An der Landsgemeinde beschlossen die Bürgerinnen und Bürger des Kantons Glarus 2006, die Zahl der Gemeinden von 25 auf drei zu reduzieren. Der Entscheid war zwar stark umstritten, wurde aber letztlich bestätigt. Die tiefgreifendste Fusion betraf Glarus Süd, wo 13 Gemeinden mit insgesamt 17 Dörfern und zusammen 10 000 Einwohnern zu einer verschmolzen. Nach einer Übergangszeit trat am 1. Januar 2011 die neue Gemeinde Glarus Süd an die Stelle der früheren Gemeinden. Mit 426 Quadratkilometern (zum Vergleich: Baselland: 518 Quadratkilometer) ist sie die flächenmässig grösste Gemeinde der Schweiz. Die bz wollte von der Vizegemeindepräsidentin Simone Eisenbart wissen, welche Erfahrungen sie während und nach der Fusion gemacht hat.

Frau Eisenbart, ist die Fusion nun nach zwei Jahren über die Bühne?

Simone Eisenbart: Nein. Dafür benötigen wir rund zwei Legislaturperioden, also acht Jahre.

Die Gemeinde musste praktisch neu erfunden werden. Wie haben Sie sich da aufgestellt?

Die Strukturen der früheren Gemeinden waren sehr unterschiedlich. Wir konnten nichts eins zu eins übernehmen und haben die Aufgaben auf fünf Departemente verteilt, die von 15 Gemeinderäten, davon drei Frauen, bearbeitet werden. Das macht pro Departement einen Vorsteher mit einem 30-Prozent-Pensum und zwei weitere Gemeinderäte mit je einer 15-Prozent-Stelle. Das Amt des Gemeindepräsidenten ist mit 60 Prozent dotiert.

Wie funktioniert der fusionierte Gemeinderat?

Die Gemeinderäte haben nicht fusioniert. Es wurde ein neuer Gemeinderat gewählt, während die Gemeinderäte der früheren Ortsgemeinden noch im Amt waren. Im ersten Halbjahr 2010 übernahmen wir die Arbeit von der in der Vorbereitungsphase tätigen Projektgruppe. Ab 1. Juli 2010 führte der neue Gemeinderat parallel dazu die Geschäfte der bisherigen Gemeinden, da die ordentliche Amtsdauer der bisherigen Räte per Ende Juni abgeschlossen war.

Das klingt nicht einfach ...

Ja, wenn wir einen Beschluss fassten, musste jeweils auch die betroffene, noch bestehende Ortsgemeinde unterschreiben, denn offiziell gibt es Glarus Süd erst seit dem 1. Januar 2011. Zugleich mussten sich die Mitarbeiter auf neue Stellen bewerben. Teilweise waren sie in sie in der alten Ortsgemeinde noch tätig und haben in der neuen Gemeinde schon Arbeiten übernommen. Weiter wurden die Kaderstellen reduziert: Man benötigt nur noch einen Gemeindeschreiber und hat nur noch ein Einwohneramt. Die Leute mussten sich also oft auf neue Funktionen bewerben.

Wurden Stellen abgebaut?

Es wurde niemand entlassen. Für die Fusionsarbeiten benötigten wir alle Kräfte. Beispielsweise mussten die Finanzverwalter der früheren Ortsgemeinde noch die Abschlüsse 2010 in ihrer gewohnten Funktion ausführen. Auch gab es in den kleinen Gemeinden viele Doppelfunktionen, etwa indem die Gemeindeschreiberin auch das Einwohneramt führte. Nun sind die Aufgaben spezifischer, aber es braucht nicht wesentlich weniger Leute. Wir haben deshalb für die meisten Personen, die sich beworben hat, eine gute Lösung gefunden.

Es heisst, durch eine Fusion gewinne man mehr Autonomie. Wie sind Ihre Erfahrungen?

Da wir nur noch drei Gemeinden sind, haben wir automatisch gegenüber dem Kanton und anderen Partnern ein anderes Gewicht. Als die flächenmässig grösste Gemeinde der Schweiz sind wir beispielsweise oft mit Unwetterschäden konfrontiert. Da ist ein Antrag ans Militär für Unterstützung einfacher, als wenn drei betroffene Dörfer unabhängig voneinander Lösungen suchen. Auch wenn wir Gelder für Investitionsvorhaben suchen, können wir anders auftreten. Die Gemeindeautonomie hat ganz klar mehr Gewicht bekommen, da wir die Probleme jeweils als Ganzes anschauen können.

Sie können jetzt also neue Projekte anpacken?

Also es ist nicht so, dass die Dörfer vorher nicht funktioniert hätten. Aber gleichzeitig mit der Gemeindefusion hat man beispielsweise ein neues Rechnungsmodell - HRM 2 - eingeführt. Dieses stellt höhere Anforderungen an die Verwaltung und für die Dörfer wäre dies eine zu grosse finanzielle und personelle Herausforderung gewesen.

Liegen nun grosse Würfe drin?

Dafür bräuchte man finanzielle Mittel. Unabhängig von der Fusion hat die Landsgemeinde die Steuern gesenkt. Dies beschert uns nun ein Defizit von rund 6 Millionen Franken. Dennoch können wir nun die Raumplanung besser in Angriff nehmen, oder können uns wirksamer für den Halbstundentakt der Bahn nach Zürich einsetzen. Da hat man als Kommune mit knapp 10 000 Einwohnern mehr Gewicht. Wir haben gegenüber Bund und Kanton einigermassen Augenhöhe erreicht.

Wie äussert sich dies konkret?

Die drei neuen Gemeinden können sich viel schneller absprechen. So führten wir alle das gleiche Informatiksystem ein, handhaben nun alle drei das Einbürgerungswesen gleich etc. Die Wege sind kürzer und damit schneller geworden. Auch für unsere Finanzprobleme treten wir gegenüber dem Kanton geeint auf.

Was sagen die Bürger?

Viele sagen, es habe sich nicht viel verändert. Das Tagesgeschäft hat von Anfang an funktioniert. Die Anlaufstellen sind neu. Wir haben sie auf fünf Standorte verteilt, weil wir an keinem Ort Platz für die ganze Verwaltung hätten. Wir bieten nun viel mehr Dienste online an. Aber für die älteren Mitbürger ist es vielleicht etwas anstrengender geworden.

Und das Dorfleben?

Viele befürchteten, das Dorfleben sterbe aus. Wir haben die Förderung der Vereine vereinheitlicht und haben nun eine gute Übersicht: Das Dorfleben geht weiter, dank dem Engagement der Bevölkerung und den Vereinen. Die Gemeindeversammlungen sind gut besucht, denn es geht um interessante Themen. So diskutiert man wegen der zurückgehenden Schülerzahl die Schulstandorte. Da hat sich die Bevölkerung organisiert und zu einer IG Schule zusammengeschlossen.

Gab es böse Überraschungen?

Negativ ist sicher, dass wir zu wenig Geld haben.

Also kommt eine Fusion nicht günstiger?

Um dazu etwas sagen zu können, müssen wir erst einmal zwei Legislaturperioden arbeiten und dann die Kosten auseinanderrechnen. Vorher waren die Lehrer beispielsweise beim Kanton angestellt, nun sind sie bei den Gemeinden. Deswegen ist derzeit ein Vergleich nicht möglich.

Gab es freudige Überraschungen?

Ich freue mich darüber, wie engagiert die Bevölkerung sich beteiligt. Hinzu kommt das positive Echo, das wir in der ganzen Schweiz ausgelöst haben. Man kennt uns.
Was Sie in Glarus machen, ist also mehr als nur eine Gemeindefusion, sondern eine Reform der ganzen kantonalen Strukturen.
Ja, jeder muss sich bewegen. Die Gemeindefusion war aber der Antrieb. Ich bin deshalb überzeugt: Eine Fusion ist eine Chance.