Die Kameradamen heissen Flora, Ursa oder Venezia. Ihre Bilder dokumentieren auf eindrückliche Weise das Leben der Urheberinnen. Dass alle sieben Minuten geknipst und die Umgebung festgehalten wird, ist diesen aber gar nicht bewusst.

Geschossen werden die Fotos nämlich von Kühen, in deren Glocke sich eine kleine Kamera befindet. Die Idee stammt vom Füllinsdörfer Biobauern Christoph Sigrist. Er liess erstmals vor sieben Jahren sein Galloway-Rind Sofie zur Fotografin werden. Mithilfe eines Selbstauslösers entstanden damals auf der Weide des Hümpelihofes oberhalb von Füllinsdorf die ersten Bilder.

Von den Jungfernaufnahmen begeistert gelang es dem Bauern, sein Unterfangen befreundeten Landwirten und Älplern in der gesamten Schweiz schmackhaft zu machen. Von da an ging die sogenannte Cowcam regelmässig auf Reisen und hielt immer neue Eindrücke fest.

Die «New York Times» berichtete

In den letzten sieben Jahren kamen auf diese Weise rund 20 000 Schnappschüsse zusammen. «Mit der Zeit kristallisierte sich heraus, dass die besten davon in einem Bildband veröffentlicht werden sollen», sagt Sigrist. Der Bauer verbrachte viele Nächte damit, die aussagekräftigsten Fotografien auszuwählen. Vor wenigen Wochen ist das Buch erschienen. Es hat international hohe Wellen geworfen. Renommierte Medien aus aller Welt klopften beim Biobauern an. Die chinesische Ausgabe der «New York Times» berichtete über die ungewöhnlichen Kameraträgerinnen aus dem Baselbiet. Vor einigen Tagen sei das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) bei ihm zu Besuch gewesen und habe eine Reportage gedreht, erklärt der Füllinsdörfer nicht ohne Stolz.

Schon als er angefangen hat, war Sigrist bewusst, dass die Fotos vor allem auf Menschen aus Grossstädten einen besonderen Reiz ausüben würden. Personen, die nur selten Kühe sehen, fühlten sich von den Motiven in eine Welt abseits von Lärm und Hektik versetzt. Ihm und den anderen Bauern würden die Aufnahmen vor Augen führen, wie die Welt aus Sicht ihrer Tiere aussieht. «Im Grunde genommen wissen wir, was Kühe den ganzen Tag machen. So nahe wie auf den Bildern sind wir in der Regel aber nicht dabei.» Deswegen sei es auch für ihn immer wieder aufschlussreich, die Fotos zu betrachten.

Um einen authentischen Einblick in den Alltag der Kühe zu erhalten, verändert Sigrist, der den Hümpelihof seit 1988 führt, die Aufzeichnungen der Cowcam nicht. Ein befreundeter Landwirt sehe gerade in der Unperfektheit der Fotografien deren grosse Stärke, sagt der Biobauer. Auf den Bildern werde nichts hinzugefügt oder weggelassen, weshalb sie die Realität auf der Weide oder im Stall eins zu eins wiedergeben.

Weiterhin im Einsatz

Zu Beginn der Aufnahmen hatte Sigrist keinerlei Erwartungen, sondern wollte sich überraschen lassen, was herauskommt, wenn eine Kuh mit einer Kamera in der Glocke unterwegs ist. Mittlerweile hat er einige Lieblingsmotive, die auch den Weg ins Buch fanden. Atemberaubend sei unter anderem das immer wieder im Hintergrund festgehaltene Bergpanorama.

In Zukunft werden noch zahlreiche Bilder hinzukommen. Auch weiterhin werden Kühe im Baselbiet, im Berner Oberland und in Graubünden ihr Leben festhalten. Und damit sind nur drei Regionen genannt, in denen die Cowcam im Einsatz ist.