Innovative Bauern

Ebenrain-Chef Lukas Kilcher skizziert Perspektiven für Baselbieter Bauern: «Ich hoffe, die Tretmühle verliert an Schrecken»

© Juri Junkov

Baselland fördert Investitionen von innovativen Bauern. Doch am Ende sahnen Agrarhandel und Grossverteiler die Profite ab, kritisiert Lukas Kilcher. Er verlangt nun Kurskorrekturen.

In der Landwirtschaftspolitik stehen die Zeichen wieder einmal auf Sturm. Das dominierende Thema war in den letzten Monaten das von Bundesrat Johann Schneider-Ammann zusammen mit der Exportindustrie angepeilte Mercosur-Freihandelsabkommen mit südamerikanischen Staaten, das für die Schweizer Bauern Folgen hätte: Der Importschutz auf landwirtschaftliche Produkte, allen voran Rind- und Hühnerfleisch, soll reduziert und der Druck auf die heimischen Preise damit erhöht werden. Das löst bei der Bauernschaft Widerstände bis Existenzängste aus. Dazu kamen in letzter Zeit Meldungen von zunehmenden Suiziden von Schweizer Bauern. Alles Schwarzmalerei?

Lukas Kilcher ist als Leiter des Ebenrains in Sissach einer der besten Kenner der hiesigen Landwirtschaftsszene. Von ihm wollten wir wissen, wie es den Baselbieter Bauern geht. Und wir wollten erfahren, wo deren Zukunftschancen liegen. Kilcher zeichnet im bz-Interview ein differenziertes Bild und schreckt auch nicht vor Forderungen zurück, die grossen Playern im Schweizer Landwirtschafts-Monopoly wenig gefallen dürften.

Übrigens: Das altbekannte Landwirtschaftliche Zentrum Ebenrain heisst seit Beginn dieses Monats Ebenrain-Zentrum für Landwirtschaft, Natur und Ernährung. Dieser Namenswechsel ist Folge davon, dass die Bereiche Landwirtschaft, Natur und Ernährung auf kantonaler Ebene zu einer Einheit zusammengefasst wurden. Auch das ein Indiz, wohin die Reise in Zukunft gehen soll.

Herr Kilcher, wie geht es den Baselbieter Bauern?

Lukas Kilcher: In meinen fünf Jahren hier als Ebenrain-Leiter habe ich sehr viel gelernt über die Baselbieter Landwirtschaft und wie es unseren 900 Bauern geht. Um es vorwegzunehmen: Den typischen Baselbieter Betrieb gibt es nicht, sondern es gibt eine grosse Vielfalt an Kulturen und Betrieben und damit auch viele Erfolgsmodelle. Besonders ist mir aufgefallen, dass es sehr viel Fachwissen in Spezialgebieten gibt mit hervorragenden Bauern mit nationaler Ausstrahlung ihrer Produkte, so zum Beispiel im Steinobstbau, im Wein-, Gemüse- oder im Dinkelanbau. Und es gibt gesellschaftliche Leuchtturmbeispiele wie der Birsmattehof mit seiner genossenschaftlichen Betriebsform oder der Dietisberg mit seinen sozialen Zielen. Alles in allem ergibt das ein Bild einer vielfältigen Landwirtschaft mit einer echten Dynamik. Im Vergleich mit starken Agrar-Kantonen wie Bern oder Waadt sind wir aber ein kleiner Player, weshalb wir die Stärken, die das Baselbiet hat, laufend weiterentwickeln müssen. Diese bestehen nicht nur im Bereich Steinobst, sondern auch in der Nähe zur Stadt Basel. Das wird von der Landwirtschaft teils zwar als Bedrohung erlebt, ist aber gleichzeitig eine Riesenchance.

Das müssen Sie näher erklären.

Die grösste Bedrohung ist der Landverbrauch, sei das für Strassen, Gewerbe oder Siedlungen. Die Urbanität züngelt bis in die hintersten Teile des Baselbiets. Das kann sich auch im alltäglichen Zusammenleben äussern, wenn Bauern beim Liefern im Stau stecken bleiben oder wenn sich Zuzüger auf dem Land an Kuhglocken stören. Diese Urbanität beinhaltet aber eine Chance, die die Bauern noch mehr nutzen könnten – die Nähe zu einer potenziellen Kundschaft, die zu einem grossen Teil regionale Produkte wünscht. Die urbane Bevölkerung ist interessiert an einer gesunden Landwirtschaft und an einer vielfältigen Kulturlandschaft. Die Kunst ist nun, daraus eine Zukunftsstrategie abzuleiten und mehr von diesem brachliegenden Acker zu bewirtschaften.

Werfen wir auch einen Blick auf das seelische Befinden der Bauern. Ein Artikel im «Magazin» des «Tages Anzeiger» sorgte kürzlich für Aufsehen, der Suizide von Bauern und die zunehmenden Anrufe beim bäuerlichen Sorgentelefon thematisierte. Wie sieht es diesbezüglich bei uns aus?

Bei uns ist die Situation zum Glück nicht so dramatisch. Wie in anderen Berufsgruppen auch gibt es aber Bauern, die aus verschiedenen Gründen in eine schwierige Lage geraten und im schlimmsten Fall keinen Ausweg mehr sehen. Ökonomischer Druck, persönliche Überforderung und fehlende Anerkennung tragen sicher dazu bei. Entscheidend ist das soziale Netz. Da spielen die Familiensituation, die Arbeitskräfte auf dem Hof oder etwa der Umgang unter Kollegen mit. Aber man kann nicht einfach sagen, dass eine wirtschaftlich schwierige Situation per se die Selbstmordrate nach oben treibt.

Die Selbstmordrate unter Bauern ist bei uns in den vergangenen Jahren also nicht gestiegen?

Mir ist nichts von einer solchen Steigerung bekannt. Aber es gibt in der Schweiz dazu kaum Statistiken. Ich habe vor ein paar Wochen Kontakt mit meinem Pendant im Kanton Waadt gehabt und er hat mir erzählt, dass sich in einem Dorf dort mehrere junge Landwirte das Leben genommen haben. Das heisst, Suizide haben etwas Ansteckendes und von daher ist es relativ heikel, darüber zu reden. Deshalb sind auch Medienberichte dazu heikel. Wichtig ist, für die Bauern da zu sein. Die letztjährigen Frostschäden haben bei uns einige Bauern sehr frustriert, aber wir haben ihnen auf verschiedenen Ebenen geholfen, sodass keiner deswegen in den Ruin getrieben wurde. Ich möchte aber noch einen andern, wichtigen Aspekt erwähnen, der viel subtiler, aber unaufhörlich auf die Bauern wirkt: die landwirtschaftliche Tretmühle.

Was ist denn das?

Es herrscht ein Ungleichgewicht auf dem Agrarmarkt. Und viele Bauern vermissen Anerkennung aus der Gesellschaft, sie hören nur noch, sie seien ein Kostenfaktor. Die Wirtschaft fordert Grenzöffnungen, die Konsumenten mehr Ökologie zu tieferen Preisen. Und alle wollen besser wissen, wie man wirtschaftlicher und ökologischer bauern könnte. Diese existenziellen Angriffe auf die Bauern sind das Öl in der landwirtschaftlichen Tretmühle, die so funktioniert: Viele kleine Bauern stehen wenigen marktkräftigen Abnehmern gegenüber. Diese Abnehmer diktieren die Preise, die die Bauern akzeptieren müssen. Bei tieferen Preisen können sie das Einkommen nur halten, wenn sie mehr produzieren und die Kosten senken. Die Bauern investieren also zum Beispiel in einen grösseren Stall. Dann können sie eine gewisse Zeit vom Grösseneffekt profitieren, worauf die Abnehmer mit der Botschaft reagieren: Jetzt habt ihr die Kosten gesenkt, also müssen auch die Preise runter. Die Produktivitätsgewinne aus der Investition auf dem Bauernhof werden somit in den nachgelagerten Stufen, aber nicht in der Landwirtschaft abgesahnt. Und das geht immer weiter, sodass der Strukturwandel und der technische Fortschritt den Bauern selbst ökonomisch kaum etwas bringt. Bundesrat Johann Schneider-Ammann hat ja jetzt eine Digitalisierungs-Kampagne in der Landwirtschaft lanciert mit dem Ziel, dass alle beteiligten Akteure in der Land- und Ernährungswirtschaft besser von digitalen Errungenschaften profitieren können. Digitalisierung wie etwa per GPS gesteuerte Saattechnik kann unbestritten die Arbeit erleichtern. Aber was nützt es betriebswirtschaftlich, wenn das Ganze am Schluss nur wieder zu weiteren Preissenkungen der Abnehmer führt und so die Benefits des Fortschritts vom Agrarhandel, der Lebensmittelindustrie und den Grossverteilern wegfressen werden?

Sie sind als Baselbieter Vertreter in der Konferenz der kantonalen Landwirtschaftsdirektoren nicht ohne Einfluss. Wie wollen Sie Gegensteuer geben?

Das Rezept des Bundesrates, den Margendruck bei den Bauern und der Lebensmittelindustrie zu erhöhen und den Grenzschutz zu reduzieren, damit die Preise weiter sinken, hilft den Bauern sicher nicht. Dabei gibt es gar keinen Grund, die Konsumentenpreise zu senken. Sie sind so tief wie noch nie und wir geben nur noch etwas über sechs Prozent unseres Einkommens für Lebensmittel aus. Ich bin deshalb froh, dass das Bundesparlament in der letzten Session die landwirtschaftliche Gesamtschau des Bundesrates zurückgewiesen hat. Kollegen und ich haben in die konzeptionellen Überlegungen der Landwirtschaftsdirektoren-Konferenz zur «Agrarpolitik 2022+» eingebracht, dass die vor- und nachgelagerten Stufen mehr in die Verantwortung gezogen werden bei der Wertschätzung der bäuerlichen Leistungen und wir mehr Partnerschaft und Fairness brauchen. Und wir haben auch eine Agrarkommission für Technologie und Innovation in der Landwirtschaft vorgeschlagen, die Risikokapital vergibt. Das alles soll in die künftige bundesrätliche Landwirtschaftspolitik einfliessen. Für mich sind dabei die Steigerung des bäuerlichen Einkommens am Markt sowie die Nachhaltigkeit, das heisst Produktion und Natur in Einklang zu bringen, die beiden grossen Ziele für die künftige Agrarpolitik.

Welchen Spielraum und welche Mittel haben Sie als Ebenrain-Leiter auf kantonaler Ebene?

Wer die Zukunft sichern will, muss investieren; das ist nicht nur in der Landwirtschaft so. Deshalb ist für mich als Ebenrain-Chef etwas vom Wichtigsten, wie ich dazu beitragen kann, dass die Bauern investieren, dass sie unternehmerisch und innovativ sind. Zentral ist dabei, dass wir die Landwirte nicht unter Druck setzen, sondern sie unterstützen und ihre Innovationskraft stärken wollen. Im Baselbiet haben wir deshalb zwei Projekte gestartet: Wir unterstützen seit 2015 mit Mitteln der Wirtschaftsförderung erfolgversprechende Spezialkultur-Projekte. Und wir sind in den Vorbereitungen für ein Regionalentwicklungsprojekt mit dem Titel «Genuss aus Stadt und Land», welches ab viertem Quartal 2019 mittels Starthilfen Investitionen in die Produktion von regionalen Spezialitäten unserer Landwirtschaft fördert. Beide Projekte haben zum Ziel, die Wertschöpfung und die Wettbewerbsfähigkeit der Urproduktion in beiden Basel zu erhöhen.

Können Sie ein paar Beispiele nennen, was da gefördert wird?

Wir investieren im Spezialkultur-Programm einerseits in unsere bisherigen Stärken wie den Biokirschen-Anbau auf dem Betrieb der Familie Itin in Ormalingen. Andererseits fördern wir auch Innovationen wie den Anbau von Microleaves-Gemüse in Füllinsdorf oder den Anbau von Aronia-Beeren in Anwil. Solche Investitionen sind kapital- und wissensintensiv sowie risikoreich. Wir mussten deshalb auch schon ein Projekt abbrechen: Bei einem Versuch mit Anbau von Goji-Beeren in Zunzgen kam der Landwirt nach einem Jahr zum Schluss, dass das Projekt wegen Mehltau, Milben, der Kirschessigfliege und dem dadurch nötigen Pflanzenschutz nicht machbar sei. Das Regionalentwicklungsprojekt ist derzeit in den Startlöchern. Hier geht es etwa um die Aufbauhilfe bei einer regionalen Schlachterei in Itingen oder bei einer Milchabfüllungsanlage auf dem Dietisberg.

Wagen Sie doch noch einen Blick in die Zukunft: Wie sieht denn die Baselbieter Landwirtschaft in 20 Jahren aus?

An einem internationalen Agrarkongress hat mir ein deutscher Kollege kürzlich erklärt: Unser Ziel ist Preisführerschaft. Mit anderen Worten, günstiger als alle anderen zu produzieren. Unser Ziel für die Schweiz hingegen muss heissen: Qualitätsführerschaft. Da sind wir schon gut unterwegs, schauen wir nur etwa beim Tierschutz oder in der Biodiversität. Aus den aktuellen Volksinitiativen ist zu lesen: Der Bevölkerung ist zudem unter anderem möglichst sauberes Trinkwasser mit möglichst wenig Pflanzenschutzmittel wichtig. Die Landwirtschaft in 20 Jahren wird deutlich weniger Pflanzenschutzmittel einsetzen als heute, dafür mit technischen Lösungen wie Leichtbau-Unkrautroboter arbeiten. In 20 Jahren sieht man neu auch unbemannte, solarbetriebene Kleingeräte und Drohnen auf den Feldern, welche Nanomengen an Pflanzenschutzmitteln ausbringen. Den Bauern wird es besser gehen als heute und die Tretmühle verliert an Schrecken, weil immer mehr Abnehmer und Konsumenten den Wert einer starken und vielfältigen regionalen Landwirtschaft erkennen und in ihrem Konsumverhalten wertschätzen.

Woher dieser Wandel?

Sie wissen, dass die Bauern uns Menschen ernähren und gleichzeitig die Biodiversität und Landschaftsqualität sichern. Daraus entwickelt sich zunehmend eine faire Partnerschaft zwischen Bauern, ihren direkten Abnehmern und den Konsumentinnen. Aus dieser Wertschätzung gewinnen die Bauern bei uns an Selbstvertrauen und investieren weiter in die Zukunft ihrer Betriebe.

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