Kunst

Eine Schülerin aus Oberwil gestaltet das Cover eines Literaturklassikers

Solange Maréchal hat das Titelblatt für eine Special-Edition des Werks «Bahnwärter Thiel» gezeichnet.

«Ich war schon überrascht», gibt Solange Maréchal bei einem Treffen im Gymnasium in Oberwil zu. Und dann, mit einem Strahlen: «Aber ich habe mich auch riesig gefreut!». Maréchal hat einen Zeichnungswettbewerb gewonnen, an welchem sie mit ihrer Klasse teilnahm.

Die Reclam Universal Bibliothek wollte ihr 150-Jahr-Jubiläum feiern und lud dafür Schülerinnen und Schüler aus der Schweiz, Deutschland und Österreich dazu ein, das Titelblatt für einen von fünf unterschiedlichen Literaturklassikern zu gestalten. 252 Schülerinnen und Schüler machten mit. Die 17-jährige Maréchal gewann mit ihrem Titelbild für Gerhart Hauptmanns Werk «Bahnwärter Thiel». Ihre Zeichnung schmückt nun eine Sonderausgabe.

Im Deutschunterricht im Frühsommer lasen sie den Roman von Hauptmann, als ihr Deutschlehrer auf den Wettbewerb aufmerksam wurde. Im Zeichnungsunterricht durfte die Klasse dann während mehrerer Lektionen die Titelbilder gestalten. Vor sich breitet Maréchal die Skizzen aus, die sie für ihr Werk vorbereitete. «Zu Beginn waren alle Bilder etwas leer. Erst ganz am Schluss habe ich beschlossen, mit Wasserfarbe darüber zu malen.»

Die Schülerin zeichnet gerne. Sie besucht das zweite Jahr am Gymnasium Oberwil, mit Schwerpunkt bildnerisches Gestalten. Auch wenn ihre Zeichnung nun das Titelbild von «Bahnwärter Thiel» ziert; ihr Lieblingsbuch wird es wohl nicht. «Nun», sagt sie diplomatisch, «es ist sicher kein schlechtes Buch.» Und dann, nach einem Zögern: «Aber es ist halt sehr düster.» Immerhin: Das Düstere kam ihr entgegen. Sie zeichnet auch sonst gerne mit dem Bleistift und benutzt eher selten grelle Farben.

Zeichnungslehrer Carlos Granado sagt, weshalb das Bild von Solange Maréchal gewonnen hat.

Zeichnungslehrer Carlos Granado sagt, weshalb das Bild von Solange Maréchal gewonnen hat.

Spezielle Drucktechnik

Für das Titelbild benutzte sie die Monotypie-Technik, welche die Klasse zum Zeitpunkt des Wettbewerbs mit Zeichnungslehrer Carlos Granado übte. Bei dieser Technik wird ein Blatt Papier auf eine mit Farbe bedeckte Platte gelegt, anschliessend wird das Motiv auf die Rückseite des Blattes gezeichnet. Mit weichen Zeichengeräten wie Kreide entsteht ein weicher Strich, mit harten wie einem Kugelschreiber eine klare Linie auf der Unterseite. Halbtöne ergeben sich durch Reibung, zum Beispiel mit dem Daumen.

«Die Technik hat das Buch und den Inhalt sicher unterstützt», so Granado. «Solange schaffte es, damit die Stimmung, die Situation und den Ort in ihrem Bild einzufangen.» Er überlegt kurz. «Und vielleicht sogar die Isoliertheit, unter der Thiel leidet.» Dass eine seiner Schülerinnen den Wettbewerb gewonnen hat, freut ihn enorm. Aber er betont: «Gewinnen war nie das Ziel. Ich wollte, dass meine Schüler die Technik kennenlernen und damit arbeiten.» Sein Blick fällt auf die Bilder, die in der Mensa des Gymnasiums Oberwil in einem Glaskasten ausgestellt sind. «Und ich finde, dieses Ziel habe ich erreicht: Alle haben tolle Arbeit geleistet.»

Die Nachricht fast verpasst

Solange Maréchal erfuhr von Granado, dass sie den Wettbewerb gewonnen hat. «Etwas klappte mit meiner Mailadresse nicht, und so habe ich die Nachricht gar nicht erhalten», erzählt sie und schüttelt den Kopf. Neben der Freude habe sie auch Stolz gespührt, gibt sie schliesslich zu. Vor allem deshalb, weil sie auch so gerne zeichnet. «Und dann ist es schön, wenn man merkt dass das, was man macht, auch gut ist». Auch ihre Eltern hätten sich sehr gefreut. Maréchands Vater ist Grafiker. «Von ihm habe ich vielleicht schon ein bisschen das Interesse am Gestalten geerbt», vermutet sie.

Für ihren Sieg bekam sie auch ein Preisgeld von 100 Franken, dazu 100 Ausgaben von «Bahnwärter Thiel», mit dem von ihr gezeichneten Titelblatt. «Das Geld habe ich in den Herbstferien schon ausgegeben, ich war in Prag», so Maréchal. Von den Büchern hat sie aber noch einige Exemplare übrig. «Ich habe schon allen Verwandten und Freunden ein Buch geschenkt. Ich weiss gar nicht, was ich mit den anderen machen soll», erzählt sie und lacht. Ob sie in Zukunft ein gestalterisches Studium auswählt, weiss sie noch nicht. «Eigentlich würde mich auch Medizin interessieren».

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1