Kulturhaus

Eine Ära geht zu Ende: Und im Palazzo Liestal ist noch Vieles in der Schwebe

Karin Gensetter (links) gibt die Theaterleitung im Palazzo an Eric und Yvonne Rütsche weiter.

Karin Gensetter (links) gibt die Theaterleitung im Palazzo an Eric und Yvonne Rütsche weiter.

Im Palazzo geht eine Ära zu Ende. Nach 20 Jahren verabschiedet sich Karin Gensetter vom Kulturhaus am Bahnhof in Liestal. Mit ihrem Abgang stellt auch der bisherige Trägerverein des Theaterbetriebs seine Tätigkeit ein. Ein neuer Verein wird die Geschicke des charmanten Kleintheaters weiterverantworten und zwei Mitarbeiterinnen des bisherigen Teams übernehmen – jedoch bloss als Übergangslösung. Das überrascht, denn das Theater Palazzo ist eine kaum mehr wegzudenkende Grösse im Kulturleben von Baselland.

Gensetter hat die vergangenen beiden Jahrzehnte das Profil des Hauses geprägt. Unter ihrer Leitung wurde die Bühne zur Heimat für Künstlerinnen und Künstler aus der Region wie Margrit Gysin, dem Basalttheater oder Michael Huber. Für die Schweizer Kleinkunst- und Kabarettszene ist das Theater zur festen Anlaufstelle geworden. Leute wie Gabriel Vetter, das Duo Ohne Rolf oder Patti Basler traten hier auf, bevor sie nationale Bekanntheit erlangten.

Unter der Leitung von Cynthia Coray wurde das Angebot für Kinder und Jugendliche ausgebaut. Der Kanton Baselland und die Stadt Liestal finanzieren den Betrieb mittlerweile mit 172'000 Franken pro Jahr und übernehmen zusätzlich die Miete.

Die Basis wäre also gelegt, um zuversichtlich in die Zukunft zu blicken, anstatt bloss einen Übergang zu gewährleisten. Was ist passiert?

Die Crux mit der Nachfolge

Um zu verstehen, warum es schwierig ist, konkrete Pläne für das Theater im Kulturhaus zu entwickeln, hilft ein Blick in seine Geschichte. Vor 40 Jahren landeten vier junge Kulturschaffende einen Coup. Sie gründeten eine gemeinnützige AG und kauften das leerstehende Gebäude am Bahnhof der Schweizerischen Post ab, um dort ein Kulturzentrum zu gründen. Niggi Messerli, Christian Schweizer, Niggi Lehmann und Peter Jakob investierten je 5000 Franken. Der Rest kam von der Bank.

Die Liegenschaft an prominenter Lage gehört noch heute der Palazzo AG, also den vier Aktionären der ersten Stunde. Mittlerweile wird ihr Wert auf 5,6 bis 8,2 Millionen Franken geschätzt, sagt Messerli.

Das Palazzo ist demnach nicht nur eine kulturelle Erfolgsgeschichte, sondern auch diejenige eines klugen Investments. Vielleicht macht Beides die Nachfolgeregelung nicht einfach. Die einstigen Kulturpioniere sind im Pensionsalter. Sie möchten, dass ihr Lebenswerk fortgeführt wird und suchen Nachfolger, die sich in die AG einkaufen und den Fortbestand ihres Lebenswerks garantieren. «Vorerst stehen 50 Prozent der Aktien zum Verkauf», so Messerli.

Die andere Hälfte würde zumindest für eine gewisse Zeit bei den alten Aktionären bleiben. «Damit wir das Heft nicht gleich ganz aus der Hand geben.» Laut Messerli gibt es Interessenten aus dem Umfeld der Betriebe im Haus. Zudem würden weitere kulturinteressierte Kreise angesprochen.

Gewachsene Strukturen

Es liegt auf der Hand, dass es nicht einfach wird, Investoren aus der Kulturwelt zu finden, die sich damit abfinden, trotz beachtlichem Investment nicht die Mehrheit der Aktien und damit nicht das Sagen zu haben. Kommt hinzu, dass die über Jahre gewachsene Struktur des Kulturhauses verworren kleinteilig ist.

Die Kunsthalle und das Kino Sputnik werden von der Palazzo AG betrieben. Diese stellt auch die Gesuche an die öffentliche Hand für Betriebskosten und Mietvergünstigungen. Die Buchhandlung Rapunzel und das Theater wiederum sind eigenständige Mieter. Bei der Besetzung des Leitungspostens des Theaters redet die AG jedoch ein gewichtiges Wort mit.
Niggi Messerli wird die Leitung der Kunsthalle per 1. Januar 2021 Schritt für Schritt an den Kurator Michael Babic übergeben, «die Gesamtleitung der Palazzo AG dann in drei bis fünf Jahren».

Für diese brauche es jemanden, der über Erfahrung im Kulturmanagement und auch über juristische Kenntnisse verfüge, so Messerli in einem Interview zum 40-Jahre-Jubiläum in dieser Zeitung. Und wohl auch über Kapital, ist dem anzufügen. Bis es soweit ist, stehen Übergangslösungen an.

An Ideen fehlt es nicht

Dass Ideen für das Haus bestehen, zeigt der neu gegründete Verein, der das Theater übernimmt. In ihm sind Kunsthalle-Kurator Babic, Jonathan Maurice vom Kino und neu Yvonne und Eric Rütsche vertreten. Letztere leiten interimsweise das Theater. Die Kultursparten im Haus rücken also auf organisatorischer Ebene zusammen. Das Ehepaar Rütsche hat als Betreiber des 2012 gegründeten Kulturhotels Guggenheim in Liestal reiche Erfahrungen im Veranstalten von Kleinkunst gesammelt.

Geht es nach ihnen, soll das Theater vermehrt als Produktionshaus in Erscheinung treten. «Geplant ist eine nationale Ausschreibung für kommendes Jahr. Theaterkünstlerinnen und -künstler können sich um eine Residenz in Liestal bewerben, um im Palazzo zu proben und hier die Premiere zu feiern. Wir wollen dafür auch Budget bereitstellen», so Eric Rütsche.

Ein zweites Novum wird der Singer-Songwriter-Circle. Ein Format, das jungen Musikerinnen und Musikern professionellen Support und Auftrittsmöglichkeiten gewährleistet. Das Jugend- und Kindertheater bleibt unter der Leitung von Cynthia Coray. Bis Ende Jahr sind bereits Gastspiele aufgegleist.

Altbekannte wie Margrit Gysin, Knuth und Tucek, Nina Dimitri und Silvana Gargiulo oder Laurin Buser garantieren Kontinuität. Diese ist Rütsche wichtig, gerade in Zeiten des Umbruchs: «Erst wenn sich die Zukunft des gesamten Hauses klärt, können wir auch eine neue Theaterleitung suchen.»

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