Landsgemeinde

«Dieser Aufmarsch straft all jene Lügen, die behaupten, es gebe kein Interesse am Läufelfingerli»

Mit einer Landsgemeinde startet das Referendumskomitee in Rümlingen den Abstimmungskampf zugunsten der S9.

Der Rümlinger Gemeindepräsident Matthias Liechti (SVP) irrt sich, als er am Rednerpult verkündet: «Die Dorfbevölkerung hat sich verdoppelt.» Der Landsgemeindeplatz wuchert um die Ecke der Turnhalle herum und hinter das Schulhaus. Die Rümlinger Tische und Bänke reichen längst nicht mehr, Helfer müssen jene aus Häfelfingen herbeiholen, und trotzdem können nicht alle sitzen. Trifft die Schätzung von 900 Personen zu, die alt Landratspräsident Jürg Degen (SP) offiziell verkündet, dann hatte sich die Dorfbevölkerung mehr als verdreifacht.

Die Meinungen sind gemacht. Die Resolution, das Baselbieter Stimmvolk möge der Absicht der Baselbieter Regierung, die S-Bahnline 9 still zu legen und durch Busse zu ersetzen, am 26. November mit einem klaren Nein eine Abfuhr erteilen, wird einstimmig angenommen. Insofern ist die «Landsgemeinde» eine Demonstration mit Volksfestcharakter: Brassband, Suppe mit Spatz aus der Feldküche, Crêpes und Kuchen ergänzen die Reden, und am Schluss steigen die Protestballone.

«Dieser Aufmarsch straft all jene Lügen, die behaupten, es gebe kein Interesse an der Bahn», erklärt am Rand der Veranstaltung Urs Huber (SP), Solothurner Kantonsratspräsident. «Wir sind am Läufelfingerli zwar beteiligt, aber in dieser Situation doch nur Zuschauer.» Dass die Solothurner Regierung von den Baselbieter Sparplänen aus der Presse erfuhr, sei «speziell», meint der höchste Solothurner diplomatisch, lässt aber durchblicken, dass er dies gern mit einem kräftigeren Ausdruck kommentieren würde.

Widerstand ist gut vernetzt

Auch Martin Bühler (SP) als Gemeinderat von Trimbach (SO) zeigt sich «erstaunt» über die einseitigen Beschüsse der Baselbieter Regierung und der Landratsmehrheit. Mit «zu viel zum Sterben, zu wenig zum Leben» beschreibt er die Situation der alten Hauensteinlinie und fordert eine Anbindung bis nach Basel, um ihr «mehr zum Leben» zu geben.

Doch nicht nur von ennet dem Jura kommt Unterstützung. Eine Laufentaler Delegation kreuzt mit einem Transparent auf. Landrat Georges Thüring (SVP) aus Grellingen reiht die geplante Stilllegung der S9 ein in den Abbau in den Randregionen: Statthalter und Bezirksschreibereien sind weg, Polizeiposten werden ebenso geschlossen wie Poststellen. «Im zentralistischsten Kanton der Schweiz sitzen das Homburger-, das Waldenburger- und das Laufental im gleichen Boot.»

Und Landrat Linard Candreia (SP) aus Laufen verweist auf die fast 160-jährige Geschichte des «kleinen Gotthards» und die 63 Toten, die der Bau des Tunnels gekostet hat: «Das fordert Respekt. Wer aber den Personenverkehr wegnimmt, stiehlt der Bahnlinie die Seele und dem Tal die Identität.»

«Aufstand von unten»

In die gleiche Kerbe haut der Baselbieter SP-Präsident Adil Koller: «Im Landrat wurde die Bahn als ‹klinisch tot› bezeichnet, und über das Tal hiess es abschätzig, da wolle niemand hin. Das ist eine Sauerei.» In Liestal seien sie blind für die Sorgen der Leute. «Da hilft nur ein Aufstand von unten, so wie er hier stattfindet.»

«In Zeiten, in denen in jeder Agglomeration neue S-Bahnverbindungen entstehen, wo man in Genf die Tramgleise wieder einbaut, in einer Zeit, in der man das Umsteigen von der Strasse auf den öffentlichen Verkehr mit Millionenbeträgen fördert – auch um die Strassen zu entlasten –, in der heutigen Zeit, in der sich die Schweiz im Pariser Klimaabkommen verpflichtet hat, CO2-Emissionen zu reduzieren, da ist es ein Schildbürgerstreich, wegen 840'000 Franken eine gut ausgebaute Bahn stillzulegen» erklärt Grünen-Nationalrätin Maya Graf.

Auch von Schildbürgerstreich spricht der Basler Stephan Maurer von der Interessengemeinschaft öffentlicher Verkehr mit Verweis auf den modernen Ausbaustandard der S9. «Aber wir sind keine Schildbürger», betont Graf.

Nicht vertreten sind die Solothurner und die Baselbieter Regierung. Beide habe man eingeladen, berichtet Degen. Die Solothurner hätten mit einem freundlichen Brief abgesagt, der Baselbieter Regierungsrat mit einer kurzen Mail. Das laute «Buh», das nun aufbrandet, bleibt das einzige an diesem goldenen Oktobertag.

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