Seltisberg

«Die Worte und Sätze sprudelten nur so aus mir heraus»

Für die Wettbewerbs-Gewinnerin Sophie Hollenstein soll Schreiben ein Hobby bleiben.

Für die Wettbewerbs-Gewinnerin Sophie Hollenstein soll Schreiben ein Hobby bleiben.

Wie Gymnasiastin Sophie Hollenstein über den Germanwings-Flugzeugabsturz einen Text schrieb – und dafür einen Preis erhielt.

Zu Tode betrübt – himmelhoch jauchzend. Krasser kann ein Gegensatz kaum sein. Sophie Hollenstein fühlte die zwei Welten. Nachdem die 17-jährige Seltisbergerin den Absturz des Germanwings-Flugzeugs vom 24. März dieses Jahres schreibend verarbeitet hatte, gewann sie mit diesem Text den Wettbewerb «Schreibzeit Schweiz» in ihrer Altersklasse.

Ende März steuerte der Co-Pilot einer Airbus 320 der deutschen Billigfluggesellschaft Germanwings die Maschine auf dem Flug von Barcelona nach Düsseldorf über Südfrankreich absichtlich in eine Felswand; das Flugzeug zerschellte, alle 150 Insassen kamen ums Leben. Weltweit herrschte enorme Betroffenheit. Auch bei Sophie Hollenstein. «Dieser Flugzeugabsturz hat mich sehr belastet. Ellenlang habe ich darüber nachgedacht», sagt die Schülerin des Gymnasiums Liestal.

Dann startete sie den Computer. «Die Worte und Sätze sprudelten nur so aus mir heraus», erzählt die junge Schreiberin. Dabei versuchte sie, sich in die Situation der Opfer zu versetzen. Sophie Hollenstein thematisierte in ihrem Text das Schicksal einzelner erfundener Personen und notierte, was diese zu Beginn und während des Flugs geredet und gedacht haben könnten. Und wie sie reagiert haben könnten kurz vor dem Absturz. Den Kapitän nennt sie Raoul; dem Co-Piloten gibt sie den Namen Roman. Die Jungtexterin schildert aus ihrer Sicht eindrücklich, wie sich die beiden Piloten wahrgenommen haben; weshalb der Kapitän das Cockpit verliess; wie sich danach der Co-Pilot «so gross und unschlagbar» fühlte; und wie das Unheil seinen Lauf nahm.

Nach der Hoffnung das Drama

Die Seltisberger Gymnasiastin formulierte innere Monologe, auch Dialoge von Passagieren – zwei Verliebte, eine Schulklasse, eine Familienfrau Mitte 40, ein junger Mann. Zuerst die Hoffnung: Alle freuen sich auf ein Wiedersehen mit ihren Familienmitgliedern und Freunden und haben weitere Ziele in ihrem Leben. Dann die unausweichliche Tatsache: Es darf doch nicht wahr sein, dass sie jetzt sterben müssen. Oder der ältere Witwer, der sich immer wieder an seine schon länger verstorbene Frau erinnert und kurz vor dem Absturz die Gewissheit hat, dass er bald wieder bei ihr ist.

Sophie Hollenstein musste bei ihrer Schreibe eine kleine Vorahnung gehabt haben. Just zwei Tage, nachdem sie ihren Text beendet hatte, stiess sie im Internet zufällig auf die Ausschreibung des Wettbewerbs «Schreibzeit Schweiz». Gefragt waren Beiträge zum Thema «Ungeheuerlich». Geradezu zugeschnitten auf die Arbeit der Baselbieterin. Sie schickte ihren Text ein – ohne grosse Erwartungen.

Lob von der Jury

Und plötzlich eine E-Mail der Projektleiterin von «Schreibzeit Schweiz». Auf einem Klassenausflug erfuhr Sophie Hollenstein, dass sie in der Altersklasse der 14- bis 18-Jährigen den ersten Preis gewonnen hat – einen fünftägigen Schreibworkshop in Köniz in der ersten August-Woche. «Ich war wahnsinnig erstaunt, überrascht und freute mich sehr», berichtet die Gym-Schülerin. Von diesem Workshop kann sie jedoch nicht profitieren, weil sie dann ferienhalber im Ausland weilt. Sophie Hollenstein hofft aber, dass sie am Kinder- und Jugendmedienfestival, ebenfalls in Köniz, Anfang September ihren preisgekrönten Text vorlesen kann.

Die Jury lobt die Arbeit der Schülerin aus Seltisberg: «Der Text überzeugt formal und inhaltlich. Er wird in seiner fragmentarischen Art von einem starken Spannungsbogen zusammengehalten und kommt ohne übergeordnete Wertungen aus.» Bloss zwei kleine Punkte bemängelt das Gremium.

Die 17-Jährige ist überzeugt, dass diese Auszeichnung sie motiviert, weiter zu schreiben. Sie möchte gerne auch an anderen Schreibwettbewerben teilnehmen. Bis zur Matur in eineinhalb Jahren will sie ihr Buch, dessen Entwurf vorliegt, fertiggeschrieben haben. «Ein Liebesfantasy-Roman», verrät Sophie Hollenstein, die dafür noch einen Verlag sucht. Schon als Siebtklässlerin hat sie ein kleines Buch geschrieben, dessen Inhalt damals in einem Theaterkurs in der Sekundarschule aufgeführt wurde. Beruflich sieht sie sich jedoch woanders: als Juristin oder Psychologin. Schreiben soll Hobby bleiben.

Den preisgekrönten Text von Sophie Hollenstein können Sie lesen unter www.schreibzeitschweiz.ch

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1