Universitätsspital Nordwest

Ehemaliger Chefarzt Kummer kritisiert geplante Spitalfusion: «Fusionisten sind gutgläubige Futuristen»

Befürchtet eine «Gesundheitsfabrik»: Hans Kummer in seinem Haus in Therwil.

Befürchtet eine «Gesundheitsfabrik»: Hans Kummer in seinem Haus in Therwil.

Der ehemalige Chefarzt Hans Kummer ist gegen die geplante Spitalgruppe beider Basel. Diese führe zu Mehrausgaben in der Administration.

Hans Kummer, Sie haben sich für die Bruderholz-Initiative eingesetzt. Nachdem die Vorlage im Mai wuchtig abgelehnt worden war, sagten Sie, die Sache sei für Sie abgeschlossen. Nun kritisieren Sie die Pläne für die Fusion der Kantonsspitäler Basel-Stadt und Baselland. Sind Sie ein Ewiggestriger?

Hans Kummer: (lacht) Ich bin kein Ewiggestriger. Aber die Fusionisten sind gutgläubige Futuristen.

Was spricht gegen ein «Universitätsspital Nordwest»?

Warum etwas zerschlagen, was gut funktioniert? Grösser ist nicht immer besser, sondern häufig nur teurer. Dass die hochspezialisierte Medizin in das Universitätsspital gehört, ist unbestritten und wird von den Baselbieter Spitälern schon jetzt so gehandhabt.

Der Kostendruck im Gesundheitswesen steigt. Die Kantone werden vom Bund und von den Krankenkassen dazu angehalten, das Ausgabenwachstum zu drosseln.

Zuerst einmal: Kosten spart man vor allem dann, wenn die Politik keine Fehlentscheide fällt – DIE kosten Millionen. Ich richte mich nach den Patienten: Die wünschen sich eine Notfallstation, die in der Nähe liegt und in der sie nicht stundenlang warten müssen. Dann wollen sie ein Spital, das übersichtlich ist, wo sie sich zu Hause fühlen. Das kann ein Riesenbetrieb kaum leisten. Wenn das Universitätsspital Basel nochmals um Hunderte Betten wächst, dann wird es zur Gesundheitsfabrik.

Was Sie erzählen, klingt nostalgisch. Das Gesundheitssystem ist in dieser Form nicht mehr finanzierbar.

Sparpotenzial gibt es mit der Bildung von Schwerpunkten durch Absprachen und Kooperationen. Stichwort Da-Vinci-Roboter: Wir haben in der Region mehrere solche Operations-Roboter – pro Kopf ist das wohl Weltrekord. Ich habe vernommen, dass die millionenteuren Geräte schlecht ausgelastet sind. Um Fehlentwicklungen zu verhindern, braucht es keine Fusion, sondern mehr partnerschaftliche Vereinbarungen. Die Ärzteschaft muss dabei mitbestimmen können. Schwerpunkte lassen sich nicht vom Schreibtisch aus diktieren, man muss auf gewachsene Strukturen Rücksicht nehmen. Sonst kommt es zu Missstimmung und Abgängen.

Genau diese Absprachen scheinen nicht zu funktionieren. Im September 2014 stellte das Kantonsspital Liestal den Medien seinen neuen «Da Vinci» vor. Da war Stolz herauszuhören: Jetzt haben auch wir so ein tolles Gerät.

Solche Doppelspurigkeiten müssen vermieden werden. Aber nochmals: Dazu braucht es keine Fusion. Warum dann nicht auch BVB und BLT fusionieren oder beiden Basel gleich ganz zusammenlegen?

Die Kantonsfusion steht nicht zur Debatte. Sie sprechen von einer Übernahme der staatlichen Baselbieter Spitäler durch Basel-Stadt. Bisher hätte aber Basel-Stadt klagen können, über den Tisch gezogen zu werden. Der Stadtkanton trug erheblich mehr Substanz an die Spitalgruppe bei, trotzdem hatte Baselland ein Vetorecht. Dieses Ungleichgewicht ist nun im revidierten Staatsvertrag entschärft worden.

Im Staatsvertrag wird festgehalten, dass Baselland seinen Aktienanteil an der gemeinsamen Spitalgruppe mit 100 Millionen Franken auf bis zu 50 Prozent aufstocken darf. Vorerst erwirbt das Baselbiet aber nur ein Drittel der Aktien. Dafür erhält der Landkanton ein Vetorecht für sogenannte wichtige Entscheide. Doch was sind wichtige Entscheide? Ich befürchte, dass sich stets der Kanton durchsetzt, der mehr Mittel einbringt. Basel-Stadt ist de facto der Übernehmer. Und der Übernehmer sagt, wo es langgeht. Der Übernommene muss sich fügen. Das sind schlechte Perspektiven fürs Kantonsspital Baselland.

Sie behaupten, mit der Fusion drohe eine übergrosse Administration. Dabei erzielen grosse Betriebe höhere Skaleneffekte und Synergien als kleine.

Grössere Einheiten erzielen vor allem eines: Mehrausgaben für Administration und Verwaltungsrat. Aber sie haben recht mit den Skaleneffekten, die kann man erzielen, etwa mit einem gemeinsamen Einkauf. Die Frage ist: Braucht es dazu die Fusion? Kann man das nicht auch mit freiwilligen, Abmachungen erzielen? Mehr Patienten gibt es mit der Fusion keine.

Es macht doch keinen Sinn, auf einem so kleinen Gebiet zwei Kantonsspitäler aufrecht zu erhalten. Der Krieg um Patienten ist ein Abnützungskampf.

So klein ist das Gebiet nicht. In der Nordwestschweiz leben eine halbe Million Menschen. Die Universitätsklinik wird schon heute nicht konkurrenziert. Für die erweiterte Grundversorgung hat es durchaus Platz für zwei Kantonsspitäler. Der Kanton Aargau zum Beispiel hat auch zwei Standorte: Aarau und Baden. Und der Kleinkrieg existiert nur marginal. Zwischen Unispital und KSBL funktioniert die Zusammenarbeit bereits heute gut, mit den erwähnten wenigen Ausnahmen. Mit dem Fusionsprodukt sollen aber 400 Vollzeitstellen wegfallen. Wo, weiss man noch nicht, ebenso 120 bis 150 Betten. Die Spitäler sind aber gut ausgelastet. Da frage ich mich: Wie soll das gehen?

Die Aufenthaltsdauer nimmt ab, immer mehr Eingriffe werden ambulant angeboten.

Die Aufenthaltsdauer hat schon gewaltig abgenommen, da liegt nicht mehr viel drin, bei den ambulanten Eingriffen vielleicht etwas mehr.

Fürchten sie blutige Entlassungen?

Ja, vor allem ältere Patienten mit mehreren Krankheiten, die keinem Spital Gewinn bringen. Mit der Überalterung wird es eher mehr Betten brauchen als heute. Wie bei vielen anderen Problemen wird die Fusion auch hier keine Lösung bringen. Darum lehne ich sie ab.

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