Analyse

Eine Redaktorin zieht persönlich Bilanz: Ein Jahr Frauenstreik – und was jetzt?

Silvana Schreier
Der Frauenstreik vom vergangenen Jahr in Basel.

Der Frauenstreik vom vergangenen Jahr in Basel.

Vor einem Jahr hat der Frauenstreik stattgefunden. Was hat sich verändert?

«Lieber gleichberechtigt als später» stand auf unseren Kartonschildern. Wir schrien «Gleichheit jetzt», klatschten im Takt. Violett war unsere Farbe. Wir marschierten durch die Städte der Schweiz, hielten unsere Plakate hoch, machten Lärm. Eine halbe Million Menschen liess einen Tag lang alles stehen und liegen. Es war Frauenstreik. Die Euphorie, die Wut und die Hoffnung, sie waren greifbar am 14. Juni 2019. Die Fotos gingen durch die Welt. Wer sich bisher nicht für Gleichstellung interessierte, musste sich plötzlich damit auseinandersetzen – so unvermeidbar war das Thema vor und nach dem Streik. Die nationalen Wahlen im vergangenen Herbst zeigten dann, der Frauenstreik wirkt. Noch nie sind die Frauen so stark vertreten in National- und Ständerat.

Ein Jahr ist vergangen. Vereinzelt flattern noch violette Frauenstreik-Fahnen an den Fenstern in den Basler Wohnquartieren. Am internationalen Frauentag, dem 8. März, versuchten einige Frauen in Basel-Stadt die Stimmung des Frauenstreiks nochmals aufleben zu lassen. Sie organisierten Workshops, Tanzperformances, Gesprächsrunden. Es sollte ein feministisches Wochenende in der Kaserne werden. Damals hatte das Coronavirus bereits weite Teile der Welt unter Kontrolle. Der Event fand statt, in der breiten Bevölkerung ist er aber nicht angekommen. Er blieb denjenigen vorbehalten, die sich bereits pudelwohl in der feministischen Filterblase befinden. Diejenigen, die umgestimmt werden müssten, blieben unberührt davon.

Wo ist die Euphorie, wo sind die Forderungen und Hoffnungen von 2019 geblieben? Nach dem Frauenstreik reichten Parlamentarierinnen Vorstösse ein, Petitionen wurden lanciert und Frauen wurden motiviert, sich für die nationalen Wahlen aufstellen zu lassen.

In Basel hatte es der Frauenstreik immerhin mit acht Vorstössen ins Kantonsparlament geschafft. Fünf davon liegen mittlerweile beim Regierungsrat, die erste Etappe haben sie damit geschafft. Sie wollen die Lohnungleichheit zwischen Frauen und Männern bekämpfen, setzen auf eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, fordern eine Elternzeit anstelle eines reinen Mutterschaftsurlaubs.

Doch damit hatte es sich auch schon. Der Frauenstreik begab sich wieder in seinen Dornröschenschlaf. Vielleicht hinterfragten die einen die klassischen Rollenbilder etwas stärker, vielleicht versuchten andere, vermehrt auf Sexismus im Alltag hinzuweisen. Doch im Grossen und Ganzen kehrten wir zurück in den Alltag – und wir überliessen das Kämpfen und Fordern einer kleinen Minderheit an Frauen.

Ja, wir wollen nichts geschenkt bekommen. Sondern einfordern, was uns zusteht. Doch wollten das nicht auch die Frauen, die 1991 auf die Strasse gingen? Werden wir in 28 Jahren wieder mit denselben Forderungen kommen müssen? Die intensiven Diskussionen und hitzigen Debatten über Teilzeitarbeit, Kinderbetreuung, Lohngleichheit und den Wert von Care-Arbeit führen uns immer wieder vor Augen: Wir müssen weiter kämpfen. Noch dürfen wir die symbolischen Boxhandschuhe nicht an den Nagel hängen. Wir müssen die politischen Instrumente zu unserem Vorteil nutzen, uns bei kommunalen, kantonalen und nationalen Wahlen aufstellen lassen, uns in Ämter und Jobs mit öffentlicher Ausstrahlung drängen. Und wir müssen wieder auf die Strasse gehen.

Auch dieses Jahr ist ein Frauenstreik geplant. In Basel treffen sich die Frauen zum «Fraulenzen und Queerstellen» auf verschiedenen Plätzen. Als dritter Frauenstreik werden es die diesjährigen Proteste aber besonders schwierig haben. Weder 1991 noch 2019 können wiederholt werden. Die Wirkung, das Echo, sie werden unvermeidlich geringer ausfallen. Und trotzdem ist der Streik nötig: Denn es darf nicht passieren, dass wir erst in 28 Jahren wieder aufstehen. Sondern schreiben «Wenn Frau will, steht alles still» in bunten Lettern auf Kartonstücke, schreien «Mir längts» durch die Strassen, tragen Violett und schwenken unsere Fahnen.

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