Bei Familie und Freunden war er bereits massiv verschuldet, er pendelte zwischen Arbeitslosenkasse und Sozialhilfe, und eines Monats war sein Konto praktisch leer: Der heute 40-jährige Mann tauchte im August 2012 verzweifelt auf der Gemeindeverwaltung von Eptingen auf und wollte eine finanzielle Überbrückung.

Doch die Gemeinde- und Sozialhilfepräsidentin erklärte ihm, dass dies in diesem Falle nicht möglich sei, woraufhin das Gespräch immer hitziger wurde. Irgendwann flippte er völlig aus, packte die Gemeindepräsidentin am Hals, drückte sie auf den Bürotisch und würgte sie so stark, dass sie keine Luft mehr bekam. Der Gemeindeverwalter ging dazwischen und zog den Angreifer weg, doch dieser ging danach erneut auf die Frau los. Die Polizei wurde verständigt, und der Mann sass danach fast sechs Wochen in Untersuchungshaft.

Biografie voller Brüche

Am Freitag vor dem Baselbieter Strafgericht in Muttenz gab sich der Mann reuig, und er habe inzwischen in einer Therapie gelernt, mit seinen Emotionen umzugehen. Ein Gutachter diagnostizierte bei ihm eine «narzisstische Persönlichkeitsakzentuierung». Ursprünglich plante die Staatsanwaltschaft offenbar eine Anklage wegen Lebensgefährdung, doch das medizinische Gutachten konnte dies nicht bestätigen. So fällte das Gericht einen Schuldspruch wegen Körperverletzung sowie wegen Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte. Einzelrichterin Jacqueline Kiss beliess es bei einer bedingten Geldstrafe von 200 Tagessätzen zu 120 Franken: Der Mann habe durch die lange Haft bereits eine deutlich spürbare Sanktion erhalten.

Der 40-Jährige hat eine erstaunliche Biografie, die voller Brüche und Wendungen ist: Er stammt aus der Türkei, wuchs aber seit seiner Schulzeit in der Schweiz auf, ist eingebürgert, heiratete in einer arrangierten Ehe seine Cousine und promovierte später als Jurist. Offenbar spendet er grosszügig Beträge für christliche Zwecke, was Jacqueline Kiss zur Bemerkung veranlasste, er möge doch vielleicht zuerst seine massiven Schulden zurückzahlen. «Ihr Einwand ist berechtigt. Aber ich bin ein Mensch, der anderen immer geholfen hat», sagte er dazu.

Der Mann arbeitet inzwischen Teilzeit beim Kanton, sein Lohn liegt dadurch deutlich über dem Existenzminimum, weshalb er auch seinen Verteidiger selber bezahlen musste. «Ich habe diese Stelle in einer aussichtslosen Situation erhalten. Dafür bin ich sehr dankbar», meinte er. Das Gericht hatte es zuvor abgelehnt, das laufende Verfahren gegen den Mann dem Arbeitgeber zu melden: Offenbar erfuhr der Kanton aber davon auf anderen Wegen. Bislang hat man von einer Kündigung abgesehen.

Dolmetscher für die Stawa

Offenbar erledigte der Angeklagte auch Übersetzungsarbeiten für die Baselbieter Staatsanwaltschaft, auch nach dem Angriff in Eptingen nahm man seine Dienste als Dolmetscher in Anspruch. «Das geht einfach nicht. Da erwarte ich von der Staatsanwaltschaft schon ein wenig mehr Sorgfalt bei der Auswahl der Mitarbeiter», sagte Kiss dazu. Alle Beteiligten können das Urteil noch weiterziehen.