eine Praxis zusammen mit seiner Frau Kristina, auch sie Allgemeinpraktikerin, übernehmen. Und trotzdem: Kaum hatten sich Stöcklis für eine Tätigkeit in der Agglomeration entschieden, konnten sie auf dem Serviertablett auswählen.

Die Würfel fielen für eine Praxis im Zentrum von Arlesheim; ihr Vorgänger habe über vier Jahre lang nach einer Nachfolgelösung gesucht. Der Start in Arlesheim im Herbst 2012 war fulminant. Stöckli: «Weil gleichzeitig ein zweiter Hausarzt in Arlesheim, der keinen Nachfolger gefunden hatte, seine Praxis schloss, hatten wir in den ersten sechs Wochen 500 zusätzliche Patienten vor der Türe. Dabei wollten wir langsam wachsen.»

Wegen Kindergarten reduzieren

Die Folge war, dass Stöcklis, kaum gestartet, schon einen Patientenstopp erlassen mussten. Denn sie wollten an ihrem Grundsatz, Teilzeit zu arbeiten, festhalten – nicht zuletzt auch wegen der beiden Kinder. Teilzeit heisst für Stöcklis zusammen 120 Prozent Präsenzzeit in der Praxis plus 60 Prozent für Administration und Notfalldienst. Stöckli sagt: «Mit dieser Lösung stimmt unsere Work-Life-Balance einigermassen. Die Teilzeitarbeit trug uns aber auch schon den Vorwurf der mangelnden Berufsethik ein, weil wir nicht immer beide präsent sind.»

Stöckli ist überzeugt, dass es mehr Hausärzte gäbe, wenn die Strukturen familienfreundlicher wären: «In der Medizin findet schon seit längerem eine Feminisierung statt. Viele gut ausgebildete Frauen würden gerne Teilzeit in einer Hausarztpraxis arbeiten, weil sie noch Familienpflichten haben, doch es fehlt an Kinderbetreuungsmöglichkeiten.»

Vor diesem Problem stehen im Sommer auch Stöcklis: Das ältere Kind kommt in einen Kindergarten, wo es keinen Mittagstisch gibt. Sie könnten das Kind in einen Ganztages-Kindergarten ausserhalb des Quartiers schicken, was Stöckli aber nicht fair gegenüber dem Kind findet. Er ergänzt: «Die Familie geht vor, wir müssen jetzt eine Lösung suchen, die für alle stimmt. Wenn es nicht anders geht, müssen wir die Arbeit reduzieren.»

Hausbesuche liegen kaum drin

Auch die Notfalldienste, die Stöckli zwölfmal pro Jahr leisten muss, empfindet er als wenig familienfreundlich. Als Hausarzt habe er nicht zuletzt auch deshalb bewusst einen Praxisstandort in Spital-Nähe gewählt, damit seine Patienten in der Nacht eine Anlaufstelle haben. Und Hausbesuche reduzieren Stöcklis auf ein absolutes Minimum.

Stöckli begründet das einerseits mit einer relativ hohen Fehlerquote. Andererseits fehle ihm schlicht die Zeit, während der Sprechstunden Hausbesuche zu absolvieren und dann auch noch rechtzeitig die Kinder im Tagesheim abzuholen. Stöckli: «Wir sind nicht bereit, die gleiche Arbeitszeit abzustrampeln, wie das Ärzte früher gemacht haben. Aber wenn ein Patient zu Hause sterben will, betreue ich ihn dort selbstverständlich.»

Nach eineinhalb Jahren in der eigenen Praxis bilanziert Stöckli: «Positiv fällt ins Gewicht, dass die Arbeit sehr befriedigend ist. Und auch der Verdienst ist im Vergleich zu andern Berufen nicht schlecht. Auf der negativen Seite stehen der Stress mit dem Holen und Bringen der Kinder ins Tagi und die Notfalldienste.»

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