Bei der Elektra Birseck (EBM) mit Sitz in Münchenstein ist das Stromgeschäft in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Im Zuge der Strommarkt-Liberalisierung konnte sie einige nationale Grosskunden neu hinzugewinnen; so die Glasi Hergiswil. Auch versorgt die EBM alle Mobilfunkantennen von Sunrise. Im Hinblick auf die Marktöffnung für kleinere Kunden will die EBM bekannter werden, wie CEO Conrad Ammann betont. Details werden in den nächsten Tagen bekannt.


Conrad Ammann, der Wettbewerb unter den Stormversorgern hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Und er wird mit der bevorstehenden Marktöffnung für kleine Unternehmen weiter angeheizt. Wie verhält sich die EBM?

Conrad Ammann: Die EBM hat in diesem herausfordernden Umfeld zwei Möglichkeiten: Entweder beschränken wir uns fortan auf die Privatkunden oder wir nehmen eine Grösse an, die es uns erlaubt, im breiteren Wettbewerb erfolgreich zu bestehen. Wir haben uns klar für die zweite Variante entschieden. Das Stromgeschäft ist bei der EBM in den letzten Jahren stark gewachsen. Wir möchten uns in die Top 5 der Schweizer Energieversorger einreihen; und das in allen vier Geschäftsfeldern Energiegeschäft, Netz, Wärme und Erneuerbare Energien. Im Stromgeschäft (Strom und Netz) sind wir aktuell unter den ersten Acht. Im Wärmegeschäft, in dem wir seit Jahren national auftreten, sind wir bereits Leader. Und bei den erneuerbaren Energien, die wir via unsere Beteiligung an der Aventron fördern, zählen wir zu den Top 3.

Wenn Sie stark wachsen wollen, wird sich die EBM doch auch neu positionieren müssen. Was sind hier Ihre Pläne?

Ein wichtiger Schritt ist die gemeinsame nationale Dienstleistungsgesellschaft für die Energieverrechnung und den Kundendienst, welche die EBM im Juli mit den Elektrizitätswerken des Kantons Zürich (EKZ) und Romande Energie gegründet hat. Mit rund 900 000 Kunden und einem Marktanteil von gut 20 Prozent wird diese das grösste Schweizer Dienstleistungsunternehmen im Energiesektor. Das eröffnet der EBM neue Möglichkeiten. Hinsichtlich der geplanten vollständigen Liberalisierung des Strommarktes überprüfen wir natürlich auch die Markenbekanntheit der EBM insgesamt.

Können Sie Details verraten?

Aufgrund der geplanten Wachstumsstrategie mit dem Elektrizitätsgeschäft in den beiden Zielmärkten Schweiz und Frankreich benötigen wir eine breite Bekanntheit unseres Unternehmens. Hierzu haben wir Lösungen erarbeitet. Was genau kommt, werden wir in den nächsten Tagen bekannt geben können.

Aktuell buhlen die Stromversorger vor allem um die Grosskunden. Seit 2009 können diese den Versorger frei wählen. Die EBM mit ihrer langen Tradition in der Industrie und mit Grosskunden ist diesem Wettbewerb besonders ausgesetzt.

Die EBM hat in der Tat viele solcher Grosskunden. Wir versorgen etwa die ganze Industrie in Schweizerhalle. Dasselbe gilt für das Birseck und das Laufental, wir beliefern auch hier grössere Unternehmen mit Strom. Positiv ist, dass die meisten Unternehmen in unserem angestammten Netzgebiet trotz freier Wahl bei der EBM geblieben sind, dies allerdings preislich zu günstigeren Konditionen als zuvor. Die ganz Grossen haben sich zudem via EBM Zugang zum europäischen Markt verschafft. Wir verdienen bei ihnen nicht mehr am Strompreis, sondern an der Dienstleistung.

Haben Sie ausserhalb des angestammten Versorgungsgebiets Unternehmen gewonnen, die Sie ins Feld führen können?

Wir sind vorsichtig, unsere Kunden zu benennen. Zwei ausserregionale EBM-Kunden kann ich hier aber anführen, weil von ihnen Referenzen vorliegen: die Glasi Hergiswil und die Wäscherei Schwob AG in Burgdorf. Wir betreuen zudem die Energieversorgung sämtlicher Mobilfunkantennen von Sunrise.


Durch die Marktöffnung verliert die EBM auch Kunden. Vor einigen Monaten hat die Gemeinde Muttenz mitgeteilt, ihren Versorger zu wechseln. Wir sehr schmerzt das?

Wir haben Verständnis, dass Gemeinden den Markt spielen lassen wollen. Neben Muttenz haben wir zudem Allschwil und Bottmingen verloren. Wobei ich anfügen möchte, dass nicht die gesamte Gemeinde-Versorgung inklusive Strassenbeleuchtung betroffen war, sondern «nur» jene grosser Gemeinde-Gebäude wie der Schulen. Was uns aber schmerzt: Wir sind bei Grosskunden aus der regionalen Industrie erfolgreich, verlieren aber Gemeinden wegen marginalen Preisdifferenzen an Dritte. Zudem bestehen zwischen der EBM und diesen Gemeinden vielfältige Beziehungen. Die erwähnten Gemeinden sind auch Genossenschafter der EBM. Zudem sind die anderen Beziehungen finanziell zumeist wesentlich bedeutender als die erwähnten Einsparungen beim Wechsel des Stromanbieters.

So ist nun mal der freie Markt...

Ja, allerdings versagte dieser freie Markt wegen ungenügender Information. Wir lieferten den Gemeinden seit Jahren veredelten, CO2-freien Strom aus unserer Grundversorgung, der günstige Preis von Drittanbietern bezog sich hingegen mehrheitlich auf Graustrom aus dem Ausland. Die Gemeinden erzielten zwar tatsächlich einen günstigeren Preis, erhielten aber nicht mehr dasselbe Produkt. Dies hat dazu geführt, dass einige Gemeinden nachträglich bei der EBM wenigstens ein Umweltzertifikat erworben haben. Über diesen Umweg kamen wir mit ihnen wieder ins Geschäft. Bei uns wird Strom aus erneuerbaren Energien «Naturmade» zertifiziert.

Waren Sie zu passiv?

Wir haben es verpasst, mit den Gemeinden rechtzeitig das Gespräch zu suchen, um mit ihnen Möglichkeiten auszuloten und ihnen unser Angebot zu erklären.

Wie stark ist die Konkurrenz? Spüren Sie die «Eindringlinge ins EBM-Land»?

Ja. Von den 650 Schweizer Energieversorgern sind knapp zwei Dutzend am Markt wirklich aktiv. Das sind relativ wenige, doch unter ihnen ist die Konkurrenz gerade im Grosskundengeschäft sehr gross. Wir stellen auch fest, dass einige Unternehmen experimentieren und in Verhandlungen den Preis hart drücken. Ob sie dann mit dem günstigsten Anbieter am Markt zufrieden sind, ist eine andere Frage. Wir stellen auch fest, dass viele Unternehmen bereits nach einem Jahr wieder einen neuen Lieferanten suchen.

Wird die EBM in absehbarer Zeit selbstständig bleiben können?

Davon bin ich überzeugt. Ebenso überzeugt bin ich aber davon, dass es in der Schweizer Strombranche eine Bereinigung geben muss. Solange 25 Unternehmen aktiv sind im Stromgeschäft, wird es immer einen Preiskampf geben. Es braucht eine Konsolidierung, es braucht Unternehmen, die das hochprofessionell abwickeln und nicht allein via Preise Kunden abfischen. Die ganz kleinen Energieversorger werden wohl unter Einbezug von Beratern einige Dienstleistungen auslagern müssen. Bei den mittelgrossen Unternehmen sehen wir einen Trend hin zu Zusammenschlüssen.

Zu den erneuerbaren Energien: Vor den Sommerferien hat die EBM bekannt gegeben, den Windpark in Liesberg auf Eis zu legen. War man in der Beurteilung des Potenzials der Windkraft zu optimistisch?

Die drei grossen Energieversorger der Region wiesen bereits vor Jahren darauf hin, dass die für die Windenergie wirklich interessanten Standorte in naturgeschützten Landschaften liegen. Den in der Folge gewählten Standorten lag bereits eine Güterabwägung Landschaftsschutz versus Energieproduktion zugrunde. Wir hatten in der Region Basel kaum Erfahrungen mit Windmessungen. Nun hat sich gezeigt, dass die Messungen eher im unteren Bereich der Erwartungen liegen. Zudem haben sich die Rahmenbedingungen, was die staatliche Förderung der Windenergie angeht, eher verschlechtert. So ist die Dauer, während der Projekte von der kostendeckenden Einspeisevergütung profitieren können, von 20 auf 15 Jahre verkürzt worden. Das schmälert die Rentabilität.

Welche Rolle spielte der politische Widerstand?

Der Widerstand war spürbar, im Falle der geplanten Anlage in Liesberg hat es aber keinen ablehnenden Entscheid seitens der Bürgergemeinde gegeben. Letztlich ist es bei solchen Projekten immer eine Kombination von Gründen, die über Erfolg oder Misserfolg entscheidet. Wir haben immer gesagt: Gegen heftigen Widerstand aus der Region werden wir keine Kleinanlage durchboxen. Man muss auch sehen: Via Aventron AG gleisen wir in anderen Ländern Projekte an viel attraktiveren Standorten mit einer viel höheren Wirtschaftlichkeit und geringerem politischen Widerstand auf.

Wird die EBM in absehbarer Zeit ein Windrad im Baselbiet aufstellen?

Aktuell ist das Projekt in Schweizerhalle. Der politische Widerstand dürfte dort angesichts der Lage eher gering sein, die bisherigen Windmessungen sind zumindest nicht ungenügend. Man muss aber auch sehen: Wir reden dort von einem einzigen Windrad. Dieses dürfte eher Demonstrationszwecken dienen als der Stromproduktion in substanziellem Ausmass.

Politiker aus dem rot-grünen Lager wollen die Wende hin zu den erneuerbaren Energien mit lokaler bis regionaler Stromproduktion bewerkstelligen. Kann dies gelingen?

Nein. Und das muss es aus meiner Sicht auch nicht. Wir sollten unsere Stromversorgung aus einer europäischen Perspektive anschauen. Die EBM ist via Aventron an einer riesigen Photovoltaikanlage in Spanien beteiligt. Die Leistung entspricht mit 300 Megawatt (MW) ungefähr einem Drittel des Atomkraftwerks Gösgen. Die Anlage ist 300 Fussballfelder gross, das heisst: Eine solche Anlage lässt sich in der Schweiz alleine aufgrund des Platzbedarfs nirgends bauen, von den technischen Rahmenbedingungen wie der Sonnenscheindauer reden wir noch gar nicht. Umgekehrt hat die Schweiz das Privileg, als Wasserschloss einen hohen Anteil ihres Strombedarfs selber bereitzustellen. Zugleich wird sie auch in Zukunft darauf angewiesen sein, Strom zu importieren. Das Potenzial für Solarstrom ist in Spanien und Italien weiterhin riesig, die Windkraft ist etwa in Frankreich ebenfalls noch ausbaubar, in Deutschland ist bereits vieles realisiert worden. Und es gibt Länder wie Norwegen mit bisher ungenutzten Möglichkeiten in der Wasserkraft.

Die Aventron soll in den kommenden Jahren also stark wachsen.

Die Aventron hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2020 total 500 Megawatt zu realisieren. Bereits heute ist absehbar, dass wir dieses Ziel erreichen. Das Fernziel entspricht dann 1000 Megawatt, also eine weitere Verdoppelung. Bei der Aventron bündeln wir Investitionstätigkeit – also das finanzielle Know-how – mit dem technischen Know-how. Wir verfolgen eine diversifizierte Fokussierung, in sechs Ländern und in drei Technologien: Kleinwasserkraftwerke, Fotovoltaik- sowie On-shore-Windkraftanlagen. Bislang wenig bekannt ist unser Wasser-Investment in Norwegen. Dort hat Aventron mittlerweile eine Leistung von 50 Megawatt aufgebaut. Das ist wenig im internationalen Massstab, doch sehr viel für die EBM. Unsere Kleinwasserkraftwerke an der Birs leisten kumuliert ein Megawatt.

Warum ist Autarkie im Energiebereich nicht erstrebenswert?

Sehen Sie: Autarkie ist immer mit hohen Kosten verbunden. Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Damit ein Einfamilienhaus als Selbstversorger funktionieren kann, muss eine Photovoltaikanlage so dimensioniert werden, dass sie auch an einem Wintertag mit wenig Sonne, aber einem hohen Stromverbrauch funktioniert. Umgekehrt liefert diese Anlage im Sommer, wenn die Tage viele Sonnenstunden zählen, sehr viel Strom. Dieser wird dann allerdings gar nicht benötigt, weil die Hauseigentümer in die Ferien verreist sind. Das heisst: Weil sich Autarkie immer am Spitzenbedarf ausrichten muss, ist sie mit hohen Kosten verbunden. Das gilt für das Einfamilienhaus gleich wie für ein Staatswesen wie die Schweiz. Eine vollkommene Autarkie kann im Falle der Schweiz deshalb nicht das Ziel sein. Die Frage ist eher, in welchem Ausmass und von welchen Energieträgern die Schweiz abhängig sein soll.

Schlussfrage: Krypto-Währungen wie Bitcoin boomen. Haben Sie Interesse an solchen Kunden?

Wir haben auch schon entsprechende Anfragen erhalten, wir sind allerdings sehr vorsichtig und zurückhaltend. Die Promotoren der Kryptowährungen suchen einfach möglichst günstigen Strom, die Margen sind eher tief.