Rücktritt

Ende einer Ära: Peter Vogt, der «Papi von Muttenz», tritt ab

Der langjährige Muttenzer Gemeindepräsident Peter Vogt: «Auch im Ruhestand bin ich kein Visionär.»

Peter Vogt rückte 1990 in den Gemeinderat nach und wurde 2000 Gemeindepräsident.

Vom verstorbenen alt Bundeskanzler Helmut Schmidt stammt das Bonmot «Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen». Der Ende Juni abgetretene Muttenzer Gemeindepräsident Peter Vogt drückt dasselbe noch direkter aus: «Ich hatte nie Visionen.» Die 29 Jahre im Gemeinderat, davon 19 als Gemeindepräsident, waren für ihn nie das Umsetzen von grossen Projekten oder tief schürfenden Ideologien. Was er selber durchaus positiv sieht. «Fakten sind entscheidend, nicht Hirngespinste», ist der 67-Jährige überzeugt. «Analysieren, transparent informieren, mit den Leuten reden – so findet man Kompromisse.» Nach diesem Grundsatz leitete er als Präsident 80 Gemeindeversammlungen und 900 Gemeinderatssitzungen.

Hatte er in den fast drei Jahrzehnten nie Lust, sich ein Denkmal zu setzen? Wollte er nie ein wenig den Dorfkönig spielen? Seine Antwort darauf ist entwaffnend: «Das wäre nicht Muttenz-gerecht.» Damit will er sagen: Immer alles mit Augenmass tun, Muttenz in der Balance zwischen Stadt und Land halten. Entwicklung ja, aber keine Revolution. Ein Wandel, wie ihn Pratteln durchgemacht hat, wäre unter Vogt undenkbar gewesen.

Vier Mal in stiller Wahl bestätigt

Hier wird eine Grundhaltung Vogts erkennbar: nur auf dem aufbauen, was die vorherigen Generationen geschaffen haben. Vielleicht war es nicht Zufall, dass er, obwohl ohne Visionen, 1990 als CVPler in den Gemeinderat nachrückte. «Ja, ich bin wertkonservativ», sagt er. Zu seiner Partei hielt er aber stets Distanz. Lieber engagierte er sich in übergreifenden Gremien, dem Schweizerischen Städteverband und dem Baselbieter Gemeindeverband (VBLG), dem er vier Jahre vorstand. Denn dass die Gemeinden nicht für sich allein wursteln konnten, das hatte er früh erkannt.

Zeitlich bewältigte er all diese Ämter, als er noch zu hundert Prozent als Münchensteiner Finanzverwalter arbeitete. Sein Einsatz ging so weit, dass er zum Spätaufsteher wurde – wegen der vielen Abendsitzungen. «Ich habe keine Hobbys», sagt er heute. Was allerdings nicht ganz stimmt: Als Vorbereitung für seine VBLG-Präsidentschaft fuhr der Natur- und Sportfreund auf dem Mountainbike in alle 86 Gemeinden des Kantons.

Auch nach seiner Pensionierung mit 60 wollte er nicht Landrat werden – nicht wieder. In den 1970ern war er für vier Jahre ins Kantonsparlament gerutscht, für die Nationale Aktion (NA, später Schweizer Demokraten) – eine Jugendsünde, die er bald korrigierte: Noch während der Legislatur trat er aus der Rechtsaussen-Partei aus. Er war von Kollegen in die NA «reingezogen» worden, wie er heute sagt; genau gleich wie schon in all die Muttenzer Vereine, für die er sich seit Jugendzeiten engagiert.

So im Schwingsport, dem er als Sohn eines Schwingerkönigs stets verbunden blieb. In Vorständen faszinierten ihn weniger die Sachfragen als die direktdemokratischen Abläufe. Sogar zum Gemeinderat stiess er ohne richtiges Ziel. Als Präsident war er erst recht konsensorientiert, musste er doch Stimmen von rechts und links holen. Was ihm gelang. Vier Mal wurde Vogt als Präsident in stiller Wahl bestätigt. Die anderen Parteien getrauten sich nicht, ihn anzugreifen.

Auch seinen Rücktritt mag ihm niemand übel nehmen. Der Freisinnige Peter Issler, der in den 1990er-Jahren mit ihm im Gemeinderat sass, lobt seine Tätigkeit als Finanzchef in seinen ersten Amtsjahren. «Das konnte er sehr gut. Als Präsident war Peter Vogt aber kein Visionär. Die grossen Würfe blieben bei ihm weitgehend aus.» Vogt habe mit allen gut reden können, er sei der «Papi von Muttenz» gewesen, wie er auch im Film zu seinem Abschied bezeichnet worden sei. «Dass wir uns nicht immer mehr leisten können, hat er erkannt, Konsequenzen daraus wurden jedoch nicht durchgesetzt», sagt Issler angesichts der 86 Millionen Franken Schulden, mit denen Muttenz heute da steht.

Wandern im Schwarzwald

Bei manchen Projekten richtete sich die Opposition kurzfristig gegen Vogt, etwa beim Bundesasylzentrum im Feldreben und aktuell bei den Salzbohrungen auf der Rütihard. Mit der zunehmenden Erfahrung steckte Vogt solche Kritik immer lockerer weg. Er spricht von «Polterern, die kommen und wieder verschwinden». Es blitzt fast etwas Überheblichkeit in seinen Augen auf, wenn er sagt, er könne sich gar nicht mehr an alle seine Gegner erinnern.

Was er aber noch gut weiss: In seiner Amtszeit gab es drei Anläufe, die Gemeindeversammlung durch einen Einwohnerrat zu ersetzen. Das waren Versuche, den Gemeinderat – und damit Vogt– zu entmachten. Doch drei Mal sagte das Volk Nein. Vogt sieht das als Bestätigung, dass Muttenz eben «Muttenz-gerecht» tickt. Das werde sich auch nach seinem Abgang nicht ändern, ist er überzeugt.

Seinen Gegnern verspricht er: «Mindestens zwei Jahre werde ich nie an einer Gemeindeversammlung auftauchen.» Vielleicht wird er sich jetzt endlich einen Traum erfüllen: den Schwarzwald zu Fuss von Süden nach Norden durchwandern. Gross Gedanken darüber, wie er seine wiedergewonnene Zeit verbringen will, hat er sich aber nicht gemacht: «Ich nehme es, wie es kommt. Auch im Ruhestand bin ich kein Visionär.»

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