Karl Weber

Dieser Baselbieter war mehr als nur ein Kämpfer für die Pressefreiheit

Karl Weber war nicht nur ein akribischer Forscher, sondern auch ein glänzender Darsteller der Vergangenheit. Foto: PHOTOPRESS/Keystone

Karl Weber war nicht nur ein akribischer Forscher, sondern auch ein glänzender Darsteller der Vergangenheit. Foto: PHOTOPRESS/Keystone

Der Baselbieter spielte im Zweiten Weltkrieg eine wichtige Rolle im Schweizer Journalismus. Karl Weber kämpfte für das unabhängige Baselbiet und für die unabhängige Schweiz.

Karl Weber kämpfte für das unabhängige Baselbiet und für die unabhängige Schweiz. Auf seinem Lebensweg, der ihn von Liestal nach Basel, Zürich und Bern und schliesslich wieder nach Liestal zurück führte, wirkte er als Historiker, Journalist und Medienprofessor. Er starb in Liestal am 22. Oktober 1961, also vor exakt 50 Jahren. Sechs Leidenschaften trieben ihn an: die Geschichte, der Journalismus, die Publizistikwissenschaft, die Medienpolitik, das Baselbiet und die Literatur. Gehen wir sie Schritt für Schritt durch.

Der 1880 geborene Sohn eines aus dem Aargau ins Baselbiet gezogenen Lehrers und einer Liestalerin studierte in Basel Geschichte, Deutsch und Französisch sowie Pädagogik und war zunächst Lehrer. Doch seine erste Leidenschaft war die historische Forschung, und in seiner Doktorarbeit erkundete er «die Revolution im Kanton Basel 1830-1833». Auch seine Habilitationsschrift als Publizistikwissenschaftler war historisch ausgerichtet: Er nahm «die Presse im Jahre 1848» unter die Lupe. Ganz wichtig war seine Mitwirkung als einer von vier Autoren an der ersten, zweibändigen Baselbieter Kantonsgeschichte, die 1832 zum hundertjährigen Bestehen des Kantons erschien. Karl Weber war nicht nur ein akribischer Forscher, sondern auch ein glänzender Darsteller der Vergangenheit. Weitere Forschungen galten der Pressegeschichte beider Basel und jener der Schweiz.

Zentrale Figur des Journalismus

Dass er immer wieder in die Mediengeschichte eintauchte, hatte mit seinem publizistikwissenschaftlichen Interesse und mit seiner praktischen Tätigkeit als Journalist zu tun. Denn 1909 hängte er den Lehrerberuf an den Nagel und ging als Redaktor zur freisinnigen «Basellandschaftlichen Zeitung». Die journalistische Arbeit wurde zu seiner zweiten Leidenschaft, die ihn zeit seines Lebens nicht los liess. 1920 wechselte er zu den liberalen «Basler Nachrichten», 1930 als Bundeshausredaktor zur freisinnigen «Neuen Zürcher Zeitung». Rasch schaffte er sich in der Schweizer Medienszene einen Namen, und so war es kein Wunder, dass er 1921-1933 den Verein der Schweizer Presse präsidierte, den damals einzigen Journalistenverband, der heute in der Organisation «impressum» fortlebt. Karl Weber war zu einer Zentralfigur des Schweizer Journalismus geworden.

Trennungsstrich und Bindestrich

Dennoch war es nur logisch, dass sich aus der Verbindung von Lehrer, Forscher und Journalist eine dritte Leidenschaft entwickelte, und zwar für die Publizistikwissenschaft, für die Journalistik. 1927 habilitierte er sich an der Universität Zürich, im folgenden Jahr begann er Vorlesungen zu halten, 1938 erhielt er den Titel eines Professors, 1942 wurde er zusätzlich als Professor für Journalistik nach Bern berufen. Beide Professuren übte er neben seinem Hauptberuf als Bundeshausredaktor der NZZ aus. Diese Verbindung von Wissenschaft und Praxis schlug sich in seinem Wissenschaftsverständnis nieder: Zwischen Zeitungswissenschaft und Wegleitung zur Pressepraxis liege sowohl ein Trennungsstrich als auch ein Bindestrich, schrieb er einmal. Er wollte die Praktiker an ihre Verantwortung mahnen und von der Wissenschaft her den Journalismus stärken. Weber las bis 1952 über Themen wie Pressegeschichte, Pressepolitik, Technik der Tagespresse, praktischen Journalismus, Zeitungsökonomie, Nachrichtenagenturen, Presserecht, Feuilleton, öffentliche Meinung, «Wahrheit, Macht und Freiheit der Presse», «Weltpresse und Schweizerpresse in der Kriegszeit», psychologische Probleme der Presse, schweizerische Pressepolitik 1933-1945.

Er prägte das Fach Medienwissenschaft stark, denn nach den Gründern und Pionieren Oscar Wettstein in Zürich und Michael Bühler in Bern konnte er der Medienwissenschaft Stabilität verschaffen, sie in der wissenschaftlichen Forschung und in der schweizerischen politischen Kultur verankern. So arbeitete er eine Vorstudie zur Soziologie der Schweizer Presse aus und stellte die Wissenschaft in den Dienst der geistigen Landesverteidigung - wider die Diktaturen, die die Pressefreiheit mit Füssen traten.

Widerstand im Nervenkrieg

Dazu trug bei, dass Karl Weber bei sich während der Nazizeit eine vierte Leidenschaft entdeckte: die medienpolitische. Er gehörte im Krieg der Gemischten Pressepolitischen Kommission an, die sicherstellen sollte, dass die Presse die Nationalsozialisten und Faschisten nicht reizte. Der Zensurpolitik des Bundesrates stand er allerdings kritisch gegenüber, denn ihm war die Bedeutung des freien Wortes für die Unabhängigkeit der Schweiz bewusst. Weber erwies sich als integrer Kämpfer für die Pressefreiheit. Nach dem Krieg gab es denn auch zweierlei Darstellungen der schweizerischen Pressepolitik: die offizielle von Max Nef, die die Linie des Bundesrates auslegte, und das kritische Buch «Die Schweiz im Nervenkrieg» von Karl Weber.

Seine fünfte Leidenschaft galt dem Baselbiet. Als er in Liestal Redaktor war, gehörte er für kurze Zeit dem Landrat an – als Vertreter der rechtsfreisinnigen «Demokratischen Partei» von Adolf Seiler und Karl Lüdin. Nach der Fusion der beiden konkurrierenden freisinnigen Parteien zur «Demokratischen Fortschrittspartei» im Jahr 1919 setzte er sich vehement für deren Nationalratskandidaten ein. In der Zeitung erschienen von ihm in Dialekt verfasste Propaganda-Reime, zu denen der Künstler Otto Plattner Zeichnungen beisteuerte. 15 Jahre später weitete sich Webers Kampf von dem für eine bürgerliche Partei in den Kampf für den selbständigen Kanton Baselland aus: Obwohl in Zürich und Bern tätig, engagierte er sich argumentenreich gegen die Bewegung für die Wiedervereinigung beider Basel.

Verse für Carl Spitteler

Seine sechste Leidenschaft war die Beschäftigung mit Literatur. Er schrieb einen Roman und zahlreiche Festspiele. 1920 gratulierte er in Luzern dem Dichter Carl Spitteler im Auftrag Liestals zum 75. Geburtstag, und zwar in Alexandrinern auf Baselbieterdeutsch. Es bleibt fraglich, wie viele der Anwesenden – Spitteler ausgenommen – ihn verstanden, denn wegen Spittelers holländischer Frau sprach man im Haus des Nobelpreisträgers Hochdeutsch. Karl Weber kannte auch den «Bund»-Feuilleton-Redaktor und Schriftsteller Joseph Viktor Widmann, der ebenfalls aus Liestal stammte. Im Herbst 1961 war Weber an den Vorbereitungen zur feierlichen Veranstaltung aus Anlass des 50. Todestages Widmanns am 6. November beteiligt. Er sollte den Anlass nicht mehr erleben.

*Der 65 Jahre jüngere Roger Blum lernte Karl Weber nicht persönlich kennen, aber er schlug eine ähnliche Laufbahn ein: Auch er wuchs in Liestal auf, befasste sich als Historiker intensiv mit der Baselbieter Geschichte, war Landrat der FDP, begann als Journalist bei der «Basellandschaftlichen Zeitung» und landete schliesslich bei der anderen wichtigen Zürcher Zeitung, dem «Tages-Anzeiger». In Bern übernahm er 1989 die Professur für Medienwissenschaft, die bis 1952 Karl Weber innegehabt hatte.

Meistgesehen

Artboard 1