Zweiter Weltkrieg

Ein Basler «Agentenkrimi» mit weltweiter Ausstrahlung

Die Ermittler auf der Spur von Berthold Jacob. Ganz links steht der Erste Staatsanwalt, Paul Dubi.

Die Ermittler auf der Spur von Berthold Jacob. Ganz links steht der Erste Staatsanwalt, Paul Dubi.

Im Jahre 1935 macht ein spektakulärer Entführungsfall Schlagzeilen von Paris bis New York – im Zentrum des Interesses steht dabei die Stadt Basel.

Mitte September 1935 ist die Kino-Saison in Basel bereits in vollem Gange – die Lichtspieltheater bieten dabei ganz unterschiedliche Kost an, etwa das Forum im St. Johann, wo «Die Wiener Nachtigall – die Perle aller Operettenfilme» läuft. Oder der amerikanische Gangsterfilm «John Dillinger und die G.-Männer», der «gewaltigste Polizeifilm der Welt», wie es unbescheiden im Untertitel heisst, der im Kino Capitol zu sehen ist.

Glaubt man der «National-Zeitung», dann passiert das Spektakuläre im Capitol am 16. September aber nicht etwa auf der Leinwand, sondern vielmehr im Raum der Zuschauenden. Denn dort treffen, so weiss die Zeitung aus offenbar zuverlässiger Quelle, ein Basler Staatsanwalt und ein Reporter aufeinander: «Was – Sie können ruhig hier im Kino sitzen, während in Basel grosse Dinge passieren?», soll der Mann vom Lohnhof (wo damals der Sitz der Staatsanwaltschaft war) dem Journalisten gesagt und gleich noch geheimnisvoll angefügt haben: «Morgen werden Sie alles erfahren!»

Zu tun haben diese «grossen Dinge in Basel», die hier angekündigt werden, mit dem deutsch-jüdischen Journalisten Berthold Jacob, der eigentlich Berthold Jacob Salomon heisst und sich spätestens seit 1933 den nun regierenden Nationalsozialisten verhasst gemacht hatte. Seine beiden Aufenthalte in Basel 1935 verliefen ebenso kurz wie spektakulär.

Berthold Jacob ist in der Weimarer Republik ein sogenannter Enthüllungsjournalist, der immer wieder spektakuläre Artikel schreibt über die heimliche deutsche Aufrüstung.

Eine Aufrüstung, welche die Führung der deutschen Armee schon lange vor 1933 zusammen mit rechtsstehenden Politikern konsequent vorantreibt. So konsequent, dass Hitler sie später praktisch nahtlos übernehmen kann.

Berthold Jacob, der für so renommierte Blätter wie die «Weltbühne» des Carl von Ossietzkys schreibt, recherchiert genau. So deckt er Ende der Zwanzigerjahre beispielsweise das System der sogenannten Zeitfreiwilligen auf, einer Kategorie von Soldaten, die in keiner Statistik auftauchen, obwohl Deutschland nach dem geltenden Versailler Vertrag eigentlich nur ein 100'000-Mann-Heer haben dürfte und diese einfach nicht mitgezählt werden. Für diese Enthüllung muss Jacob sogar neun Monate Gefängnis absitzen. Er wird so, mit anderen linken Journalisten und Politikern, die sich dieser Aufrüstung widersetzen, zur Hassfigur ultrarechter Kreise.

«Ich habe den Stoss von rechts kommen sehen»

Berthold Jacob ahnt wohl, was mit ihm geschehen könnte, wenn die Nazis einmal an der Macht sind. Auch darum verlässt der Enthüllungsjournalist zusammen mit seiner Frau bereits im Sommer 1932 Berlin und zieht nach Strassburg. «Ich habe den Stoss von rechts kommen sehen», wird er später seine Vorahnungen zusammenfassen. In der elsässischen Metropole hält er sich allerdings mehr schlecht als recht durch seine journalistische Arbeit über Wasser – mit Hitlers Machtergreifung kann er in Deutschland nicht mehr publizieren; er ist auf die wenigen deutschsprachigen Zeitungen im Elsass und auch einige kleinere Emigranten-Blätter angewiesen.

Von Basel reiste Berthold Jacob nach Paris und blieb im Hotel Jacob.

Von Basel reiste Berthold Jacob nach Paris und blieb im Hotel Jacob.

Mindestens so einschneidend für das Ehepaar Jacob ist aber die Tatsache, dass sie bereits im Frühjahr 1933 zu den Menschen gehören, die von den Nazis ausgebürgert werden und deshalb auch ihren Pass verlieren.

Die Staatenlosigkeit ist es dann auch, die Berthold Jacob schliesslich zum Entführungsopfer machen wird – und dass dies in Basel, auf Schweizer Boden, passiert, ist dabei kein Zufall. Denn an Jacobs Fersen heftet sich bald ein gewisser Hans Wesemann, ein Nazi-Spitzel, den Jacob noch aus Berlin kennt. Wie Jacob ist er Journalist und schrieb ursprünglich für die sozialdemokratische Presse. Schon kurz nach dem Umzug des Ehepaars Jacob nach Frankreich meldet sich Wesemann beim Ausgewiesenen.

Wesemann kennt Jacobs dringenden Wunsch: einen (gefälschten) deutschen Reisepass. Jacob möchte nämlich gerne nach England reisen und sich dort in verschiedenen Redaktionen um Arbeit bemühen. Ohne Pass ist das aber nicht zu verwirklichen. So verabreden die beiden Journalisten sich schliesslich auf neutralem Gebiet, Basel ist von Strassburg gut zu erreichen. Bei den deutschen Stellen, die in den Entführungsplan involviert sind, gewinnt bei der Wahl der Stadt am Rheinknie wohl auch der Gedanke Oberhand, dass man die Grossmacht Frankreich mit so einer Aktion nicht provozieren will. Vom Kleinstaat Schweiz wird da kaum Widerstand erwartet, sollte die Entführung bekannt werden.

Dass die Nazis den Exil-Journalisten unbedingt in ihre Gewalt bringen möchten, hat vor allem damit zu tun, dass dieser auch von Strassburg aus weiterhin Brisantes aus dem Inneren der deutschen Armee veröffentlicht. Informationen, die man in Paris oder London und anderswo stets interessiert zur Kenntnis nimmt.

Das Treffen im «Schiefen Eck»

So trifft Berthold Jacob also am 9. März in Basel ein, dies allerdings auf Schleichwegen und nicht im direkten Zug, denn als Staatenloser darf er gar nicht in die Schweiz einreisen. Er begibt sich von seinem Hotel aus ins Kleinbasel, ins Restaurant «Zum Schiefen Eck» beim Claraplatz, wo er mit Hans Wesemann verabredet ist.

Und in diesem «Schiefen Eck» läuft dann alles ab wie in einem schlechten Agentenfilm: Nachdem sich Jacob und Wesemann getroffen haben, erscheint im Verlaufe des Abends ein dritter Mann, der Mann, der Jacob den Pass aushändigen soll. Doch dafür müssen die drei Männer in eine Basler Privatwohnung. Sie steigen deshalb in ein bereitstehendes Auto. Jacob, so schildern es später Augenzeugen, scheint angetrunken zu sein. In Wahrheit tut ein Betäubungsmittel hier seine Wirkung. Und dann geht alles blitzschnell: Das Auto, ein schwarzer Chrysler-Plymouth mit Zürcher Nummernschilder, fährt sofort los – in Richtung der nahegelegenen deutschen Grenze und mit grosser Geschwindigkeit.

Beim Grenzübergang Kleinhüningen muss sich der Schweizer Zollbeamte mit einem Sprung zur Seite retten, denn das Auto macht keine Anstalten, anzuhalten, sondern rast einfach weiter. Auf der deutschen Seite scheint die Limousine dagegen schon erwartet zu werden, denn der Schlagbaum ist an diesem Samstagabend überraschenderweise geöffnet, entgegen allen sonstigen Gepflogenheiten an diesem und den meisten anderen Grenzübergängen. Kurz nach der Grenze biegt das Auto in Weil am Rhein in eine Seitenstrasse ein. Die Entführung ist geglückt, der entführte Berthold Jacob wird sogleich nach Berlin gebracht, wo ihn bald Gestapo-Angehörige befragen. Vermutlich wird der Journalist auch gefoltert.

Langsam entgleitet den Nazis die Kontrolle

Die Nazis haben also ihr Ziel erreicht und soweit alles im Griff. Was sie aber nicht unter Kontrolle haben, ist die Reaktion in Basel und der gesamten Schweiz auf die Entführung. Die ist einhellig: Die politische Schweiz ist empört über den krassen Fall von Neutralitätsverletzung.

Sowohl im eidgenössischen Parlament als auch im Grossen Rat in Basel werden Parlamentarier sofort aktiv, es sind nicht nur linke. So reicht etwa der freisinnige Basler Ständerat Ernst Thalmann nur wenige Tage nach der Entführung im Parlament in Bern eine Interpellation ein. Dort spricht er fast pathetisch davon, dass «ein Schrei der Empörung bis in die hintersten Täler des Schweizerlandes» erschallt sei, als die Menschen von der Basler Entführung gehört hätten. Und, so fügt er gleich noch an: «Sind wir so weit, dass unsere staatliche Unabhängigkeit von einem grossen Nachbarn für nichts geachtet wird und dass er mit Überfallkommandos Leute mitten aus unserem Land herausholt?» Nicht zuletzt mit solcher Rhetorik steigt der Druck auf die Schweizer Regierung – Bern verlangt die Auslieferung des Entführten und, als Berlin sich weigert, die Einsetzung eines internationalen Schiedsgerichts.

Präsidieren soll die Schweizer Delegation der Basler Regierungsrat Carl Ludwig. Die Forderung nach einem internationalen Schiedsgericht lässt die Schweiz dann im Laufe des Sommers schweren Herzens wieder fallen – nicht aber die nach einer Übergabe Jacobs an die Behörden der Eidgenossenschaft.

Und hier setzt sich Bern dann überraschenderweise am Ende auch durch. Dies wohl auch, weil der «Fall Jacob» längst weltweit Schlagzeilen gemacht hat und die Nationalsozialisten vor aller Welt schlecht, ja fast gedemütigt, dastehen.

Nachdem vermutlich Hitler selbst schliesslich der Rückstellung zustimmt, trifft Berthold Jacob am Morgen des 17. September mit dem D-Zug aus Berlin ein, natürlich in Begleitung von Gestapo-Beamten. Erwartet wird diese seltsame Gruppe am Badischen Bahnhof von zahlreichen Reportern, darunter wohl auch der Kollege, der am Vorabend noch im Kino war. Berthold Jacob wird im Lohnhof befragt, dies auch als Zeuge im Hinblick auf den Prozess gegen Entführer Hans Wesemann. Den hatte die Polizei nur wenige Tage nach dem 9. März im Tessin festnehmen können. Schon kurz nach dieser Befragung wird Jacob zusammen mit seiner Frau nach Frankreich ausgewiesen. Der Vorhang fällt – vorerst.

Jacob wird ein zweites Mal entführt, und alles läuft anders

Denn tragischerweise wird die Basler Entführung nicht die letzte für Berthold Jacob sein. Das zweite Kidnapping wird sich in Lissabon abspielen, der portugiesischen Hauptstadt, wo sich das Ehepaar Jacob 1941 auf dem Weg in die USA aufhält. Diesmal sind deutsche Gestapo-Agenten und keine Spitzel die Täter.

Diese zweite Entführung geht weniger gut aus als die erste: Jacob wird wieder nach Berlin gebracht und dauerhaft im Gefängnis verwahrt. Er stirbt im Februar 1944 an Fleckfieber und Lungenentzündung.

Der Enthüllungsjournalist wird also nicht mehr erleben, was das «Pariser Tageblatt», eine Emigranten-Zeitung, prophetisch bereits 1935 unmittelbar nach dessen Reise nach Frankreich geschrieben hatte: «Die deutsche Regierung hat sich dem Recht beugen müssen. Möge sie dies als ein mahnendes Vorzeichen dafür nehmen, dass dasselbe Recht einst über sie kommen und das ganze grosse Unrecht, dass jetzt unter dem Namen `Drittes Reich` herumstolziert, verschlingen wird.»

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