Bautechniken

«Einmalige Einblicke»: Dieses Bauernhaus in Ramlinsburg wurde ohne Bauplan errichtet

Systematische Untersuchungen zeigen, wie Zimmerleute vor über 450 Jahren gearbeitet haben. Nachlesen lassen sich die spannenden Fakten im demnächst erscheinenden Band des gelernten Zimmermanns und Autors Jakob Steinmann.

Kaum zu glauben: Wenn man vor dem stattlichen Anwesen am Gassenbrunnen 5/7 in Ramlinsburg steht, bietet sich das Bild eines überaus soliden Bauwerks aus Stein, das sich nicht von vielen anderen ländlichen Bauten in der Region unterscheidet. Trotzdem ist dieses Gebäude ein «Glücksfall», insbesondere für die Spezialisten der Archäologie Baselland: Denn die aussergewöhnliche Baugeschichte bietet einen seltenen Einblick in die Techniken, wie Handwerker vor einem halben Jahrtausend solche Projekte in die Praxis umgesetzt haben.

«Mit systematischer Untersuchung gelingt es meist, das ‹Wann› und ‹Was› der Bautätigkeit zu ergründen; nur selten zeigt sich jedoch auch das handwerkliche ‹Wie›, stellt der stellvertretende Baselbieter Kantonsarchäologe Andreas Fischer fest und fasst in Kürze zusammen, was die Spezialisten über die Baugeschichte herausgefunden haben: «Errichtet wurde es in den Jahren 1555/56. Als reiner Holzbau konzipiert, hat man es wohl als Konsequenz aus einem Missgeschick seit Beginn mit einem gemauerten Wohnteil versehen.»

Die Folgen des Fehlers

Dieser folgenreiche Fehler passierte beim Abbund, also dem massgerechten Zurechtschneiden und Anpassen der Bauhölzer. Dies und die nachfolgenden Korrekturen haben allesamt Spuren hinterlassen, auf die sich der gelernte Zimmermann und Buchautor Jakob Steinmann bei der Untersuchung des Bauwerks regelrecht gestürzt hat. Zwischen 1713 und 1715 wurde das ursprüngliche Gebäude aufgestockt. Eine Erweiterung vor 1807 habe die Unterbringung zweier Wohnparteien sowie von Bandwebstühlen für die Posamenterei ermöglicht. Zuvor erfolgte um 1778/79 die Renovierung des Ökonomieteils.

Laut Fischer erlauben diese unterschiedlichen Eingriffe in die Bausubstanz «einmalige Einblicke in die damaligen Abläufe. Sie offenbaren eine faszinierende Logik und Effizienz der Zimmerleute vor 460 Jahren.» Was zudem verblüffen mag: Gebäude wie dieser Mehrreihen-Ständerbau in Ramlinsburg – so die fachmännische Bezeichnung – wurden von den Bauleuten im Kopf entworfen und ohne einen gezeichneten Plan errichtet. Dabei war die Ständerbauweise eine besonders anspruchsvolle Art des Fachwerkbaus, indem gebäudehohe Balken («Ständer») von der Schwelle bis zum Dach das tragende System des Gebäudes bildeten und gleichzeitig die Seitenwände darstellten.

Nachlesen lassen sich diese und weitere Fakten im demnächst erscheinenden Band «Zimmermannshandwerk vor 460 Jahren», das ebendieser Jakob Steinmann aufgrund seiner Untersuchungen verfasst hat. Das Werk, das am kommenden Freitag an einer Vernissage in Ramlinsburg vorgestellt wird, erschein als 53. Band in der Reihe «Schriften der Archäologie Baselland.

Zimmermannshandwerk vor 460 Jahren. Der Abbund eines Mehrreihen-Ständerbaus in Ramlinsburg. Von Jakob Steinmann. Schriften der Archäologie Baselland Bd. 53, Schwabe-Verlag, Basel 2018. CHF 24.– (auch als e-Book).

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