Hirtin

Ein Winter und 300 Schafe: Wieso Rebeka Stäger in der Kälte durch unsere Region zieht

Ihre Herde darf Rebeka Stäger fast überall weiden lassen. Denn sie ist als Wanderhirtin in der Region unterwegs.

Es kann fünf Minuten gehen oder eine halbe Stunde – früher oder später verhalten sich Schafe beim Grasfressen immer gleich: Sie verteilen sich weit über die offene Wiese und Hirtin Rebeka Stäger muss wieder Layla losschicken. Der Hund wartet nur darauf. Er rennt um die Herde herum, faucht die Schafe an. Für diese ist Layla ein Raubtier, sie haben Angst vor ihm – und bilden rasch wieder einen kompakten Kreis. «Es braucht nur gute Kleidung und einen Hund, dann kann jeder Hirte sein», sagt Stäger – und relativiert dies umgehend: «Mein Hund hält die Herde zusammen, aber die oberste Chefin der Schafe bin schon ich.»

Zählen muss sie ihre rund 300 Schafe jedenfalls nie. Erst Anfang Dezember hat sie die Herde übernommen, einigen hat sie bereits einen Namen gegeben, «wenn sie mich an jemanden erinnern, den ich kenne». Zwei Schafe wollen ständig weit weg von den anderen grasen. «Das sind meine beiden Asozialen», sagt sie. Auch diese holt der Hund immer wieder zuverlässig zurück. Und dann sind da noch die paar Zutraulichen, die den Fotografen fröhlich beschnuppern. «Die wurden mit dem Schoppen grossgezogen», weiss Stäger.

Kantonstierarzt muss sein Einverständnis geben

Zeit, um die Tiere kennen zu lernen, hat die 21-Jährige noch genug. Bis Mitte März passt sie auf die Herde auf – ununterbrochen jeden Tag. Die Nächte verbringt sie im Zelt neben der Herde, die sie zuvor eingezäunt hat. Ansonsten sind sie und ihr Hund die Einzigen, die die Schafe zusammenhalten. Denn sie ist Wanderhirtin, sie passt den Winter durch auf Schafe auf, die zwei Bauern im Schwarzbubenland gehören.

Den Sommer verbringen die Tiere auf einer Alp im Berner Oberland, den Frühling und den Herbst auf den Wiesen ihrer Besitzer im Schwarzbubenland. Im Winter sind sie draussen in der Region, wo sie mit Stäger quer durch die Landschaft ziehen. Vor Weihnachten war sie einige Tage zwischen Breitenbach und Wahlen. Von den einzelnen Wiesenbesitzern braucht es keine Genehmigung. Sie darf fast überall hin, wo das Gras wächst.

Pflicht war aber, in den Lokalzeitungen ein Inserat erscheinen zu lassen. Damit wurden die Bauern gewarnt, dass im Winter eine Schafherde über ihre Wiesen gehen könnte. Wer das nicht wolle, solle das «mit Pföstli und Signalband» deutlich machen, hiess es im Inseratetext. Die Schafe lasse man nicht auf frisch angesäte Felder. Man verursache keine Landschäden und betrete keine Gärten.

So wie Stäger ziehen jeden Winter rund 30 Hirten durchs Schweizer Tiefland. Sie profitieren von der alten Regelung, dort weiden zu dürfen, wo der Sommer etwas übrig gelassen hat. Dieses simple System funktioniert recht gut, wie Christian Hürbi, einer der Besitzer der Schafe, erklärt.

Für den Himmelrieder Bauern bedeutete es allerdings letztes Jahr ein halbes Jahr Papierkram, von den Behörden zum ersten Mal die Genehmigung zu erhalten, in einem Teil des Kantons mit einer Wanderhirtin unterwegs zu sein. Der Kantonstierarzt muss bei Wanderherden bezeugen, dass alle Tiere gesund sind. Die grosse Gefahr ist nämlich, dass Krankheiten übertragen werden. Zudem darf kein Tier trächtig sein, denn Geburten an der freien Luft sind nicht gestattet.

Manche Bauern fürchten um ihren wertvollen Klee

Letztes Jahr habe Stägers Vorgänger teilweise Mühe mit den Bauern gehabt, sagt Hürbi. «Er wurde ständig verscheucht.» Doch diesen Winter sei der Umgang mit den Landeigentümern bisher viel einfacher, «vielleicht weil sie lieber mit einer Frau verhandeln». Jedenfalls kann Stäger nur Positives berichten. «Es passiert schon, dass ein Bauer überrascht ist, wenn ich plötzlich mit 300 Schafen auf seiner Wiese bin», sagt sie. «Manche befürchten dann, wir würden ihnen den guten Klee wegfressen, den ihre Kühe so mögen.»

Für sie ist klar: Falls sie nicht willkommen ist, zieht sie sofort weiter. «Ich will die Bauern ja nicht wütend machen.» Umgekehrt würden Hürbi und sie oft von den Bauern gebeten, mit den Schafen auf ihre Wiesen zu kommen. «Dann müssen sie sie nicht mehr selber mähen.» Diesen Herbst regnete es viel, da blieb vielen kaum Zeit, sich um ihr Gras zu kümmern.

Eigentlich sei es für die Bauern nur positiv, wenn Schafe im Winter über die Wiesen gehen würden, findet die Hirtin. Sie würden die Löcher im Boden flach trampeln. «Und die Bauern haben weniger Mäuse.» Diese überleben den Winter nämlich in langem Gras schlechter als in kurzem. Auch für Hürbi geht die Rechnung auf. Stäger hat er für den Winter angestellt.

Das lohnt sich finanziell, weil er dafür entschädigt wird, in der Herde Schafe eines anderen Bauern aufzunehmen; zeitlich ist es ein Gewinn, weil ihm eine Wanderhirtin das tägliche Neueinzäunen seiner Schafe erspart. Und vor allem profitieren seine Schafe. In den Stall müssen sie nur für Geburten oder falls meterhoch Schnee liegt. «Schafe mögen kälteres Wetter», sagt Hürbi. «Und meine Tiere haben weniger Krankheitserreger. Sie sind robuster, weil sie immer draussen sind.»

Stäger formuliert es aus Hirtinnensicht so: «Draussen können sie selber auswählen, was sie fressen wollen, um gesund zu bleiben. Das ist artgerecht.» Das Fleisch liefert Hürbi an die vier Metzgereien Mathis in Dornach, Jenzer in Arlesheim, Schaad in Flüh und Henz in Laufen. «Die Kunden erhalten wertvolles Fleisch von Tieren, die nie gestresst waren», sagt er. «Denn sie waren nie in fremden Ställen und haben keine langen Transportwege hinter sich.»

Stäger hatte noch nie einen Winter lang eine eigene Herde. Doch ihr vertraute Hürbi seine Tiere an, «bedenkenlos», wie er betont. «Sie ist Bauerntochter. Als sie sich bewarb, hab ich sofort gemerkt: Sie packt das, sie ist zuverlässig.» Aufgewachsen ist sie im Berner Oberland auf einem Hof, der nur Kühe hatte. «Da wird man fast schon ausgelacht, wenn man sagt, man hält Schafe», sagt sie und lacht. «Aber ich wusste schon immer, dass ich mit Schafen zu tun haben wollte.» Vorerst liess sie sich aber zur Fachfrau Kinderbetreuung ausbilden, verbrachte ein Jahr lang auf einer Alp und ging danach nach Neuseeland, «nicht wegen der vielen Schafe dort», wie sie erklärt.

Nach wenigen Wochen als Wanderhirtin ist sie voll im Element. Sie entdeckt ein humpelndes Tier, sie packt es sofort und untersucht die Klauen – obwohl sich das Tier heftig sträubt. Und wenn ihr Hund Layla auch schon nur das Anzeichen einer Verletzung zeigt, lässt sie ihn ruhen und holt die Aussenseiter-Schafe selber ein.

Einsamkeit ist nicht das Gleiche wie alleine Sein

Nach einigen Tagen in Wahlen geht es voraussichtlich in Richtung Grindel. Zu Fuss wird Stäger zuerst alleine nach gutem Gras Ausschau halten und dann ihre Herde nachziehen. «Gras gibt es eigentlich immer genug», sagt sie. «Die Schafe können gar nicht alles wegfressen.» Vor allem nach Regen ist es sinnvoll, nach einigen Tagen wieder an die selbe Stelle zu gehen, wo sie schon mal war. Denn die Schafe zertrampeln den Boden, dadurch wird das Gras dreckig. «Das mögen sie nicht so.» Und so zieht Stäger dann weiter, ununterbrochen bis Mitte März. Ihre Arbeitstage beginnen mit dem Sonnenaufgang und enden bei Sonnenuntergang, wenn sie den Zaun um ihre Herde spannt.

Was sie im Frühling macht, ist völlig offen. «Ich habe viele Ideen», sagt die junge Frau. «Vielleicht lerne ich irgendwann Bäuerin.» Sie kann sich aber auch gut vorstellen, ab nächstem Dezember wieder als Wanderhirtin durchs Tiefland zu ziehen. «Unterwegs hat man meistens mit Leuten zu tun», sagt sie. Und über den Standort in Wahlen meint sie: «Hier sind alle immer so nett, reden ein bisschen, bringen mir etwas zu essen.»

An abgelegeneren Orten sei das natürlich anders. Doch vor Einsamkeit hat sie keine Angst. Allein sein sei nicht das Gleiche wie einsam sein, sagt sie. «Ich freue mich, wenn ich Leute dabei habe. Aber nach einer Weile ist dann auch genug.»

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