Ein-Blick

Ein Mann räumt aus: Im Archiv über die reichsten Schweizer

Walter Stohler und sein Archiv.

Walter Stohler und sein Archiv.

In der Rubrik «Ein-Blick» gewährt die «Schweiz am Wochenende» den Lesern Einblick in die Mikrokosmen unserer Gesellschaft. Die Redaktoren beleuchten lustige Vereine, angefressene Sammler oder abgedrehte Nerds. Natürlich kann sich melden, wer sich angesprochen fühlt.

Ein Grossteil der Regale ist bereits ausgeräumt. «Hier waren vorher unzählige Bücher, Ordner und Archivschachteln», sagt Walter Stohler, als er seinen Büroraum im Erdgeschoss eines Mehrfamilienhauses in Bottmingen betritt. Doch ganz links neben der Tür sind noch knapp sechs Dutzend Archivschachteln, alle fein säuberlich eingereiht und beschriftet. Der Inhalt: Zeitungsausschnitte über die reichsten Schweizerinnen und Schweizer und ihre Familien sowie diverse Stiftungsformen und reiche, in der Schweiz wohnhafte Ausländer.

Die Antwort auf die Frage, wieso er dieses detaillierte Archiv über Jahrzehnte aufgebaut und gepflegt hat, ist relativ simpel. «Ich habe schon immer gerne Dinge gesammelt», erklärt Stohler und verneint eine spezielle Faszination für die Reichen und Mächtigen. «Es gibt keine besondere Beziehung.»

Frau findets schrecklich

Der gebürtige Ziefner, der sein Berufsleben vor allem in der Uhrenbranche und beim Betreibungsamt in Binningen verbracht hat, liest gerne und viel. Vor allem Publikationen aus der Wirtschaftspresse haben es ihm angetan. Als in den 80er-Jahren die «Bilanz» erstmals eine Liste mit den 200 reichsten Schweizern veröffentlicht, kommt ihm und einem damaligen Arbeitskollegen, dem mittlerweile verstorbenen Gottfried Egli, die Idee, ihre eigene Liste anzufertigen und als Broschüre im Eigenverlag herauszugeben.

«Auf der ‹Bilanz›-Liste waren zunächst 200 und später 300 Namen – doch unsere umfasste von Beginn weg 333», lacht der 88-Jährige. Fortan war Stohler täglich im «Büro 1», wie er den Raum nennt, las, schnitt aus und ordnete ein. «Ich war damals schon pensioniert, deshalb hatte ich genug Zeit dafür», erklärt er. 1993 war es schliesslich so weit: «Die 333 Reichsten und Einflussreichsten der Schweiz» erschien und wurde im Laufe der Jahre mehrfach aktualisiert. Rund 50 Exemplare, schätzt der Herausgeber, habe man verkauft.

Eine Handvoll der in der Broschüre Erwähnten trat sogar an das Duo heran und liess sich von ihm eine Kurzbiografie verfassen. Doch als 1998 ein Anwalt der «Bilanz» mit einer Urheberrechtsklage drohte, wurde der Verkauf gestoppt. «Einen Prozess hätten wir uns nicht leisten können.»

Dennoch führte der Bottminger sein Archiv bis 2005 akribisch weiter. Aber auch, was später passiert ist, hat der Rentner mit Interesse verfolgt. Die entsprechenden Ausschnitte sind ebenfalls im «Büro 1» gestapelt und würden «mindestens zwei Bananenschachteln füllen», wie er schätzt.

Dass er das Archiv nun abgeben will, hat einen einfachen Grund: Das Ehepaar Stohler will den Büroraum aufgeben. «Altersmässiges ausräumen», nennt es Walter Stohler trocken. «Je schneller, desto besser», sagt seine Frau Heidi mit ziemlicher Deutlichkeit und erinnert sich, kürzlich eine Dokumentation über Messies im TV gesehen zu haben. «Einfach schrecklich!»

Während mehrere Tausend Sachbücher und Romane oder eine Esoterik-Sammlung bereits erfolgreich abgestossen werden konnten, hat sich noch niemand gefunden, der das Archiv mit Schweizer Wirtschaftsgeschichte der letzten 20 Jahre übernehmen konnte. Walter Stohler hat diverse Archive und Zeitungsverlage angeschrieben – bisher ohne Erfolg. Auch an eine Privatperson würde er sein Werk abtreten. «Einzige Bedingung ist, dass die Sachen abgeholt werden», sagt der Verfasser und Herausgeber mehrerer Bücher und setzt die Deadline auf März 2019. «Dann kommt das Zeug ins Altpapier!»

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