Coronavirus

Ein Spital macht sich unverzichtbar: Das totgesagte Bruderholz ist eine Bastion gegen Corona

Plötzlich sind alle froh, dass das Bruderholzspital noch steht. Vor allem der marode Bettenturm, dessen Abriss beschlossene Sache ist, bietet nun Platz für Corona-Patienten. Ein Augenschein im Baselbieter Coronavirus-Referenzspital zeigt aber, dass auch sonst kreativ mehr Raum geschaffen wird.

Wenn jemand auf einer Karte ein Fähnchen setzen müsste, wo ein auf Coronavirus-Patienten spezialisiertes Spital am besten stehen sollte, die Chancen stünden gut, dass er genau das Bruderholzspital treffen würde. Es liegt in der bevölkerungsreichen Agglomeration, aber dennoch etwas abgelegen. Perfekte Isolationsbedingungen gekoppelt mit guter Erreichbarkeit. Was für ein Luxus. «Unser Spital wurde schon zigfach totgeredet, doch in der aktuellen Situation ist man nun froh drum», sagt Ruth Spalinger dazu. Die Pflegeleiterin des Kantonsspitals Baselland (KSBL) führt die bz in den zwölften Stock des Bettenhauses. Jenes markanten Turms also, dessen Bausubstanz marode ist und der laut Regierungsstrategie in den kommenden Jahren abgerissen werden soll. «Ohne den Turm könnten wir nun unmöglich bis zu 350 Betten für Corona-Patienten bereitstellen», so Spalinger.

Personal blühen Zwölfstünder als neue Norm

Das zwölfte ist eines von drei Stockwerken, das bereits als Corona-Station in Betrieb ist. Ein viertes folgt dieser Tage. Neun sind es maximal. «Wir öffnen Stock für Stock, wenn der Bedarf steigt», erklärt Spalinger. Momentan liegen 53 bestätigte Covid-19-Fälle im Bruderholzspital, neun davon auf der Intensivstation. Dort gibt es 20 Betten, die auf 60 ausgebaut werden können. Dafür wurde unter anderem der Wartebereich der Anästhesie kurzum zur Intensivstation umfunktioniert. Es gibt also noch Luft nach oben.

«Das klingt so locker: einfach ausbauen. Doch für jedes Stockwerk, für jedes zusätzliche Bett brauchen wir Personal. Das ist eine riesige Herausforderung», sagt Jörg Leuppi. Der Chefarzt Medizin des KSBL wurde kurzerhand zum Leiter des Corona-Referenzspitals Bruderholz ernannt. Ihn treibt vor allem eine Frage um: «Was ist, wenn wir plötzlich nur noch ein freies Bett auf der Intensivstation haben, aber vier Patienten, die eines brauchen? Dann wird es für unsere Teams maximal belastend.»
Schon jetzt arbeiten die Spitalangestellten viel. Mehrere Abteilungen werden derzeit vom Drei- auf einen Zwei-Schicht-Betrieb umgestellt. Das heisst Zwölfstünder werden zur Regel. «Irgendwann müssen unsere Leute aber auch schlafen», sagt Leuppi. Dies werde je länger die Coronakrise andauert zur Herausforderung.

Einfahrtshalle wird zur erweiterten Notfallstation

Die Krise macht aber auch erfinderisch. Spalinger und Leuppi führen die bz in eine Halle. Dort, wo bisher die Sanität vorfuhr, stehen nun 14 Betten. «In nur vier Tagen haben wir die Ambulanzhalle zum erweiterten Notfall ausgebaut», sagt Natalie Ihr, Pflegeleiterin des Notfalls. Jedes Bett ist mit Sauerstoff versorgt, WLAN und Strom wurden verlegt. Noch ist es empfindlich kühl, doch Isolationsmatten an den Wänden und Heizstrahler sollen für Wärme sorgen, sobald die zehn bestehenden Notfallzimmer nicht mehr ausreichen.

Genau deshalb haben Regierung, Krisenstab und KSBL den Standort ausgewählt. Um auf das Schlimmste vorbereitet zu sein. Innert weniger Tage wurden alle anderen Patienten nach Liestal oder Laufen verlegt. Gespenstisch ruhig ist es daher in grossen Teilen des Spitals. Leere Gänge dominieren das Bild. In der Aula allerdings werden zur selben Zeit 40 Soldaten des Spitalbattalions 66 zu Pflegehelfern weitergebildet.

Etwas wissen Leuppi und Spalinger allerdings: So dringend das Bruderholzspital aktuell gebraucht wird. Selbst das Coronavirus kann den Bettenturm nicht retten.

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