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Die Tage des Basler SBB-Stellwerks sind gezählt

SBB-Stellwerk Basel bald unbemannt:

SBB-Stellwerk Basel bald unbemannt:

Jörg Steiger, Leiter der Betriebszentrale Luzern – die auch für das Basler Stellwerk zuständig ist–, erklärt, wie sich seine Arbeit verändert hat.

Wegen der Zentralisierung der SBB-Stellwerke wird immer mehr Personal von den Bahnhöfen abgezogen. Bald verwaist auch der Kommandoraum des Basler Stellwerks: Das Personal zieht nach Olten.

Oft ist der Ärger riesig: Bei Zugausfällen und Verspätungen fühlen sich viele Fahrgäste schlecht informiert. Um für solche Situationen Verständnis zu schaffen, bieten die SBB der bz einen Blick hinter die Kulissen des Basler Stellwerks: Von hier wird der Bahnverkehr der Region gelenkt.

Theoretisch läuft der Zugverkehr automatisch, zum Beispiel das Stellen von Weichen und Signalen. Doch den Normalfall gibt es im Bahnbetrieb nicht. «Jeder Tag ist anders, beispielsweise wegen Gleisänderungen durch Baustellen, wegen kurzfristiger Rangierfahrten oder Extrazügen für Veranstaltungen», sagt Jörg Steiger, Teamleiter der Betriebszentrale Luzern. Diese erteilt dem Basler Stellwerk die Arbeitsaufträge. Immer wenn ein Zug vom Fahrplan abweicht, ist das Stellwerk gefragt.

Steiger bittet die Fahrgäste um Verständnis: «In den ersten Minuten nach einem Ereignis wissen wir meistens nicht genau, was passiert ist. Bis unser Fachdienst oder die Polizei vor Ort ist, sperren wir daher im Zweifelsfall einen Abschnitt – die Sicherheit geht vor.» Der Betriebschef räumt ein, dass er und seine Mitarbeiter bei der Störungsanalyse im Nachgang oft Verbesserungspotenzial orten: «In der ersten Chaos-Phase kann sich die Situation laufend verändern. Im Nachhinein ist man immer gescheiter.»

200 falsche Schaltungen pro Tag

Täglich führen die Stellwerke der SBB eine halbe Milliarde Schaltungen aus – das sind 6000 pro Sekunde. Davon funktionieren 200 nicht, wie sie sollten, und 20 führen zu Verspätungen. Die Gründe dafür können banal sein: ein Staubkorn auf einer Relais-Schaltung oder ein Eisklumpen zwischen einer Weiche. Oft führen auch Güterzüge zu Verspätungen. «Bremst ein 2000 Tonnen schwerer Zug ein bisschen zu stark, verliert er einige Sekunden – das kann sich bereits auf das Netz auswirken», erklärt Steiger. Auch wenn an einem Bahnhof eine 50-köpfige Gruppe etwas langsam einsteige, kann dies zur Hauptverkehrszeit Verspätung für diesen Zug und Folgezüge verursachen. Es entsteht der Eindruck, dass die Zahl der Störungen, etwa an Fahrleitungen, zunimmt. «Doch das stimmt nicht», sagt Mediensprecher Roman Marti, «die Störungen haben heute aber grössere Auswirkungen, da der Bahnverkehr viel dichter geworden ist.»

Früher wurden die Stellwerke dezentral betrieben: an fast jedem Bahnhof war eines der wuchtigen Stellwerkpulte in Betrieb. Diese stehen heute nur noch im Verkehrsmuseum. Vor zehn Jahren hat das zentralisierte Stellwerk im Herzog-und-de-Meuron-Bau beim Basler Bahnhof SBB seinen Betrieb aufgenommen. 2015 wird aber auch das zentrale Basler Stellwerk Opfer der Zentralisierung: Die Maschinen werden dann von Olten aus gesteuert. Regionen werden zusammengelegt. Die Aussicht aus dem obersten Stock des Stellwerks über den Basler Bahnhof ist imposant. Hier befindet sich der Kontrollraum. Doch die Mitarbeiter an den 13 Arbeitsplätzen verfolgen das Geschehen nur über ihre Bildschirmwände. Deshalb werden sie ihre Arbeit in Zukunft problemlos auch von Olten aus erledigen können, sind die SBB überzeugt.

Nur für eine Störung gerüstet

«Die Zugsverkehrsleitung muss nicht vor Ort sein, um die Züge um den Störungsherd zu lenken», sagt Steiger. Die Arbeit vor den blinkenden Bildschirmen sei aber nicht mit einem Computerspiel zu verwechseln: «Die Leute kennen ihre Strecken von Besuchen vor Ort. Das gehört zur Ausbildung.» Heute haben die Mitarbeiter des Basler Stellwerks die Kapazität, eine grobe Störung gemeinsam zu bewältigen, zum Beispiel einen Streckenunterbruch. Kommen mehrere Ereignisse zusammen, etwa bei einem schweren Gewitter, müssen zusätzliche Leute per SMS aufgeboten werden.

Zentralisierung habe nur Vorteile

Im zentralisierten Stellwerk in Olten wird das einfacher. «In einem grossen Zentrum hat man mehr Ressourcen, die man auf die einzelnen Störungen konzentrieren kann. Die Qualität wird besser», sagt Steiger. Von den insgesamt 300 Stellen, die am neuen Standort zusammengefasst werden, wird keine einzige gestrichen. Obwohl Synergien genutzt werden, nimmt die Arbeit durch den stetigen Fahrplanausbau zu.

Den Bau des Basler Stellwerks sehen die SBB nicht als Fehler, obwohl der Kommandoraum nach 14 Jahren bereits überflüssig wird. Die anderen Stockwerke werden weiterhin gebraucht: Hier befindet sich die Technik, welche die Impulse für die Steuerung der Schaltungen gibt. Diese Anlagen werden weiterhin in Betrieb sein. Neu ist nur, dass sie von Olten aus bedient werden.

Doch wie sieht die Zukunft des neuen Zentrums in Olten aus? Wird auch dieses in Zukunft Opfer einer fortschreitenden Zentralisierung? Dieter Fischer, Leiter des Betriebsknoten Basel, winkt ab: «Die Schweiz hat vier Landesteile. Wir wollen in allen Präsenz markieren.» Zudem kann ein Zentrum von einem Stromausfall lahmgelegt werden. Dann sind Ausweichmöglichkeiten gefragt

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