Tierrecht

Diese Basler Teenagerin ist Tierrechtsaktivistin und hält die Fleisch-Firmen auf Trab

Tierrechtsaktivistin Mia: Auf Mahnwache

Tierrechtsaktivistin Mia: Auf Mahnwache

Fünf Stunden lang steht sie jeden Monat vor dem Bell-Schlachthof in Basel. Der bz erzählt sie, warum.

Mit überkreuzten Beinen steht sie auf dem Randstein. Vor ihr eine stark befahrene Industriestrasse, hinter ihr das Schlachthaus von Bell. Sechs Schichten trägt Mia H.* an diesem Morgen Ende Februar. Unterhemd, Langarmshirt, Pullover, Baumwolljacke, Vliesjacke, Stoffjacke. Zwei Kapuzen zieht sie sich über den bereits mit einer dunkelroten Mütze geschützten Kopf. Die langen, braunen Locken umrahmen ihr Gesicht.

Mia ist 16 Jahre alt, wohnt im Baselbiet. Einmal pro Monat klingelt ihr Wecker schon vor vier Uhr morgens. Begleitet von ihrer Katze macht sie sich bereit, frühstückt ausgiebig. Vor ihr liegen fast fünf Stunden des Herumstehens. «Es ist schon komisch, sonst bin ich immer eine der letzten in der Familie, die aufsteht.» Aktivismus lässt sich schliesslich nicht vom Sofa aus erledigen.

Ihre Plakate für die Mahnwache malt Mia H. selbst: «Das Hobby lässt sich gut mit meinem Aktivismus verbinden.»

Ihre Plakate für die Mahnwache malt Mia H. selbst: «Das Hobby lässt sich gut mit meinem Aktivismus verbinden.»

Vom Veganismus zum Aktivismus

Es ist immer noch dunkel, als Mia den 50er-Bus vor dem Bahnhof SBB besteigt und bis zur Haltestelle Friedrich-Miescher-Strasse fährt. Vor dem Bell-Schlachthof hat sich die Aktivistengruppe bereits positioniert. Man begrüsst sich mit Umarmungen, das sei immer so, sagt Mia damals, als das Corona-Virus noch kein Thema war. Auch neue Aktivisten würden herzlich empfangen werden.

Eine ältere Frau hat Tränen in den Augen: «Es ist so traurig. Jedes Mal, wenn ich hierher komme. Dabei brauchen wir das Fleisch doch gar nicht.» Mia nickt, nimmt Anteil an der Trauer der Aktivistin. Ihr ging es vor einem Jahr, als sie zum ersten Mal an einer Mahnwache vor der Bell-Fabrik stand, ähnlich. Schockiert, traurig, hilflos habe sie sich gefühlt. Gleich an ihrem ersten Tag hielt ein Tiertransporter vor der Einfahrt an. Der Fahrer liess sich auf ein Gespräch ein, erlaubte den Aktivisten, die Tiere in seinem Lastwagen zu fotografieren. «Da war ich komplett überfordert», sagt Mia. Die Schweine quiekten nicht wie erwartet. Dafür stank es nach Ammoniak und Mia sagt, sie habe die Angst in den Augen der Tiere sehen können.

Bisher hat Mia nur zweimal erlebt, dass ein Fahrer gestoppt hatte. Das ist nämlich ihr Ziel; mit den Fahrern ins Gespräch kommen, die Tiere fotografieren. Und vielleicht bei ein paar Menschen ein Umdenken bewirken. Die Fotos werden in den sozialen Medien geteilt. Vor etwa eineinhalb Jahren drückte ein Aktivist von «Animal Rights Switzerland» Mia bei einer Verteilaktion am Bahnhof SBB ein Flugblatt in die Hand. Neben dem Hinweis auf Küken, die geschreddert werden, wurde dort auch die vegane Ernährung erwähnt. «Ich las mir das durch und fing sofort an, zu recherchieren», sagt Mia. Sie entschied sich, einen zweiwöchigen Vegan-Test zu machen. «Ich wollte meine Familie nicht gleich überfordern.»

Trotzdem blieb sie dabei und ernährt sich seit über einem Jahr strikt ohne tierische Produkte. Die Familie – Mutter, Vater, die ältere Schwester und der jüngere Bruder – beteilige sich oft und auch Freundinnen seien offen dafür. Aber hausieren gehen mit ihrem veganen Lebensstil, das ist nicht Mias Art. Sie hört lieber zu und schweigt. Vielleicht urteilt sie tief in ihrem Inneren, wenn ihr jemand von seiner weiterhin auf tierischen Produkten basierten Ernährung erzählt. Vielleicht findet sie es schlimm, wenn Bekannte mit dem Flugzeug schnell nach Barcelona jetten. Vielleicht würde sie lieber schreien, wenn jemand mit ihr über Massentierhaltung spricht und zu ihr sagt: «Aber das haben wir doch schon immer so gemacht.» Doch Mia bleibt ruhig. Sie wählt ihre Worte mit Bedacht, wenn sie sagt, dass «diese Argumentation nicht funktioniert. Denn sonst würden wir es heute noch immer als selbstverständlich erachten, dass Sklavenhandel betrieben wird.»

Mia ist keine gewöhnliche 16-Jährige. Während ihre Geschwister die obligatorische Schule oder das Gymnasium besuchen, hat sie sich einen anderen Weg gesucht. «Ich lerne gerne», sagt Mia, und man glaubt ihr sofort. Seit eineinhalb Jahren besucht sie darum die internationale Schule Academia, um ihre Matura zu machen. Das heisst: Sie geht eigentlich nicht zur Schule, sondern lernt in ihrem eigenen Rhythmus zu Hause. Das gefalle ihr an diesem Konzept, sagt Mia. Auf der Sekundarstufe habe man viel Schule, dafür wenig Freizeit. Jetzt könne sie sich besser auf den Unterrichtsstoff konzentrieren und habe mehr Zeit für den Aktivismus.

Die Aktivisten, eine grosse Familie

Zu zwölft stehen die Aktivisten da, stoisch, ausdauernd. Trotz der Kälte. Sie tragen neongelbe Westen, darauf das Logo von «Animal Save». In den Händen halten sie Plakate. «Tier nicht Produkt» oder «Gegen meinen Willen» heisst es darauf. Daneben Fotos von Kühen, Schweinen, Schafen, auf engem Raum eingesperrt in Transportlastwagen. Die Leitung hat an diesem Morgen Simon Baumann. Er passt auf, dass niemand zu nahe an die Strasse kommt, dass die Lastwagen trotz Mahnwache problemlos in die Einfahrt des Schlachthofs einbiegen können.

Trotzdem hat Bell Sicherheitspersonal vor dem Tor postiert. «Die sind nur für uns da», sagt Baumann. Der Wachmann schaut grimmig zu den Aktivisten rüber, die sich den mitgebrachten heissen Tee teilen. «Es nervt schon, fünf Stunden hier stehen zu müssen. Aber wenigstens sind sie sehr freundlich zu uns und meist auch friedlich», sagt der Mann Ende fünfzig. Einzig wenn die Aktivisten ihre Kameras und Handys zücken und ins Areal von Bell hinein filmen oder fotografieren, müsse er sie zurechtweisen. «Aber es bringt doch nichts», sagt er. «Die sollten besser vor die Einkaufsläden stehen und die Leute davon abhalten, Fleisch zu kaufen.»

Für Baumann ist es an diesem Morgen die 17. Mahnwache. Er sagt: «Mindestens einmal pro Aktion sehe ich eine Szene, die mich tief berührt.» Verarbeiten tue er dies mit den anderen Aktivisten. Der Zusammenhalt sei gross, sagt auch Joris Vandepitte. «Es tut gut, zu sehen, dass man nicht der einzige ‹Weirdo› ist.» Besonders beeindruckt zeigt sich der komplett in schwarz gekleidete junge Mann von Mia. Er meint, es brauche mehr solche Menschen, wie sie einer ist. Und: «Ich wünschte, ich hätte in ihrem Alter bereits so viel gewusst.»

Kurz vor neun Uhr weicht die beissende Kälte des Februarmorgens, die Sonne zeigt sich. Mia nutzt die Gelegenheit, stellt ihr selbstgemaltes Schild für einen kurzen Moment zur Seite. Nach einem Schluck Tee aus der Thermosflasche reibt sie sich die Hände an den Oberschenkeln. Sie hüpft auf der Stelle, versucht die starren Beine und Füsse aus dem Tiefschlaf zu wecken. Noch ein Moment in der Sonne, die Augen geschlossen. Schon nimmt Mia wieder ihr Schild, stellt sich an den Strassenrand.

Als sie sich im Bus zurück an den Bahnhof Handschuhe und Mütze auszieht, wirkt sie müde. Zwölf Tiertransporter fuhren an diesem Morgen an ihr vorbei. Angehalten hat keiner. Trotzdem wirkt Mia zufrieden. Wie sie sich fühle? Sie blickt aus dem Fenster und überlegt. «Gut», sagt sie. «Es ist ein schönes Gefühl, zu wissen, dass ich etwas gemacht habe, dass ich für meine Überzeugungen eingestanden bin.» Das sei es ihr wert, früh aufzustehen, um fünf Stunden lang in der Kälte auszuharren. Zuhause werde sie nun als erstes ihre Hände mit warmem Wasser waschen und sich mit einem Buch aufs Sofa legen.

 

* Name der Redaktion bekannt

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