Kantonsgericht Baselland

Eptinger Eltern haben ihre Tochter gefährdet und benachteiligt

Die Boulevardzeitung «Blick» bewirtschaftete den Sissacher Schulweg-Streit über Wochen.

Die Boulevardzeitung «Blick» bewirtschaftete den Sissacher Schulweg-Streit über Wochen.

Für die Baselbieter Kantonsrichter ist klar, dass ein Ehepaar aus Eptingen seine Fürsorge- und Erziehungspflicht gegenüber seiner Tochter vernachlässigt hat.

Ein Elternpaar aus dem Oberbaselbieter Dorf Eptingen war im März zu einer Geldstrafe verurteilt worden, weil es sein Fürsorge- und Erziehungspflicht verletzt hatte. Die beiden wollten nicht akzeptieren, dass ihre Tochter der Sekundarschule Sissach zugewiesen worden war. Als diesem Wunsch nicht entsprochen wurde und auch Beschwerden erfolglos blieben, blieb die damals 13-jährige Tochter ab August 2017 während neun Monaten dem Schulbesuch gänzlich fern. In erster Instanz wurden die Eltern zu einer Geldstrafe verurteilt.

Dagegen gingen die Eltern (64- und 58-jährig) in Berufung. Für sie steht nach wie vor ausser Frage, dass der Schulweg nach Sissach, teilweise auf der Kantonsstrasse, zu gefährlich und deshalb nicht zumutbar sei. Deshalb schickten die Eltern nach der Schulabstinenz ihre Tochter über den Reie nach Oberdorf zur Schule.

«Streit auf dem Buckel der Tochter»

Auf Fragen des Gerichtspräsidenten Dieter Eglin räumten die Eltern ein, dass ihre Tochter lieber in Oberdorf zur Schule gehe, weil sie dort ihre Schulfreundinnen habe. Zudem habe man schlechte Erfahrungen mit der Sek Sissach gemacht. Diese Begründung nahm Eglin zum Anlass, dem Ehepaar vorzuwerfen, es gehe eigentlich gar nicht um den sicheren Schulweg. Die Eltern würden «auf dem Buckel der Tochter eine Privatfehde mit dem Leiter der Abteilung Volksschule» austragen.

Die Eltern mussten sich auch vorhalten lassen, Briefe der Behörden und Gerichte nicht beantwortet und Fristen versäumt zu haben. Auch hätten sie ein Angebot ausgeschlagen, 70 Rappen je Kilometer Schulweg bis zur nächstgelegenen Bushaltestelle anzunehmen. «Es war wie verlängerte Ferien», gab der Vater unumwunden zu. Die neunmonatige Schulabstinenz habe die Tochter am Handy, mit Fernsehen schauen, Lesen und Mitarbeit auf dem Hof verbracht. Die Behörden hätten ihnen als Eltern zu wenig Gehör geschenkt; vor allem sei die Tochter selber nie befragt worden, kritisierte der Vater. «Der Kanton hat meiner Tochter ein Jahr gestohlen», rief er dem Dreiergericht entgegen.

Nach knapp zweistündiger Anhörung bestätigte das Gericht das Urteil der Vorinstanz. Nebst dem Strafgeld muss das Ehepaar die Kosten der Berufungsverhandlung von 4600 Franken übernehmen.

Das Urteil der Vorinstanz bestätigt

In der mündlichen Begründung hielt Dieter Eglin fest, dass die Eltern die Fürsorge- und Erziehungspflicht vernachlässigt hätten. Die körperliche und seelische Entwicklung, die Ausbildung oder Förderung der Tochter seien gefährdet worden. Die lange, von den Eltern «bewusst» vollzogene Schulabstinenz ohne adäquate Schulbildung hätte die Tochter benachteiligt. Auch sei der von den Eltern gewählte Schulweg über den Reie «mindestens so gefährlich wie der Weg nach Sissach». Das Verschulden der Eltern stufte das Gericht als schwer ein; das Gesetz erlaube dafür ein Strafmass von bis zu drei Jahren Haft. Trotzdem verhänge es eine relativ milde Strafe in Form der Gerichtskosten von 4600 Franken sowie die von der Vorinstanz auferlegte Geldstrafe.

Nach dem Urteil liessen die Eltern offen, ob sie allenfalls ans Bundesgericht gelangen wollen: «Wir wollen zuerst das schriftliche Urteil lesen.»

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