Religion

Ein Abendmahl ohne Männer: Eine Freske in der Therwiler Kirche ehrt frühchristliche Frauenfiguren

Acht Frauen zieren die Freske in der Therwiler St. Stephanskirche. Die Künstlerin des Werkes hat sich von da Vincis letztem Abendmahl inspirieren lassen. Es soll ein Zeichen gesetzt werden, weil Frauen in der Bibel früher vermännlicht wurden.

In der Kirche St. Stephan in Therwil sind seit Mitte November acht Frauen auf einer Freske  abgebildet, die sich anstelle des Beichtstuhls befindet. Sie sind unterschiedlich alt, stammen aus verschiedenen Ländern, sind allesamt modern gekleidet und sitzen gemeinsam an einem Tisch zu Wein und Brot. Ihre Namen zieren die Empore, eingemeisselt in nachempfundenem Marmor. Die Freske und die Namenplaketten sind ein Werk der Zürcher Künstlerin Corinne Güdemann. Es ist während der Renovationen des barocken Innenraums der Therwiler Kirche entstanden und bildet acht wichtige Frauenfiguren aus der frühchristlichen Zeit ab.

Die Künstlerin hat sich vom Abendmahl von Leonardo da Vinci inspirieren lassen. Die Freske der acht Frauen erscheint wie freigelegt unter dem Verputz, «als wäre es ein wiedergefundenes Fresko aus der früheren Zeit», erklärt die Künstlerin dem katholischen Nachrichtendienst «kath.ch». Das Kunstwerk wurde nicht neu entdeckt, die abgebildeten Frauen aber schon: Lange wurden sie in der Theologie vergessen. Ihre Bedeutung wurde heruntergespielt, ihre Namen vertuscht, sodass bis vor Kurzem kaum niemand von deren Bedeutung in der frühchristlichen Zeit Bescheid wusste.

Die Kirche St. Stephan in Therwil

Die Kirche St. Stephan in Therwil

   

Kaum jemand befasste sich im Religionsunterricht mit den Missionarinnen Priska und Martha, der Gemeindeleiterin Lydia oder der Märtyrerin Thekla. Nur die wenigsten kennen die Diakonin Phoebe, die namenlose Prophetin oder die Apostelin Junia, deren Namen in Bibelübersetzungen zu Junias vermännlicht wurde und die erst seit der neusten Einheitsübersetzung von 2016 wieder ihren richtigen Namen und ihr richtiges Geschlecht zurückerhielt. An die Jüngerin Maria von Magdala erinnert man sich vielleicht noch, da sie in allen Evangelien als erste Zeugin der Auferstehung beschrieben wird.

Aber auch, weil sie im 6. Jahrhundert Papst Gregor I. mit der anonymen Sünderin gleichsetzte, die im Lukasevangelium erwähnt wird. Schon bald verbreitete sich die irrtümliche Vorstellung, sie sei eine Prostituierte gewesen, was sich in der Kunst durchgesetzt hat. Maria von Magdala wurde dann stets als rothaarige, halbnackte Prostituierte dargestellt. Dass sie eine der engsten Vertrauten Jesu war, wurde aber lange nur wenig von Theologen aufgegriffen.

Starke Frauen in der Kirche, von der Antike bis heute

Neuste Bibelforschungen belegen aber, dass zu frühchristlichen Zeiten diese Frauen verantwortungsvolle Führungspositionen in den ersten christlichen Gemeinden einnahmen. «Ohne Frauen hätte sich das Christentum wohl nicht etablieren können», erklärt Elke Kreiselmeyer, Gemeindeleiterin der Katholischen Pfarrei St. Stephan Therwil/Biel-Benken.

Porträt Gemeindeleiterin Elke Kreiselmeyer. Wir begleiten sie zur Frauen-Adventsfeier in der Katholischen Kirche in Binningen.

Elke Kreiselmeyer ist Theologin und seit 1999 Gemeindeleiterin der Pfarrei in Therwil.

Porträt Gemeindeleiterin Elke Kreiselmeyer. Wir begleiten sie zur Frauen-Adventsfeier in der Katholischen Kirche in Binningen.

Denn die ersten Christen mussten sich in privaten Häusern treffen, die in der römischen Gesellschaft der Kompetenzbereich der Frauen waren. So hat beispielsweise die vermögende Purpurhändlerin Lydia von Philippi, die erste Christin Europas, eine Hausgemeinde geleitet und beherbergt, erklärt die Theologin. Dass ausgerechnet in ihrer Pfarrei starke Frauen aus den Evangelien an den Kirchenwänden einen Ehrenplatz kriegen, dürfte kaum ein Zufall sein.

Kreiselmeyer arbeitet seit mehr als zwanzig Jahren als Gemeindeleiterin und setzt sich für die Gleichberechtigung innerhalb der katholischen Institutionen ein. So fordert sie Gleichstellung der Geschlechter in allen kirchlichen Ämtern und Gremien, fordert weibliche Priesterinnen und schreckt nicht davor zurück, Papst Franziskus für seine Haltung zu Abtreibung oder Homosexualität zu kritisieren. Im Juni verfasste sie mit vier weiteren Theologinnen und zwei Theologen Forderungen gegen die Diskriminierung von Frauen und Homosexuellen, die sie an Bischof Felix Gmür übergaben.

Mit der Ehrung der ersten Kirchenfrauen in der Kirche Therwil hofft Elke Kreiselmeyer, einen weiteren Stein zu setzen, um die Katholische Kirche fortschrittlicher zu gestalten. Ein Blick zurück, um nach vorne zu schauen.

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