Die bz traf Emil Steinberger am Sonntag unmittelbar vor seinem Auftritt im Rahmen der Humortage Liestal in der Garderobe im Liestaler «Engel».

Herr Steinberger, Sie haben sich gegen die «Durchsetzungsinitiative» engagiert ...

Emil Steinberger: Ja, richtig!

... und Ihre Figuren sind ein Abbild der Schweizer Bürger. Wie viele Ihrer Figuren hätten «Ja» gestimmt?

Das ist eine heisse Frage, das habe ich mir noch nie überlegt (zögert). Ich würde mal sagen, dass von den 20 Figuren etwa deren fünf «Ja» gestimmt hätten.

Besteht somit ein Widerspruch zwischen dem zivilen Emil Steinberger und den Figuren, die er auf der Bühne spielt?

Ein Widerspruch ist das sicher nicht. Ich war immer ein politischer Mensch, nur halt nicht auf der Bühne. Ich habe gemerkt, dass man das nicht mischen kann. Man kann die Leute nicht auf eine menschliche Art zum Lachen bringen und dann plötzlich mit knallharten politischen Facts und angriffigen Sachen kommen. Das verträgt sich nicht. Deshalb mache ich kein politisches Kabarett, sondern eines, das den Menschen trifft, der die Politik bestimmt. Er soll ja anscheinend die Politik immer mehr bestimmen. Er ist aber dazu nicht unbedingt fähig: Jeder Bürger hat seine Grenzen.

Wie ist das zu verstehen?

Es geht um Gesetze mit sehr vielen juristischen Finessen. Dafür haben wir Berufsleute.

Wäre das nicht eine Expertokratie?

Ja aber hallo! Bisher haben wir immer über das abgestimmt, was Berufsleute ausgearbeitet und uns vorgelegt haben. Dass wir selber jetzt schon von Anfang an, ohne die Fachleute, Gesetze kreieren wollen, das geht nicht.

Meinen Sie damit das, was mit solchen Initiativen daherkommt?

Ja, das geht in die Richtung, dass der Bürger, das Volk einfach alles bestimmen will: «Fachleute und Richter kannst Du vergessen. Wir sagen, was richtig ist, und was falsch.» Und jeder der 26 Kantone bestimmt das dann doch wieder anders. Zieht man 100 Meter weit um, gilt wieder ein anderes Gesetz (schüttelt den Kopf).

Der Titel «No einisch» erinnert an «Play it again, Sam» im Filmklassiker «Casablanca». Hat ihnen auch jemand gesagt: «Machs nochmal»?

Die könnten sagen: «No einisch, dann haben wirs aber hier» (zieht mit der Hand eine imaginäre Wasserlinie unter dem Kinn). Andere könnten «no einisch» als Bitte meinen. Diese Vieldeutigkeit gefällt mir. Es heisst aber nicht: «No einisch, und dann ist fertig!» Ich weiss ja selbst nicht, wie lang und wie weit das noch geht. Aber 2017 mach ich das Programm auf Französisch, «pour les Romands».

Wie oft spielen Sie den Emil im Baselbiet?

Ich spiele vor allem in Basel und jetzt in Liestal, warum fragen Sie?

Baselland ist der Heimatkanton von Theophil Läppli aus Buckten, und der scheint irgendwie verwandt mit ihrem Emil, vielleicht ein Onkel?

In Bezug auf ihren Charakter haben sie in der Tat Gemeinsamkeiten.

Diese Ambivalenz zwischen Bünzli und Subversion ...

Ja genau. Ich bin aber nicht so subversiv wie Alfred Rasser war. Er war ein total politischer Mensch. Das hätte man nicht vermutet, wenn man den HD Läppli sieht. Da spielt er mit menschlichen Reaktionen, wie ich das mit Emil auch mache. Rasser wurde ja mal angefragt, ob er für den Landesring bei den Nationalratswahlen kandidieren würde. Ich habe ihm abgeraten: «Wenn Du nach Luzern auf die Bühne kommst und Du bist als Landesringer im Nationalrat, da kommt die Hälfte der Leute nicht mehr. Die sind politisch so stur.» Deshalb muss man das trennen.

Sie haben sich jetzt aber gegen die Durchsetzungsinitiative exponiert.

Da haben wir dann auch böse Mails bekommen: «Wir sind enttäuscht» und «Deine Frau ist eine Schlampe» und ähnlich primitive Anwürfe von jenen, die nicht damit einverstanden waren, dass ich mich jetzt mal geäussert habe. Dabei hat mich die ganze Sache getroffen: So geht es einfach nicht weiter, da hört es jetzt auf, dazu muss ich jetzt mal Stellung nehmen!

Heisst das, dass Sie in der Öffentlichkeit oft als «der Emil» und nicht als die Person Emil Steinberger wahrgenommen werden?

In Deutschland kennt man nur den Kabarettisten. In der Schweiz weiss man dagegen, dass ich Postbeamter und Grafiker war, ein Theater gegründet und ein Kino geführt habe, dass ich beim Zirkus war und nebenher Kabarett gespielt und in Luzern einiges angerissen habe. Hier verschwindet der Steinberger nicht hinter dem Emil.

Dass Sie nach Basel gezogen sind, haben Sie nicht zuletzt mit dem kulturellen Angebot begründet.

Hauptgrund war die Sprache. In den fünf Jahren in New York und 15 Jahren in Montreux konnte ich nicht so reden, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Geht man im Welschland ins Theater, versteht man nur 70 Prozent. Selbst wenn man eine Fremdsprache einigermassen gut kann, lässt sich ein Detail im Kopf eben doch nicht so formulieren, wie ich das auf Schweizerdeutsch kann. Ich habe mich nach der Muttersprache im Alltag gesehnt. Basel war erste Wahl, weil wir wussten, dass es eine übersichtliche und kulturell interessante Stadt ist.

In Liestal treten Sie heute in einem Kanton auf, der bei der Kultur sparet. Dies führt zu teilweise gehässigen Kulturdebatten mit der Stadt.

Ich staune, wie angriffig der Ton oft ist, wie die Zusammenarbeit der beiden Basel an einem ganz feinen Faden hängt, seien es Entscheide zu Spitälern, Kunst oder Subventionen. Man betont zwar, man sei eine Region. Das bricht dann aber sofort wieder auseinander, weil politisch wieder irgendetwas nicht funktioniert. Der Landkanton und die Stadt – da ist immer «öppis Cheibs», was unharmonisch läuft. Das habe ich jetzt langsam mitbekommen, das ist eine extrem sensible Zusammensetzung. Woran es liegt, an Parteien oder an persönlichen Machtcharakteren, kann ich nicht beurteilen. Ich spüre es aber.

Spüren Sie das auch daran, dass vielleicht die Baselbieter an einer anderen Stelle ihrer Nummern lachen als die Städter?

Im Prinzip gibt es sehr wenig regional unterschiedliche Reaktionen. Selbst in Deutschland und auch in der Romandie auf Französisch funktionieren die Nummern gleich. Sogar in Marokko und Polen schauen sie Emil.

Sie müssen häufig Interviews geben: Weshalb haben Sie noch keine Journalistennummer gemacht?

(Lacht) Das ist mir noch nie in den Sinn gekommen, obschon man da unterschiedliche Erfahrungen macht. Zu 80 bis 90 Prozent muss ich mich aber über die Journalisten nicht aufregen.

Gibt es nichts, was Sie da nervt?

Immer dieser Zeitdruck! Sie kommen immer in letzter Minute, und wir müssen immer Zeit für sie haben. Auch beim Gegenlesen: Alles muss sofort sein, selbst wenn man unterwegs und nicht gerade online ist. Zunehmend kommen Journalisten, die über mein Programm schreiben müssen, und dann gehen sie in der Pause, weil sie den Text abliefern müssen – und das nur, weil sie die Ersten sein müssen. Der Erste zu sein, das finde ich absolut sekundär. Die Qualität des Artikels ist viel wichtiger. Und man kann nur ein Urteil abgeben, wenn man etwas zu Ende gesehen hat. Alles andere ist oberflächlich und für mich schlechter Journalismus. Wenn ich an einer Premiere eines anderen Künstlers bin, kommt oft in der Pause die Kamera: «Wie finden Sie das Programm?» Ich sage dann, sie sollen am Ende wiederkommen. Ich kann kein Urteil abgeben, wenn ich nicht alles gesehen habe:. So muss ich die Medien erziehen.