Analyse zum Umgang mit Politikerinnen im Netz

Durchatmen und Nachdenken: Kritik geht auch mit Anstand

Gewaltandrohungen, Hass, Sexismus: Politikerinnen müssen auf Twitter eine dicke Haut haben.

Gewaltandrohungen, Hass, Sexismus: Politikerinnen müssen auf Twitter eine dicke Haut haben.

«Lächerliche Verschwörungstheorien von Rechtspopulist*innen». «Was Sie gerade machen, ist schäbig. Schämen Sie sich». «Wie heisst die Frau? SS?? Fällt das nur mir als Ex-Deutscher auf?» – das sind nur drei der Antworten, die Baselbieter Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter auf einen Tweet über das Anti-Terror-Gesetz und die darauffolgende Berichterstattung der bz erhalten hat. Zugegeben, nur wenige Stunden nach dem Attentat in Wien dieses für die eigene politische Agenda zu missbrauchen, wie sie dies im ursprünglichen (und nun gelöschten) Tweet getan hat, ist heikel. Die Kommentare, die bis hin zum Nazi-Vergleich reichen, jedoch ohne Frage nicht gerechtfertigt – ob man Schneider-Schneiter zustimmt oder nicht.

Immer öfter ist zu beobachten, dass auf Twitter und anderen sozialen Netzwerken tief unter die Gürtellinie gegriffen wird, wenn Tweets den politischen Meinungen von Usern widersprechen. Auf einzelne Par­teien lässt sich das nicht beschränken – von links bis rechts wird von der jeweiligen Gegenseite kaum eine Äusserung mit Anstand und Respekt kritisiert. Beim Geschlecht lässt sich hingegen ein Muster erkennen. Es sind meist Frauen, die unter dem Phänomen leiden, sofort mit beleidigenden, oft auch sexistischen Kommentaren, befeuert zu werden. Bestätigen kann das Jolanda Spiess-Hegg­lin vom Verein NetzCourage. In rund 90 Prozent der Fälle, die sie behandelt, sind die Betroffenen Frauen. Nochmals rund 90 Prozent dieser Frauen erhalten keine inhaltliche Kritik, sondern solche, die auf das Geschlecht abzielt.

Egal, mit welcher Politikerin man redet: Alle erzählen ähnliche Geschichten, eine klingt heftiger als die andere. Da ist beispielsweise SP-Nationalrätin Samira Marti – sie erhielt schon Gewaltandrohungen, Vergewaltigungsfantasien, anonyme Anrufe, sexistische Beleidigungen. Bei Frauen werde die Sachebene viel schneller verlassen als bei Männern. In den Kommentaren, die sie erhält, geht es oft nicht um Inhalt, sondern um das Aussehen, den Körper oder eine Einschätzung darüber, ob die Verfasserin des Tweets zu wenig Sex hat und «mal wieder ordentlich genagelt» werden müsste oder doch «zu attraktiv für die Politik» ist.

Denn: Sex ist Macht. Das klassische Rollenbild – der Mann als Subjekt, die Frau als Objekt – wird durch das Ausdrücken der Meinung starker Politikerinnen durchbrochen. Das passt nicht allen. Die einzige Art zu kontern ist oft die Beleidigung. Und diese Kommentare können viel auslösen: Angst, Wut, Zweifel an den eigenen Fähigkeiten.

Bei Männern ist das anders. Keinem Mann wird gesagt, er soll zurück an den Herd, wenn er politisch aktiv ist. Kein Politiker liest, dass er sexuell frustriert ist, wenn er einen Post gegen Rassismus absetzt. Keinem Mann wird gesagt, er habe einen fetten Arsch, wenn er sich für eine Initiative ausspricht. Die Politik ist schon so lange eine Männerdomäne, dass Männer in vielen Köpfen die Einzigen sind, die sie machen, sich in ihr aufhalten, sie führen können. Frauen haben da nichts verloren.

Nationalrätin Florence Brenzikofer (Grüne) kennt die Problematik auch – das Netzwerk Grüne Region Basel bietet sogar Workshops spezifisch für Frauen an, um ihnen den Umgang mit Medien näherzubringen. Eine traurige Tatsache, dass solche Angebote überhaupt notwendig sind. Doch die Präventivarbeit werde immer wichtiger – viele Frauen, die in den sozialen Medien unterwegs sind, haben mit digitaler Gewalt schon Erfahrungen gemacht. Die Öffentlichkeit der Politik verstärkt dieses Phänomen.

Dass Frauen sich aus Angst vor Diffamierung in der Öffentlichkeit scheuen, in die Politik einzusteigen, muss verhindert werden. So wird erreicht, was die Kommentatoren wollen – die Frauen, die ihren verdienten Platz in der Politik markieren wollen, zum Schweigen zu bringen. Seine Meinung nicht äussern oder aus Angst vor den Konsequenzen gar nicht erst mitmachen: Das darf nicht passieren. Aus weiblicher Sicht ist die einzige Lösung, nicht still zu sein. Dagegenhalten, sachlich diskutieren, das Gespräch suchen, im Notfall den Rechtsweg wählen und Anzeige erstatten.

Doch eigentlich sollte es nicht die Aufgabe der Frauen sein, dieses Problem zu lösen. Bei den Kommentierenden müsste das Umdenken stattfinden. Wie das Beispiel Elisabeth Schneider-Schneiter zeigt, relativieren viele ihre Aussagen nur wenige Tage später. Furkan Oguz von der Zürcher JGLP hat den Tweet Schneider-Schneiters als schäbig bezeichnet. Später schrieb er einen offenen Brief: Er erklärt, weshalb er so reagiert hat, verurteilt die aggressiven Nachrichten gegen sie und erklärt seine Gegenmeinung zum ursprünglichen Tweet in respektvoller, anständiger Weise.

Mit dem Berner GLP-Politiker, der den Nazi-Vergleich geschrieben hat, hat Schneider-Schneiter das Gespräch gesucht. Von einer Anzeige hat sie danach abgesehen. Die Beispiele zeigen: Wenn sich die Wut gelegt hat und man einen Moment zum Nachdenken hat, geht Kritik auch mit Anstand. Durchatmen und Nachdenken sollten aber nicht erst im Nachhinein erfolgen – das sollte geschehen, bevor ein Tweet abgesendet wird.

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