Atomausstieg

Die unendliche Energie der Atom-Heidi

Mit 77 immer noch jung: Heidi Portmann vor ihrem Erinnerungsstück an einen Kindergeburtstag.

Mit 77 immer noch jung: Heidi Portmann vor ihrem Erinnerungsstück an einen Kindergeburtstag.

Der am Freitag vermeldete Friedensnobelpreis für die Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen freut in der Region jemanden besonders: Heidi Portmann. Schon seit der Besetzung des AKW-Bauplatzes in Kaiseraugst 1975 kämpft sie für den Atomausstieg.

«Sie hatte eine Saumode: Sie kam ins Geschäft, hat mit x-beliebigen Leuten gesprochen, und wenn diese nicht haargenau das Gleiche wie ich sagten, fing sie an, uns auseinanderzudividieren.» Hans Büttiker, ehemaliger Direktor der Elektra Birseck Münchenstein (EBM), erinnert sich an die «extreme Anti-AKW-Frau» Heidi Portmann aus Arlesheim. An die Delegiertenversammlung sei sie mit fünf Meter langen Latten erschienen, um irgendetwas zu veranschaulichen. «Frech» sei die Delegierte gewesen: «Sie rief mich zu jeder Tages- und Nachtzeit an und schrieb dem Bundesamt für Energie und der Bundesrätin.» Sein Fazit: «Sie hat mir das Leben lange Zeit schwergemacht.»

«Eine sehr angenehme Person», erinnert sich Urs Steiner, Geschäftsleiter der Elektra Baselland (EBL), der zur gleichen Zeit für die FDP im Landrat sass, wie Heidi Portmann als Parteilose in der SP-Fraktion politisierte. Sie habe immer das Gespräch gesucht. «Sie war sehr aufgeschlossen, aber bezüglich Kernenergie unerbittlich.» Sie habe aus vollster Überzeugung einen unbequemen Weg gewählt und sei damit oft allein geblieben. «Sie hat sich – fast Missionarin – nicht beirren lassen und hat im Nachhinein in vielem recht bekommen – eine Persönlichkeit: Hut ab!»

Ein Leben für Kinder, ...

Die Wohnzimmerwand der «Atom-Heidi» – so ihr Spitzname im Landrat –, ist geradezu tapeziert mit Kinderzeichnungen. Neben dem Fenster hängt ein riesiges Papier mit bunten Abdrücken von Kinderfüssen. «Erinnerungen an einen Kindergeburtstag», erklärt die dreifache Grossmutter. Liebevoll zeigt sie einen aus einer Schuhschachtel von Kinderhand gebastelten Schrank, bei dem allerdings die Kleiderstange, an der die gezeichneten Jacken und Röcke mal aufgehängt waren, nicht mehr hält. «Die Schachtel ist wegen der Feuchtigkeit auseinandergegangen. Aber mit Verabschieden und Wegwerfen habe ich Probleme.»

So ist das Wohnzimmer überstellt mit gesammelten Steinen auf dem Speicher-Holzofen, mit einem Modell des Hauses, in dem Anne Frank und ihre Familie sich in Amsterdam vor den Nazi-Schergen versteckten, und auf dem Sofa liegt das Cello ihrer Pflegetochter aus Jamaika, die mittlerweile in einer Kita die Ausbildung zur Kleinkind-Betreuerin absolviert. Dazwischen Schachteln mit Spielen: «Scrabble und Set spiele ich am liebsten.»

... den Kampf gegen Atom, ...

Nicht trennen mag sich Heidi Portmann auch vom «Energie Express». Ein «Fass ohne Boden» seien die Kosten für den Rückbau der AKW, schreibt sie im Editorial der jüngsten Ausgabe dieses Newsletters der Gewaltfreien Aktion Kaiseraugst (GAK). Als jahrzehntelange GAK-Präsidentin führt sie auch im Alter von 77 Jahren noch eine spitze Feder: «Die Energiekonzerne versuchen auf jeden Fall mit der Brechstange, ihre Beiträge in die Stilllegungs- und Entsorgungsfonds tief zu halten und die Kosten der Allgemeinheit aufzubürden.»

Damals habe sie in 16 Jahren Landrat «fast nichts hingekriegt. Das war ganz schräg. Ein einziger meiner Anträge ging durch, weil sie in der CVP gerade Krach hatten und ein Teil ihrer Mitglieder für mein Anliegen stimmte.» Mit dem «Energie Express» könne sie dagegen etwas bewegen. Nicht nur, dass sie ihre immer noch gegen 8000 Abonnentinnen und Abonnenten auf dem Laufenden hält. Da sie mit Gratisarbeit die Kosten tief hält, spült das viermal jährlich erscheinende Blatt Mittel in die GAK-Kasse. «So haben wir die Gemeinde Schönau im Schwarzwald mit 20 000 Franken unterstützt, als ihre Bürger nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl die Stromversorgung selbst in die Hand nahmen und auf atomfrei umstellten.» 300 000 Franken seien in Abstimmungs-Kampagnen in der Schweiz geflossen.

Trotzdem: In Ihrem Alter müsste ein KMU-Patron längst an die Nachfolgeregelung denken. «Das ist einfach schwierig», meint sie, «weil wir dafür an den Sitzungen keinen Ausweg finden.» Wer den «Energie Express» übernehmen möchte, müsste viel Zeit mitbringen und dürfte deshalb daneben nicht einen normalen Job haben. Die Person müsste viele Leute kennen, rausgehen, recherchieren und dafür fast nichts verlangen. «So jemand ist schwierig zu finden.» Doch gleich schaltet sie wieder auf ihren ureigenen Optimismus um: «Es geht mir ja noch so gut, dass ich mir darüber keine Gedanken mache.»

... aber ohne Kühlschrank

«In meinem Leben hat sich vieles durch Zufall ergeben, man könnte es auch Glück nennen.» So sei sie in ihrer Zeit in San Diego in Kalifornien mit freiheitlicher Kindererziehung in Berührung gekommen. Als sie dann mit Sohn und Mann in die Schweiz zurückkehrte, war sie über eine autoritäre Kindergärtnerin in Gümligen (BE) derart entsetzt, dass sie dort in drei leerstehenden Klassenzimmern im Schulhaus einen eigenen Kindergarten gründete. «Kinder sind einfach so frisch und neugierig, dass man sie möglichst machen lassen sollte.»

Vermutlich ist ihr nicht bewusst, dass sie damit auch sich selbst beschreibt, ihre erfrischende Neugier, gepaart mit der von angeblichen Sachzwängen unbeeindruckbaren Fähigkeit, sich spontan zu empören: Der Satz «Gibt’s denn das, dass Leute so etwas tun», fällt immer wieder – etwa, wenn sie beschreibt, wie die Abwässer der Aufbereitungsanlage in Sellafield (GB) einfach ins Meer flossen und radioaktive Gifte an die irische Küste spülten. Oder wenn sie ihren Besuch in einer kanadischen Uranmine beschreibt, wo man die indianischen Arbeiter wegen der Strahlung jeweils nach zwei Wochen ausgewechselt habe. Auch den Blick auf die Ruine von Tschernobyl werde sie nie vergessen. Zweimal war sie dort.

Beim zweiten Mal traf sie einen Kalifornier, der beschrieb, wie das dortige Energiegesetz die Elektrizitätswerke belohnt, wenn sie weniger Strom verkaufen. «Da gehen die Angestellten des EW zu den Leuten heim, erklären ihnen, wie sie Strom sparen können. Dagegen passiert in der Schweiz bezüglich Energieberatung viel zu wenig.» Sie selbst verbraucht zusammen mit ihrem Mann statt der üblichen 4500 nur 800 Kilowattstunden und verzichtet dafür unter anderem auf einen Kühlschrank.

«Jetzt muss man an die Arbeit»

Ein «unglaublicher Zufall» sei es gewesen, dass 1986 die erste Nummer des «Energie Express» ausgerechnet zum Zeitpunkt der Explosion des Reaktors in Tschernobyl erschien, was schnell zu 16 000 Abonnenten führte. Nicht dem Zufall, sondern ihrer Zähigkeit ist es zuzuschreiben, dass der Newsletter seither regelmässig erscheint. «Man muss halt neugierig sein und die Studien lesen.» Für dieses Engagement erhielt sie im September einen Ehrenpreis im Rahmen der Nuclear-Free Future Awards zugesprochen.

Dass das Volk mit der Revision des Energiegesetzes die erste Stufe der Energiewende beschloss, erfüllt sie mit Befriedigung. «Aber jetzt muss man an die Arbeit, um das umzusetzen.» So wird auch im Bundesamt für Energie das 152 Zentimeter kleine Energiebündel aus Arlesheim wahrgenommen: «Schön, dass sich jemand in diesem Alter noch derart engagiert, sich auf dem Laufenden hält und so viel Power hat», meint Marianne Zünd, Leiterin Medien und Politik. «Sie ist eine ganz erstaunliche Frau.»

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