Seit Stunden heizt die Sonne das steinerne Halbrund des Amphitheaters Augusta Raurica auf. Wer sich hier am frühen Donnerstagabend ohne Unterlage hinsetzt, tut dies mit schmerzverzerrtem Gesicht. Man trägt wenig Textil und viel Sonnencreme. Um so mehr sticht der Mann, der mit Hemd, Gillet und Veston die Ränge abschreitet, ins Auge. Regelmässige Besucher von King-Crimson-Konzerten erkennen in ihm den Aufpasser, dessen Aufgabe es ist, jene Besucher höflich aber bestimmt vom Areal zu begleiten, die sich nicht an das ausdrückliche Fotoverbot der Band halten.

Das möchte freilich niemand riskieren, schliesslich hat man einen der begehrten Plätze für das längst ausverkaufte Gastspiel der britisch-amerikanischen Progrock-Institution ergattern können. 16 Jahre liegt das letzte Konzert von King Crimson auf Schweizer Boden zurück, entsprechend hat der Auftritt in Augst den Charakter einer lang ersehnten Audienz.

Wobei diese zu Beginn noch unter den Erwartungen bleibt: Das Intro – offenbar Dialogfetzen aus den Proben – ist zu leise, das eröffnende «Drumsons» wirkt wie eine Aufwärmübung, um die drei (!) Schlagzeuger zu synchronisieren. «Pictures of a City» von 1970 schliesslich, das erste Stück, bei dem alle sieben Musiker zum Einsatz kommen, verträgt sich nicht mit dem angehängten «Suitable Grounds for the Blues» von 2016. Ersteres gerät zu wuchtig, Letzteres zu unterkühlt.

Virtuosität, Respekt und Neugierde

Bei den einleitenden Mellotron-Akkorden zu «Epitaph» jedoch hat man zum ersten Mal an diesem Abend das Gefühl, das Gegenlicht komme nicht von der untergehenden Sonne, sondern aus den Lautsprechern. Jakko Jakszyk, der vor sechs Jahren als Sänger und Rhythmusgitarrist zu King Crimson stiess, intoniert das Lied so packend, als kämpfe er sich zusammen mit den Protagonisten in den Lyrics auf allen vieren über einen steinigen Pfad.

Verglichen mit dem restlichen Material ist «Epitaph» ein simples Lied, doch zeigt sich genau hier eine Qualität der aktuellen Formation. Die sieben Virtuosen gehen zugleich mit Respekt und Neugierde an das fünf Jahrzehnte umspannende Repertoire heran. Deswegen unterläuft ihnen auch nicht der Fehler, sich zurückzulehnen, bloss weil es für einmal keine halsbrecherischen Läufe in vertrackten Metren abzufeuern gilt.

Die Stimmung bleibt dicht und die Intensität schraubt sich empor. Und als sich Schlussakkord und Beifall vermischen, hat für viele der Anwesenden der Geist von King Crimson die Bühne betreten, wie Robert Fripp es jeweils in seinem Blog formuliert, wenn er mit einem Konzert besonders zufrieden ist.

Wilde Sprünge durch die Jahrzehnte

Danach ist alles erlaubt und erst recht alles möglich. So funktionieren selbst die wildesten Sprünge durch die Jahrzehnte: Nach «Epitaph» müsste das selten gespielte «Neurotica» eigentlich wie ein Bruch wirken. Doch befreit von der Achtzigerjahre-Klangästhetik der Studioversion klingt das überdrehte Freejazz-Experiment zeitlos und frisch. Das entfesselte Saxofon von Mel Collins fiebert mit den Läufen um die Wette, die Tieftonmeister Tony Levin seinem Chapman Stick entlockt. Und wenn die Gitarren zusammen mit den Schlagzeugen ihre Akzente platzieren, dann sind das musikalisch abgestimmte Meteoriteneinschläge.

Das kraftstrotzende «One More Red Nightmare» oder das mathematische «Larks’ Tongues in Aspic V» geraten in Augusta Raurica zu euphorisierenden Schlägen in die Magengrube, im epischen «Starless» stellt Fripps Ein-Noten-Solo den Spannungsbogen auf die Zerreissprobe, und bei «The ConstruKction of Light» überlagern sich Gitarren, Keyboards und Collins’ Querflöte zu flirrenden Fata-Morganas.baren

Immer an der Grenze des Spielbaren

Letzteres ist ein gutes Anschauungsbeispiel dafür, wieso sich King Crimson seit Urzeiten gegen unautorisierte Aufnahmen aller Art sperren: Nur wenn die Musiker auf der Bühne die Gewissheit haben, dass ihre Darbietung nicht konserviert wird, wagen sie sich an die Grenze des Spielbaren.

So verpatzt Tony Levin im besagten Stück zwar einen Break, dafür umtänzelt er die Grundtöne durch die gesamte Komposition mit atemberaubendem Einfallsreichtum.

Mit dem obligaten «21st Century Schizoid Man» gipfelt das Konzert, bei dem auf der Bühne kein Wort gesprochen wurde (oder werden musste), in einer furiosen Zugabe. Die Besucher dürfen bei der Verabschiedung der Band nun auch Bilder schiessen, doch nach drei Sets – eine Premiere in der Geschichte von King Crimson – mit einer Spielzeit von über zweieinhalb Stunden bleiben auch ohne technische Hilfsmittel einige Eindrücke für die Ewigkeit.