Kopf der Woche

Ein paar Stunden leben wie eine Prinzessin

Susanne Hostettler-Birrer will mitanpacken, etwas tun: «Jeder sollte das tun. Das ist unsere Aufgabe.»

Susanne Hostettler-Birrer will mitanpacken, etwas tun: «Jeder sollte das tun. Das ist unsere Aufgabe.»

Susanne Hostettler-Birrer unternimmt mit einem Mädchen aus Sri Lanka regelmässig ganz normale Dinge.

Wenn Leela ein Mal pro Woche den Nachmittag bei Susanne Hostettler-Birrer in Allschwil verbringt, dreht sich alles nur um sie. Nachdem sie ihre Jacke aufgehängt, die Schuhe aus- und die Hausschuhe angezogen hat, unternehmen sie zusammen Dinge, die für viele Schweizer Kinder selbstverständlich sind. «Mal gehen wir zusammen in den Zolli, ein anderes Mal in den Zirkus. Oder wir backen Kekse», erzählt Hostettler-Birrer. Ganz normale Freizeitbeschäftigungen eben, die bei Leela aber Staunen und grosse Begeisterung auslösen.

Susanne Hostettler-Bitter ist Hausfrau und Mutter von drei Kindern. Die gelernte Kinderkrankenschwester war bis im letzten Jahr Geschäftsführerin der Stiftung Pro UKBB. «Ich stand damals kurz vor einem Burnout», sagt Hostettler-Birrer. Sie habe sich deshalb entschieden, den Job aufzugeben.

Bewegt durch die Flüchtlingskrise beschloss sie, sich einer neuen Herausforderung zu stellen: «Jeder redet über die Flüchtlinge, aber keiner macht etwas», stellte sie fest. Im vergangenen Winter bewarb sie sich beim Roten Kreuz Baselland für das Projekt «Mitten unter uns» (siehe Box), das Freiwillige für die Integration von ausländischen Kindern sucht. Sie will mitanpacken, etwas verändern: «Jeder sollte das tun. Das ist unsere Aufgabe.»

«Wir leben wie Prinzessinnen»

Seit neun Monaten kümmert sich die 46-Jährige, die vor 25 Jahren von Nürnberg in die Schweiz einwanderte, nun jede Woche einige Stunden um die siebenjährige Leela aus Sri Lanka. «Wir waren uns gleich sympathisch», sagt Hostettler-Birrer über ihre erste Begegnung bei sich Zuhause. «In ihren Augen leben wir in einem Schloss, wie Prinzessinnen.»

Davon liessen sich die beiden aber nicht verunsichern. Das anfängliche schlechte Gewissen, das Hostettler-Birrer aufgrund ihres Wohlstands plagte, verschwand schnell. Integration und Deutsch lernen lauten die Aufgaben, das Drumherum ist nebensächlich.

Susanne Hostettler-Birrer holt Leela aus ihrer Welt mit den tamilischen Traditionen und zeigt ihr, was für Schweizer Kinder alltäglich ist: «Im Frühjahr waren wir im Kindertheater. Leela war sehr beeindruckt, aber auch überfordert von den vielen Eindrücken», erzählt Hostettler-Birrer. Scheinbar Normales bringt die kleine Leela an ihre Grenzen: «Es fordert oft ein grosses Umdenken bei mir.»

Grundwerte weitergeben

Kleinste Dinge holen die neue «Gotte» von Leela immer wieder auf den Boden der Realität zurück: «Als wir bei mir Zuhause Kekse backen wollten, legte ich ein Dutzend verschiedene Ausstechformen auf den Küchentisch.» Leela sei überwältigt gewesen und habe erzählt, dass ihre Tante nur eine einzige Form, einen Stern, besitzen würde. «Für mich dagegen war alles so selbstverständlich. Da denkt man dann automatisch daran, wie gut wir es haben», sagt Hostettler-Birrer nachdenklich.

Solche Momente gebe es zu Hauf, sei es als sie einmal im Shoppingcenter ein Spielzeug kaufen wollten oder wenn die Familie Hostettler-Birrer Leela von ihren bevorstehenden Ferien erzähle. «Mir liegt es am Herzen, dass wir ein Stück von unserem Wohlstand abgeben», sagt die dreifache Mutter. Sie spricht damit nicht nur materielle Dinge an, sondern verweist auf die bedeutenden Werte, die zu unserer Gesellschaft gehören: «Kinder sind das schwächste Glied und unsere Zukunft. Darum müssen wir ihnen einen Rucksack voller Werte mitgeben.» Grundwerte,
die Hostettler-Birrer bereits in jungen Jahren kennenlernte und nun weitergeben möchte.

Bevor Susanne Hostettler-Birrer von ihrem schönsten Moment mit Leela erzählt, warnt sie, dass sie immer emotional werde, wenn sie daran denke: «Im Mai gingen wir zusammen in den Zirkus. Es war sehr kalt und als wir dann durch den Streichelzoo spazierten, fragte Leela mich, ob ich kalte Hände habe. Als ich die Frage bejahte, sagte sie schüchtern: ‹Ich habe warme Hände. Wenn du willst, kann ich deine aufwärmen’», erzählt sie mit zitternder Stimme. Da hätte sie zum ersten Mal ihre Hand gehalten. Und tue dies seither immer wieder, wenn sie gemeinsam unterwegs seien.

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