Negativer Asylentscheid

Ein Dorf kämpft dafür, dass eine Flüchtlingsfamilie im Baselbiet bleiben darf

Der Bund will eine Familie nach Tunesien ausschaffen, obwohl die Frau als Konvertitin potenziell gefährdet ist. Nun wehren sich die Langenbrucker gegen die Ausschaffung. Sie gründen einen Verein und übernehmen die Kosten für den Gang nach Strassburg.

«Ich will sie nicht mehr missen.» Immer und immer wieder wiederholt Heidi Wenger diesen Satz. Die 77-jährige Witwe sitzt in ihrer kleinen, gemütlichen Stube. Den linken Arm trägt sie in einer schwarzen Schlinge: Die Schulterprothese ist noch neu. Nicht mehr missen will sie Hayet Mazin*, ihre Nachbarin, die im ehemaligen Polizeiposten von Langenbruck wohnt.

Jetzt wird das Haus von der Gemeinde als Asylunterkunft genutzt. Denn Hayet, ihr Mann Joseph Mazin* und ihre zwei kleinen Buben sind Flüchtlinge. Vor fast vier Jahren, damals noch zu dritt, flüchteten sie aus Syrien. Über die Balkan-Route kamen sie in die Schweiz, ins beschauliche Langenbruck.

Heidi Wenger blickt auf den Stubentisch. «Ich wäre sehr traurig, wenn ich die Mazins nicht mehr hätte. Ich würde in ein tiefes Loch fallen. Es gibt doch sonst niemanden, der vorbeikommt, bloss die Spitex.» Nichts hätte sie von den anderen Langenbruckern gehört, als ihr Mann verstorben sei. Aber die Mazins hätten ihr ein Blumengesteck gemacht. «Das hat mich sehr berührt.»

Knapp ein Jahr nach ihrer Ankunft kam der Entscheid des Staatssekretariats für Migration (SEM): «Sie haben am 16. Oktober 2015 ein Asylgesuch eingereicht. Die Prüfung Ihrer Akten hat ergeben, dass Sie und Ihr Kind nicht als Flüchtlinge anerkannt werden können. Ihre Asylgesuche werden deshalb abgelehnt. Sie sind verpflichtet, die Schweiz bis zum 7. Oktober 2016 zu verlassen.»

Doch die Mazins wollen nicht zurück. Nicht ins vom Bürgerkrieg zerrüttete Syrien, der Heimat von Joseph, und auch nicht nach Tunesien, woher Hayet stammt. Das SEM verlangt Letzteres. «In Tunesien herrscht weder ein Bürgerkrieg noch eine Situation allgemeiner Gewalt», schreibt die Behörde.

18 000 Franken gesammelt

Für Hayet jedoch ist eine Rückkehr in ihre Heimat ausgeschlossen: «Bevor ich Joseph 2012 im Libanon geheiratet habe, bin ich dort zum christlichen Glauben konvertiert», erzählt sie, als die bz die Flüchtlingsfamilie in der Advokatur ihres Rechtsvertreters besucht. «Konvertiten leben in Tunesien gefährlich, erst recht, wenn sie einen Nicht-Muslim geheiratet haben», sagt Joseph. Er ist assyrischer Christ. Das SEM hingegen hält die Sicherheitslage – trotz selbst festgestellter Risiken – für zumutbar.

Noch sind die Mazins in Langenbruck. Sie wissen, wem sie das zu verdanken haben: «Ohne die Langenbrucker Bevölkerung wären wir schon lange nicht mehr hier», sagt Hayet. «Viele sind für mich wie eine Familie.» Diese «Familie» ermöglichte nach einer erfolglosen ersten Beschwerde der Mazins beim Bundesverwaltungsgericht 2017 die Anstellung eines Advokaten.

Insgesamt 18 000 Franken hat eine Gruppe von Einwohnern um Sandra Kaufmann und Ruth Mesmer gesammelt, um die Verfahrens- und Anwaltskosten zu decken. Die Sozialpädagogin und die Rentnerin haben die Mazins kennen gelernt, als diese noch nicht im Polizeiposten, sondern direkt über Kaufmanns Wohnung untergebracht waren. «Was uns vor allem stört, ist, dass das Gericht die Kinderrechte überhaupt nicht beachtet hat», sagt Mesmer.

In Tunesien würden die beiden Buben, die in Langenbruck Spielgruppe und Kindergarten besuchen, ausgegrenzt, weil sie eine Konvertitin als Mutter und einen assyrischen Christen als Vater hätten. «Im besten Fall geht es nur um Diskriminierung ... im besten Fall», fügt Kaufmann an.

Arbeit gegen Lohn ist verboten

Der Anwalt begleitet die Mazins seither durch alle Instanzen – wirklich alle. Denn mit dem negativen Verwaltungsgerichtsentscheid vom Juli 2017 war der Rechtsweg auf nationaler Ebene zu Ende, die Ausschaffung erneut bestätigt. Endstation: Strassburg. Bereits knapp zwei Jahre ist die Beschwerde der Mazins beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte hängig.

Erst der Eingang der Beschwerde wurde bisher bestätigt. Ein Geduldsspiel, das Jahre dauern kann. «Das ist unsere letzte Hoffnung», sagt Hayet. Immerhin: Bis der Entscheid vorliegt, dürfen die Mazins wohl bleiben. Der Kanton Baselland, der für die Ausschaffung zuständig ist, hat signalisiert abzuwarten.

Warten ist allerdings nicht die Sache der Mazins. «Wir wollen arbeiten und der Gemeinde etwas zurückgeben», sagt Hayet, die in Tunesien Wirtschaft studiert hat. Vorerst muss es aber bei Freiwilligenarbeit bleiben, denn Lohn ist für abgewiesene Asylsuchende verboten. Deshalb hilft Elektroingenieur Joseph überall, wo er kann: Rasenmähen, den Werkhof beaufsichtigen, sogar die Asylunterkunft renovierte er.

Alles unentgeltlich. Wie auch Hayet. Sie ist zur Stelle, wenn Langenbrucker Vereine für ihre Feste Freiwillige brauchen, ist im Frauenverein, in der Kirchgemeinde. Am vergangenen Weihnachtsmarkt führte sie einen eigenen Stand mit Gebäck. Vorzeigemigranten eben. Deutsch sprechen mittlerweile beide besser, als sie zugeben wollen.

Der Verein war Hayets Idee

Noch etwas hat Hayet angestossen: Am Freitagabend gründeten mehrere Dutzend Langenbrucker und weitere Unterstützer den Verein «Miteinander Langenbruck». Laut Statuten will er «Menschen in Notlagen, unabhängig von Nationalität und Religionszugehörigkeit, materiell und/oder immateriell unterstützen». Erster Präsident ist der Langenbrucker Ruedi Högger.

Der 79-Jährige war früher Vizedirektor der Bundesdirektion für Entwicklung und Zusammenarbeit Deza und Helvetas-Präsident. Als Gründungspräsident trat Hanspeter Spaar auf. Er ist zwar kein Langenbrucker, aber als frisch pensionierter Leiter des Baselbieter Amts für Migration hat er den Fall der Mazins eng begleitet. «Ich engagiere mich stark für die Familie, weil die Glaubwürdigkeit der Betroffenen für mich über jedem Zweifel steht. Auch aufgrund der beachtenswerten Integrationsleistung, die in Langenbruck vielfach bezeugt wird, verdienen die Mazins unsere volle Solidarität und Hilfestellung.»

Das sieht Nachbarin Heidi Wenger genau gleich: «Hayet und ich sind wie Schwestern.» Jeden Tag koche Hayet für sie und bringe das Essen vorbei. Joseph kümmere sich um den kleinen Garten vor dem Haus oder entsorge ihren Abfall. «Dabei hat er doch selbst Schmerzen in Arm und Schultern. Da geb ich ihm meine Salbe von der Spitex. Ich schaue also durchaus auch auf sie», sagt die Rentnerin mit klarem Blick. Dann senkt sie ihn wieder: «Ich bete für sie. Ohne sie kann ich nicht mehr leben – und vielleicht will ich das dann auch nicht mehr.»

*Namen von der Redaktion geändert

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