Coronavirus

«Einige Patienten sind durch die Krise gefährdeter»: Menschen mit psychischen Erkrankungen haben besonders zu kämpfen

Barbara Schunk ist seit Sommer 2019 CEO der Psychiatrie Baselland.

Barbara Schunk ist seit Sommer 2019 CEO der Psychiatrie Baselland.

Das erste grössere Interview hatte sich Barbara Schunk, seit Sommer 2019 Chefin der Psychiatrie Baselland, sicher anders vorgestellt. Statt der grossen Bauprojekte beschäftigt auch sie derzeit vor allem ein Thema: Corona.

Frau Schunk, es sind spezielle Zeiten. Wo spürt man in der Psychiatrie Baselland die Coronakrise?

Barbara Schunk: Es sind tatsächlich spezielle Zeiten. Wir mussten ganz viele Massnahmen ergreifen, um die Vorgaben von Bund und Kanton umzusetzen. Schon wenn man unsere Gebäude betritt, sieht man überall Warnschilder, die auf das generelle Besuchsverbot hinweisen. Niemand darf von extern noch zu uns kommen. Das macht mich schon betroffen, denn wir stehen ja eigentlich für eine offene Psychiatrie und involvieren sonst gerne Aussenstehende. Dadurch herrscht eine ganz andere Stimmung im Haus.

Bedeutet die Coronakrise fast einen Schritt zurück in der Geschichte der Psychiatrie Baselland? Man muss wieder wie Mauern errichten und sich abschotten.

Vorübergehend mag das so sein, doch ich bin überzeugt, dass wir danach wieder eine offene Psychiatrie haben werden.

Welche Massnahmen wurden neben dem Besuchsverbot sonst ergriffen?

Social Distancing ist wichtig, untereinander Abstand halten, auch zu den Patienten. Das ist natürlich nicht in allen Bereichen möglich, in denen wir arbeiten. Das ist sicher eine Schwierigkeit. Was wir klar sehen, ist eine Abnahme an ambulanten Patienten. Das unterstützen wir, indem wir möglichst viele Gespräche per Videotelefonie und Telefon führen. Ganz geschlossen haben wir die Cafeterias und den Fitnessraum. Gruppentherapien finden in grösseren Räumen oder in kleineren Gruppen statt. Und für unsere Angestellten haben wir den Kirchensaal in ein Grossraumbüro umgewandelt, um die Abstände vergrössern zu können.

Wenn die Zahl der ambulanten Patienten abnimmt, müssen Sie dafür mehr Personen stationär aufnehmen, die mit der Situation nicht klarkommen?

Es gibt durchaus Patienten, die Symptome entwickeln oder deren Symptome verstärkt werden wegen der Krise und die gefährdeter sind als andere. Problematisch können etwa die reduzierten Kontakte oder der eingeschränkte Bewegungsraum sein. Der genaue Zusammenhang zu Corona ist aber schwierig herzustellen. Was wir sehen, ist, dass gerade auf den akuten Krisenstationen eine sehr hohe Auslastung besteht. Im stationären Bereich versuchen wir momentan, das Personal zu entlasten, damit wir dann für die Zeit gerüstet sind, wenn die Corona-Infektionen steigen.

Vergangenen Freitag hat die Psychiatrie Baselland eine Corona-Hotline für psychische Belastungen gestartet. Laufen die Drähte seither heiss?

Das Angebot muss natürlich erst bekannter werden, doch bereits hatten wir rund 40 Anrufe.

Wer ruft an, was beschäftigt die Anrufer am meisten?

Es sind teils Personen, die schon psychisch vorbelastet sind. Ihnen bereitet die unklare Situation, die Vereinsamung oder die erzwungene Nähe zur Familie im eigenen Haushalt Probleme. So rief eine Frau an, die schon vor der Coronakrise mit Eheproblemen zu kämpfen hatte und sich diese nun akzentuieren. Ihr konnten wir eine Beratungsstelle vermitteln, mit der sie über die Probleme sprechen kann. Ein anderes Thema sind Existenzängste bei Kurzarbeit oder Stellenverlust. Andere Personen rufen bloss an, um etwas Sicherheit zu gewinnen, wie sie mit der Coronakrise umgehen sollen.

Wie kann die Psychiatrie Baselland den Anrufenden konkret helfen?

Ausgebildete Psychologen nehmen die Anrufe entgegen. Für sie haben wir einen Leitfaden entwickelt, auf was sie achten müssen. Zudem können wir dank unseres grossen Netzwerks den Menschen die richtigen Anlaufstellen vermitteln, sei es zu niedergelassenen Psychiatern oder auch zu Pfarrämtern für Seelsorgerisches. Bei schwierigeren Fällen können wir auch selbst helfen mit Angeboten wie dem arbeitspsychiatrischen Kompetenzzentrum WorkMed für Arbeitsprobleme oder der Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Verstärkt die Coronakrise bei gewissen Menschen auch Suizidgedanken?

Man rechnet schon damit, dass die Krise einen Einfluss auf die Eigengefährdung haben kann. Allerdings genauso auf Fremdgefährdungen, also Gewalt gegen Dritte. Über konkrete Fälle kann ich aber keine Auskunft geben.

Wie ist die derzeitige Situation für das Personal?

Natürlich stehen unsere Mitarbeitenden unter erhöhtem Druck. Der Personalbestand ist aber weitgehend konstant. Personen, die zu Risikogruppen gehören, versuchen wir intern zu verschieben. Homeoffice ist dagegen die Ausnahme, was gerade in der Pflege und beim ärztlich-psychologischen Personal ja kaum erstaunen dürfte.

In der Pflege dürfte es auch schwierig sein, die Abstandsregeln einzuhalten. Sind noch alle betreuerischen Arbeiten möglich?

Unser grosses Bestreben war es von Anfang an, dass wir die Behandlung unserer Patienten möglichst wie bisher aufrechterhalten können. Doch die Verhaltensrichtlinien des Bundesamts für Gesundheit gelten. Wir von der Geschäftsleitung versuchen, nahe bei unseren Mitarbeitenden zu sein und sie gut zu informieren. In einer Taskforce Corona besprechen wir uns jeden Tag. Trotz aller Regeln ist ein eigenverantwortliches Handeln der Pflegenden aber ebenso wichtig.

Mussten Sie intern Arbeiten oder laufende Projekte verschieben?

Die Mitarbeiterbefragung haben wir gestoppt, da sie zu viel Zeit in Anspruch nehmen würde. Auch die Rezertifizierung unseres Betriebs durch externe Gutachter macht jetzt keinen Sinn, da so vieles anders ist, weswegen wir sie verschoben haben. Einige IT-Projekte sind ebenfalls auf Eis gelegt.

Wie sieht es bei den grossen Bauprojekten der Psychiatrie Baselland aus?

Wir haben ja drei grosse Projekte, die unterschiedlich weit fortgeschritten sind. Bis jetzt sieht es so aus, dass wir bei allen im Fahrplan bleiben können. Beim Neubau der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Bienentalstrasse in Liestal sind wir gut unterwegs. Der Rohbau ist nun fertiggestellt. Höchstens Lieferprobleme könnten den Bauabschluss noch beeinflussen. Die Inbetriebnahme ist für kommenden Dezember vorgesehen. Schon am ersten September sollten wir unser neues ambulantes Zentrum an der Hauptstrasse in Binningen, direkt über der Postfiliale, eröffnen können.

Jetzt steht auch der Name fest: Wir nennen es «Zentrum für psychische Gesundheit Binningen». Am wenigsten weit fortgeschritten sind die Ersatzbauten für die Alterspsychiatrie sowie die Krisenintervention, die in Liestal direkt neben unserem Hauptgebäude entstehen sollen. Die Baugesuche sind eingereicht, und die Baubewilligungsphase läuft. Der Baustart soll gegen Ende Jahr erfolgen.

Es gibt also ein Leben neben und nach Corona. Und eines davor. Hätten Sie, als Sie vergangenen Sommer die Nachfolge von Hans-Peter Ulmann als CEO der PBL angetreten haben, gedacht, dass so rasch eine Belastungsprobe auf Sie zukommt?

Ich konnte mir da natürlich nicht vorstellen, so schnell in einen Krisenmodus schalten zu müssen. Und tatsächlich ist es jetzt eine sehr hektische Zeit mit langen Arbeitstagen. Doch ich durfte ganz toll starten letzten Sommer mit einem Team, das mich super unterstützt und mir geholfen hat, dass ich mit beiden Beinen auf festem Boden stehe. So können wir auch eine solche Krise meistern.

Die Corona-Hotline für psychische Belastungen der Psychiatrie Baselland ist täglich von 9 bis 16 Uhr erreichbar unter 061 553 54 54.

Meistgesehen

Artboard 1