Langenbruck

Dieser Engel hilft traumatisierten Menschen

Sybille Knieper in der reformierten Kirche Langenbruck. (Bild: Martin Töngi)

Die Notfallseelsorgerin

Sybille Knieper in der reformierten Kirche Langenbruck. (Bild: Martin Töngi)

Sybille Knieper ist Pfarrerin und steht als Notfallseelsorgerin Menschen in schweren Stunden bei. Sie tröstet, holt Menschen aus Schockzuständen zurück, gibt ihnen Halt und leistet wertvolle psychologiesche Nothilfe.

Blaulicht in der Nacht. Rauchschwaden über einer Landstrasse. Verkeilte Autos, Benzingeruch in der Luft. Chaos, Hektik, Schreie. Ein Fall für die Notfallseelsorge. Sybille Knieper wird für den Unfall aufgeboten. Sie atmet tief durch und macht sich sofort auf den Weg. Vor Ort liegt ein Mann auf dem Asphalt, ein Tuch verdeckt seinen Kopf. In der Nähe kauert eine Frau. Ihr Blick führt ins Nichts.

Knieper setzt sich daneben, legt ihr eine Decke um und nimmt ihren Arm in einen festen Griff – keine Reaktion. Nun blickt ihr Knieper tief in die leeren Augen: «Wie heisst ihre Mutter?» Verwundertes Stirnrunzeln, die Blicke treffen sich. Das ist der entscheidende Moment. Sybille Knieper hat die traumatisierte Frau zurückgeholt, zurück ins Hier und Jetzt. Mit ruhigen Handbewegungen segnet sie zum Schluss den Verstorbenen. Das ist ihr wichtig.

Grösserer Aufwand als angenommen

«Wenn man einfach nicht zu einer Person im Schockzustand durchdringen kann, können solch archaische Fragen eine Reaktion auslösen und die Person zurückbringen», erklärt Knieper. Die Pfarrerin der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Langenbruck spricht mit warmer und klarer Stimme.

Wenn sie von ihren Einsätzen als Notfallseelsorgerin des Kantonalen Krisenstabs Baselland erzählt, beugt sie sich vor und fokussiert ihr Gegenüber. Diese Arbeit ist für sie oft mehr als eine 20-Prozent-Stelle – in jeder Hinsicht. 63 Stunden wendete Sybille Knieper allein im Oktober für die Notfallseelsorge auf. Der November war ruhiger, dennoch zählte sie 35 Stunden. An der Herbstsynode der evangelisch-reformierten Kirche Baselland glaubten viele noch, dass eine 10-Prozent-Stelle genügen würde. «Viele können sich den Aufwand gar nicht vorstellen», sagt Knieper.

Knieper braucht beides: Aufregung und Stille

Missen möchte sie es aber auf keinen Fall – genauso wie alle anderen Aufgaben, die sie neben dem 80-Prozent-Pensum als Pfarrerin bewältigt: Die 45-Jährige leistet leidenschaftlich gerne Einsätze in der Freiwilligen Feuerwehr Langenbruck, sitzt im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Notfallseelsorge Schweiz und in der bundesrätlichen Zertifizierungskommission des Nationalen Netzwerks Psychologische Nothilfe – und ist nicht zuletzt Mutter von fünf Kindern.

Knieper betont: «Überlastet bin ich nicht. Viel mehr befruchten sich meine Arbeiten gegenseitig.» 100 Prozent Notfallseelsorgerin, das möchte sie nicht: «Ich brauche sowohl Aufregung als auch Stille in meinem Leben.» So setze sie sich etwa manchmal auch allein in die leere Kirche.

Mehr Aufklärungsarbeit nötig

Mehr als die vier Einsätze, die Knieper 2010 für die kantonale Notfallseelsorge leistete, dürften es allerdings gerne sein: «Das System ist in Baselland mehr oder weniger eingeschlafen. Die Blaulichtorganisationen rufen kaum noch Notfallseelsorger an einen Unfallort, sondern eher Psychologen», bedauert die Pfarrerin. Genau dort setzt sie nun an: Aufklärungsarbeit bei Polizei, Feuerwehr und Sanität. Ausserdem bildet Knieper ab Januar 17 weitere Pfarrer aus dem Baselbiet zu Fachpersonen Notfallseelsorge aus.

Denn für sie ist klar, dass die kirchliche Seelsorge eine wichtige Ergänzung zur reinen psychologischen Betreuung ist. «Und wir kommen sicher nicht mit dem Kirchturm unterm Arm zu den Leuten», reagiert Knieper auf Vorurteile. Und wie verarbeitet sie selbst all die erlebte Not? «Emotional muss ich Abstand halten können. Im Einsatz weine ich kaum. Aber einmal spürte auch ich, dass ich selbst jemanden brauche, der das Erlebte mit mir aufarbeitet.»

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