Aviatik

Ein Bruchpilot und seine Schutzengel – das Liestaler Gitterli als Flugplatz

Der Absturz am Rande des Sportplatzes Gitterli sorgte damals in Liestal und Umgebung für viel Aufregung.

Der Absturz am Rande des Sportplatzes Gitterli sorgte damals in Liestal und Umgebung für viel Aufregung.

Es gab eine Zeit, da wurde das Liestaler Gitterli als Flugplatz genutzt. Allerdings forderte die kurze Piste immer wieder ihren Tribut.

Der 25. April 1913 war ein spezieller Tag für Liestal: Der Pilot Oskar Bider aus Langenbruck, der am 24. Januar desselben Jahres mit dem erstmaligen Überflug der Pyrenäen zu einem international gefeierten Aviatikhelden geworden war, landete mit seiner «Blériot» auf dem Exerzierplatz im Gitterli. Tausende Menschen strömten herbei, um «ihren» Baselbieter Flugpionier einmal aus der Nähe zu sehen. Das bestätigt auch der aus Langenbruck stammende und heute in Thun wohnhafte Bider-Biograf Johannes Dettwiler.

Der eigentliche Flugtag im Gitterli fand am 27. April statt, den Bider mit Bravour absolvierte. Zwei Tage später startete er mit seiner Schwester Leny, der ersten Filmschauspielerin der Schweiz, zu einem Flug nach Langenbruck, wo er in der Krähenegg zum ersten und einzigen Mal in seinem Heimatort landete.

Kurze Rundflüge fürs breite Publikum

Gleicher Schauplatz, 34 Jahre später. Der Zweite Weltkrieg war vorüber, die Fliegerei genoss nach wie vor eine grosse Popularität. Am Wochenende vom 31. Mai und 1. Juni 1947 organisierte die Motorfluggruppe Basel auf dem Gitterli einen Passagierflugtag. Die Besucher konnten mit drei Piper-Flugzeugen Rundflüge unternehmen.

Hauptorganisator war der einheimische Jurastudent, Militärpilot und Fluglehrer P.R. Der 28-jährige Aviatiker flog fast den ganzen Zweiten Weltkrieg parallel zum Studium als Jagdpilot bei der Luftwaffe und genoss den Ruf eines Unsterblichen. Zweimal überlebte er Zusammenstösse in der Luft, in dem er sich mit dem Fallschirm rettete. Im August 1945 kam er auf dem Flugplatz Sion mit einem Militärflugzeug beim Startlauf quer von der Piste ab, überquerte das Bord der SBB-Linie und konnte auf der anderen Seite die völlig zerstörte Maschine unverletzt verlassen.

Auch am Flugtag in seinem Heimatort sollte sich P.R. wieder auf seinen Schutzengel verlassen können. Es zeigte sich, dass die Platzverhältnisse des knapp 300 Meter langen Feldes nicht optimal waren.

Neben P.R. waren noch zwei weitere Piloten im Einsatz für die Rundflüge. Beide mussten bei den Landungen mehrmals wieder Vollgas geben, weil sie beim Anflug zu weit in den Platz hineingeflogen waren und die restliche Strecke fürs Bremsen nicht mehr ausgereicht hätte. Im Fliegerjargon heisst dies: Der Anflug ist «zu lang» gekommen.

Unsanfte Landung neben dem Tennisplatz

P.R. machte vor dem Unfall zwei Flüge mit korrekten Landungen. Er flog mit der «Piper» mit der Registrierung HB-OUE. Beim dritten Flug führte er als Passagier R.B. mit, einen 25-jährigen Kaufmann.

Jetzt kam auch er «zu lang». Der Anflug über das Schwimmbad hinweg auf die Wiese, wo sich heute der Trainingspark befindet, gestaltete sich als schwierig. Der Pilot gab ungefähr in der Mitte der Piste wieder volle Leistung, wollte durchstarten.

Nun zeigte sich aber die Grenze der «Piper» mit ihren nur 65 Pferdestärken. Im Steigflug gelang es P.R. noch, sich über die Alleebäume an der Kasernenstrasse und die elektrische Leitung am Platzende hinwegzusetzen. Dann jedoch musste der Pilot die Nase senken, um Geschwindigkeit aufzuholen. Jetzt stellte sich aber die Fahrleitung der Bahnlinie in den Weg. Er leitete eine Linkskurve ein. Das Flugzeug geriet unter die Minimalgeschwindigkeit, stürzte in eine Vrille und schlug nach einer halben bis dreiviertel Drehung am Fuss des Bahndammes auf, gleich bei der Ecke des Tennisplatzes.

Der hinten sitzende Pilot erlitt einen Schock, kam aber mit Schürfungen davon. Sein Passagier erlitt eine Gehirnerschütterung sowie Risswunden im Gesicht und am rechten Bein. Das Flugzeug wurde stark beschädigt.

Zu viele Hindernisse: Es war der letzte Gitterli-Flugtag

Der «Landschäftler» berichtete am 2. Juni 1947 über den Unfall. Der Flugtag sei nach dem Unfall abgeblasen, Pilot und Passagier seien ins Spital gebracht worden. Die Zeitung warf die Frage auf, ob das Gitterli überhaupt noch für Flugtage geeignet sei.

Die Flugunfalluntersuchung kam zum Fazit, das Gitterli hätte nicht benutzt werden sollen. Es gebe zu viele Hindernisse beim An- und Wegflug.

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