Tägliche Staus

Dieses intelligente Leitsystem soll das Leimental vor dem Verkehrs-Kollaps retten

Freie Fahrt im Baselbiet: zu Stosszeiten ein seltener Anblick. Meist braucht man viel Geduld, wenn man auf den Strassen in der Landschaft auf vier Rädern unterwegs ist.

Ein in europäischen Städten bewährtes Modell soll das verkehrsgeplagte Leimental vor dem Kollaps retten. Die Idee stammt ausgerechnet von einem Grünen – und soll trotzdem nicht den Bau neuer Strassen verhindern.

Die Überlegung klingt einleuchtend: Neue Strassen zu bauen, damit der Dauerstau aufhört, braucht viele Jahre, und es kostet viel Geld. In der Zwischenzeit könnte man jetzt schon dafür sorgen, dass die Autofahrer die jeweils noch freien Strassen für ihre Fahrten aussuchen. Diese Idee hatte der Grüne Aescher Landrat Klaus Kirchmayr, als er in Kopenhagen und Göteborg mit Verkehrsexperten sprach. In diesen und weiteren europäischen Städten weisen grosse elektronische Tafeln darauf hin, welche Verkehrswege verstopft sind und wo man noch durchkommt.

Ein solches Verkehrsleitsystem soll der Kanton im verkehrsgeplagten Leimental einrichten, fordert Kirchmayr jetzt in einer Motion. Auf Anzeigen an den Einfallachsen in die Stadt soll die Verkehrssituation zeitnah abgebildet werden. Wenn es zum Beispiel bei der Barriere in Therwil staue, solle das der Autofahrer in Biel-Benken erfahren. Dann wähle er einen freien Weg. Im Leimental sei es schwer vorhersehbar, wo es wann klemme, hat Kirchmayr anhand der Staustatistik festgestellt. «Deshalb muss man den Verkehr mit einer guten Sensorik intelligent steuern.»

Bei Stau steigen Autofahrer um

Der grösste Trumpf des Vorschlags: Ein Verkehrsleitsystem ist rasch umsetzbar und kostet wenig. Deshalb würden im Landrat wohl Rechts und Links seine Motion begrüssen, hofft Kirchmayr Und er betont: «Man schafft kein Präjudiz für den Bau von neuen Strassen, deren Realisierung sowieso Jahre braucht.» Er versteht seinen Vorstoss deshalb als «konkrete Problemlösung und konstruktiven Vorschlag für schnell realisierbare Verbesserungen».

Das nimmt ihm allerdings Andreas Dürr nicht ab. Der ACS-Präsident, der für die FDP im Landrat sitzt, hält den grünen Vorstoss für «kosmetische Pflästerlipolitik». A priori gegen ein Verkehrsleitsystem sei er sicher nicht, betont der Biel-Benkemer. Und er kann sich gut vorstellen, dass Kirchmayrs Vorstoss im Landrat mit den Stimmen der Bürgerlichen durchkommt. Er ist aber skeptisch, ob er viel bringt.

«Wenn in Oberwil oder Therwil alles zu ist, weiss ich nicht, wo mich ein Verkehrsleitsystem durchführen könnte», sagt er. Letztlich fehle es im Leimental an der Strasseninfrastruktur. «Die Nagelprobe in der Verkehrspolitik ist nicht ein Verkehrsleitsystem, sondern der Ausbau der Strassen, etwa mit einer inneren Tangente oder der Langmatt-strasse.» Und dafür seien die Grünen dann wieder nicht zu haben.

Anreiz für Verkehrsteilnehmer

Für Kirchmayr ist denkbar, dass die Verkehrsteilnehmer Konsequenzen ziehen, wenn die Anzeigen nur noch verstopfte Strassen anzeigen. «Erfahrungen aus anderen Agglomerationen zeigen, dass bessere Information einen Anreiz bietet, öfter das Velo oder den öffentlichen Verkehr zu nehmen.» Damit würden die bestehenden Verkehrskapazitäten entlastet zugunsten jener, die auf das Auto angewiesen seien.

Bereits angedacht wurde ein Verkehrsleitsystem vergangenes Jahr im Raumkonzept der Verkehrskommission Leimental. Deren Präsident, der Oberwiler Gemeinderat Christian Pestalozzi, erklärt, wie das ungefähr aussehen könnte. Es gehe nicht nur darum, die bestehenden Verkehrskapazitäten optimal zu nutzen, wie Kirchmayr das vorschlägt.

Zusätzlich sollten auch die Ortskerne entlastet werden. Dabei könne man zum Beispiel auch Pförtneranlagen einsetzen, also Ampeln, die den Verkehrsfluss dosieren – ein Instrument, das in Basel bei den Autopendlern für viel Ärger sorgt. Und man dürfe durch die Lenkung der Verkehrsflüsse den öffentlichen Verkehr nicht behindern, im Gegenteil: «Die Busse wollen wir rascher machen.» Man dürfe den motorisierten Verkehr also nicht einfach dort hinlenken, wo er am schnellsten durchkomme.

Konkretes Projekt entscheidet

Pestalozzi dämpft deshalb die Hoffnungen, ein Verkehrsleitsystem sei eine über alle politischen Grenzen hinweg akzeptierte Massnahme. «Ich kann mir schon vorstellen, dass Links und Rechts schauen wollen, was ein Verkehrsleitsystem bringt», sagt er. Beim konkreten Projekt werde das dann aber schon wieder anders aussehen.

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