Schauspielstar

Eine Liestalerin ist als Naturtalent ausgezogen und als Star heimgekehrt

Regula Grauwiller beim Heimspiel: Auch das Liestaler Kino Sputnik wird «Blue My Mind» zeigen.

Regula Grauwiller beim Heimspiel: Auch das Liestaler Kino Sputnik wird «Blue My Mind» zeigen.

Die Liestalerin Regula Grauwiller gehört heute zu den erfolgreichsten Schauspielerinnen der Schweiz. Nächste Woche kommt mit «Blue My Mind» der neuste Film mit ihr in die Kinos.

«Ich soll zu den 50 Traumfrauen der Schweiz gehören?» Ungläubig schüttelt Regula Grauwiller den Kopf. Von diesem Rating der «Glückspost» von Ende letzten Jahres habe sie noch nie etwas gehört. So eine Kategorisierung sei halt eine Nebenerscheinung ihres Berufs. Das Ganze ist bezeichnend für die 46-jährige Liestaler Schauspielerin: Sie freut sich, wenn sich die Medien mit ihren Rollen auseinandersetzen, foutiert sich aber um den seichten Bereich rund herum. So würde sie sich nie zu einer Homestory hergeben: «Das brauche ich nicht. Denn das macht mich weder als Schauspielerin besser, noch wollen deshalb mehr Leute die Filme mit mir sehen.»

Sie trenne auch deshalb Privates vom Beruflichen, weil zu viel Wissen nur ablenke: «Wenn ich mir einen Film ansehe und wenig über die Schauspieler weiss, kann ich viel besser in den Film eintauchen. Ich sehe mehr die Figuren, die sie verkörpern, als die Schauspieler selbst.» In den Kreis der «Glückspost-Traumfrauen» ist Grauwiller übrigens dank ihrer Rolle in der ZDF-Serie «Der Bergdoktor» gerückt: Während elf Folgen erlebten sie in den beiden letzten Jahren Millionen von TV-Zuschauern als des Doktors Geliebte, was Grauwiller zu einer der erfolgreichsten Schweizerinnen in einer deutschen Serie machte. Aber weil die Serie auch von der Vergänglichkeit der Liebe lebt, ist «Der Bergdoktor» für Grauwiller mittlerweile Vergangenheit.

Der Trailer zu «Blue My Mind»

Blue My Mind Official Trailer

Film ans Herz gewachsen

Top aktuell ist dafür «Blue My Mind». Der am diesjährigen Zürcher Film-Festival mehrfach ausgezeichnete Film startet nächste Woche in den Schweizer Kinos. Grauwiller spielt darin die Mutter der Hauptakteurin Mia, einer überaus heftig pubertierenden 16-Jährigen. Grauwiller sagt zu ihrer Rolle: «Die Herausforderung war, dieser Mutter, die oft hart wirkt und den Zugang zu ihrer Tochter verloren hat, trotzdem auch die Verletzlichkeit und Verzweiflung zu geben, die sie so krampfhaft nicht zeigen will.»

Dass sie sich auf das Projekt «Blue My Mind» einlassen würde, war für Grauwiller schnell klar, obwohl es sich um einen sogenannten Low-Budget-Film mit einem Drittel des Normalhonorars handelt. Das von der Jungregisseurin Lisa Brühlmann geschriebene Drehbuch sei stimmig, und den Draht zu ihrer Filmtochter Luna Wedler habe sie schnell gefunden: «Luna hat mich beim Casting umgehauen, und das Zusammenspiel funktionierte sofort. Ich musste sie bei den Proben nur ansehen, um auf sie zu reagieren. Sie ging so auf in ihrer Rolle.» Grauwiller sieht denn auch die Jungschauspielerin schon als an der Berlinale gefeierte Newcomerin des Jahres. Sie empfiehlt den «genialen» Film allen, «die selber einmal 16 Jahre alt waren». Sie mache längst nicht für alles, worin sie auftrete, so viel Werbung, «aber dieser Film ist mir ans Herz gewachsen».

Auch Grauwillers nächster Film fällt aus dem Rahmen des Alltäglichen: Zum ersten Mal spielt sie darin zusammen mit ihrem Mann Jophi Ries, mit dem sie seit 20 Jahren verheiratet ist und drei Kinder im Alter von 17, 15 und 13 Jahren hat. Mehr will sie nicht verraten, denn es sei noch nichts unterschrieben, und sie sei ein bisschen abergläubisch. Ein anderer Wesenszug, der ihr mit in die Wiege gelegt wurde, ist Diplomatie. Und das wiederum hat, so widersprüchlich es tönen mag, Grauwillers Ehe mit ihrem norddeutschen Gatten belebt: «Was haben wir uns schon amüsiert über die Unterschiede zwischen Schweizern und Deutschen und damit auch über meine Diplomatie und seine Direktheit.» Das Ganze habe sie aber auch gegenseitig weitergebracht: «Ich habe gelernt, auch mal einfach Nein zu sagen, ohne mich tausendmal dafür zu entschuldigen. Und er hat gelernt, dass man auch mit Gelassenheit und Geduld ans Ziel kommen kann, ohne ständig Druck machen zu müssen.»

Fürchterliches Heimweh

Schweiz-Deutschland – das zieht sich wie ein roter Faden durch Grauwillers Leben: Sie ist in Liestal aufgewachsen und hat hier die Schulen besucht. Dann hat sie die Aufnahmeprüfung für die Schauspielakademie Berlin bestanden. «Das war für mich doch recht überraschend», gesteht ihr Theaterlehrer am Gymnasium Liestal, Urs Blindenbacher. Nicht weil es ihr an schauspielerischen Fähigkeiten gemangelt hätte, nein, Blindenbacher ist noch heute überschwänglich: «Regula ist Ende der 1980er-Jahre im Freifachkurs Theater sehr positiv aufgefallen. Sie war sehr talentiert, ‹spielwütig› und begeisterungsfähig.» Überrascht hat ihn viel mehr, dass Grauwiller bei gegen 1000 Bewerbern als eine von 14 Auserwählten aufgenommen wurde. Über die Gründe kann Blindenbacher nur spekulieren: «Sie ist absolut natürlich, authentisch und hat eine grosse Ausstrahlung. Deshalb wirkt alles auch nicht so hart erarbeitet beim Rollenstudium, sondern spielerisch, echt und gewachsen. Das dürfte auch die Jury überzeugt haben.»

Doch Berlin ersetzte für Grauwiller damals trotz aller Reize nicht Liestal, und sie bekam fürchterliches Heimweh. Ihrem Vater, einem Lehrer, gelang es schliesslich nur mithilfe eines pädagogischen Tricks, dass sie ihre Ausbildung nicht vorzeitig abbrach. Er sagte ihr nach einem halben Jahr, als sie nur noch heim wollte, dass er den Mietzins für ihr Zimmer für ein Jahr habe vorschiessen müssen, und dass sie wenigstens so lange aushalten solle.

Nun, Grauwiller blieb noch zehn Jahre in Berlin und gleiste dort ihre Karriere auf. Dabei blieb sie auch mit Blindenbacher in Kontakt. Und dieser war froh, dass Grauwiller nicht auf Soap-Angebote von zweifelhafter Qualität einging. Das, so hebt er hervor, sei bei den vielen arbeitslosen Schauspielern alles andere als selbstverständlich. Blindenbacher: «Dieser Entscheid war ein Glücksfall, denn andernfalls wäre ihr Name belastet gewesen. So aber fasste Regula sehr schnell Fuss im Filmbusiness.»

Aber weil sie ihre Kinder nicht in Berlin aufziehen wollte, entschied sich das Paar Grauwiller-Ries später doch noch für Liestal. Grauwiller meint dazu: «Hier herrscht im Vergleich zur Grossstadt Berlin noch ein Stück weit heile Welt, und die Kinder können problemlos zu Fuss in die Schule.» Und sie können sich hier künstlerisch entfalten: Die beiden Jüngeren besuchen die innovative Tanzschule Move in Arts. Und die Älteste? Ja, sie gehört zu Blindenbachers Gym-Theaterensemble.

Nicht vergessen gegangen

Blindenbacher, der noch heute Grauwillers Karriere sehr genau verfolgt, sagt zu ihrem Werdegang: «Von den mehreren hundert Schülern, die meine Kurse besucht haben, haben zwei Dutzend einen ähnlichen Weg wie Regula gewählt und sind in der Schauspielerei, im Film oder im Musical gelandet. Ausser ihr hat aber niemand die Aufnahmeprüfung in Berlin geschafft. Und sie ist in der Sparte Film die Erfolgreichste.» Als eine von Grauwillers anspruchsvollsten Rolle bezeichnet der Theaterlehrer jene der «Sonia» in der Verfilmung von Martin Suters Drama «Der Teufel von Mailand».

Das war vor fünf Jahren. Dieses erste grosse Rollenangebot nach mehrjähriger Baby-Pause kam für Grauwiller goldrichtig und zeigte ihr, dass sie nicht vergessen gegangen ist. Sie sagt rückblickend denn auch: «Ich bin ein Glückskind. Ich konnte in den letzten 25 Jahren im Haifischbecken der deutschen Film- und Fernsehbranche bestehen, ohne dass ich meine Ellbogen hätte ausfahren müssen.»

Trotzdem reiht sich auch bei Grauwiller nicht ein Angebot nahtlos ans nächste. Die Zeit des ungewissen Wartens zwischen zwei Rollen bezeichnet sie als die negativste Seite der Schauspielerei. Doch mittlerweile hat sie sich noch ein Standbein aufgebaut: Lesungen. So produziert sie in der Schweizerischen Blindenbibliothek in Zürich regelmässig Hörbücher und tritt öffentlich auf. In Liestal ist sie das nächste Mal am 25. November in der Kantonsbibliothek zu sehen, wo sie zum Thema Jane Austen, der vor 200 Jahren verstorbenen englischen Schriftstellerin, liest. Dort kann dann jeder selbst beurteilen, ob die «Glückspost» mit ihrem Traumfrauen-Rating richtig lag.

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