SP Baselland

Er geht, um wiederzukommen: Adil Koller im Porträt

«Ihm gehts immer um die Sache»: Adil Koller wird heute von Gegnern gelobt.

«Ihm gehts immer um die Sache»: Adil Koller wird heute von Gegnern gelobt.

Adil Koller tritt als SP-Chef ab, verschwindet aber nicht. Er hat gute Chancen, nächster SP-Regierungsrat zu werden.

Bei Adil Koller ist alles etwas anders: Nach fünfeinhalb Jahren und mit gerade einmal 27 wird er heute Samstag das Präsidium der kantonalen SP abgeben – als aktuell amtsältester Baselbieter Parteichef notabene. «Bei FDP und CVP habe ich Präsidentinnen und Präsidenten kommen und gehen sehen», sagt er mit verschmitztem Lachen. Legen andere in diesem Alter nach absolviertem Studium und Gehversuchen in einer Jungpartei richtig los mit der Politik, so wirft Koller bereits fünfeinhalb Jahre Parteipräsidium und fast vier Jahre Landrat in die Waagschale. Doch wichtiger: Koller hat in den letzten Jahren Ausrichtung und Stil der Baselbieter Linken geprägt wie kein Zweiter.

Sein jugendliches Alter wurde ihm indes lange um die Ohren geschlagen: legendär die Aussage der damaligen FDP-Präsidentin Christine Frey. Sie verpasste Koller in einem Interview kurzerhand Schwimmflügeli. Dass bei der SP plötzlich laute Jungstars wie Koller oder die heutige Nationalrätin Samira Marti den Ton angaben, sorgte im bürgerlichen Lager nachhaltig für Irritation. Nicht so in der SP. Nach dem Rauswurf aus der Kantonsregierung bei den Wahlen 2015 war der 21-Jährige – und damit jüngste Parteipräsident in der Geschichte des Baselbiets – an der Spitze hochwillkommen. Dessen Frische und Begeisterungsfähigkeit wirkte auch auf ältere Genossen ansteckend. Um Kontinuität zu wahren, stellte man – durchaus auf Wunsch des Neulings – Grande Dame Regula Meschberger zur Seite.

Der Tabubruch Kollers und anderer SP-Jungstars

«Uns war klar: Wer mit einem Umsturz einfach alles kaputtmachen will, der ist nicht erfolgreich», sagt Koller. So ausgleichend und umsichtig er in der SP wirkte – gegen aussen teilte der Jungchef der in die Opposition verbannten Partei kräftig aus. Koller und die neue Leitung prägten Begriffe wie «Abbaupolitik» und «rechtskonservative Regierung». Ein Tabubruch, weil man sich zuvor im Baselbiet nicht auf die Füsse trat.

Koller verteidigt noch heute den angriffigen Stil: «Ja, wir waren aufmüpfig, doch unanständig waren die Bürgerlichen, die nach den Wahlen 2015 eine knallharte Machtpolitik betrieben.» Die Mehrheitsverhältnisse kombiniert mit den maroden Kantonsfinanzen sorgten für ein aufgeheiztes politisches Klima. «Von Sparen, wie es die Bürgerlichen nannten, konnte keine Rede sein, denn das suggeriert, dass man Geld auf die Seite legt», sagt Koller. «Dabei war’s nichts anderes als kalter Abbau.»

In der Finanzpolitik waren die Positionen der SP unter Koller im Baselbiet allerdings selten mehrheitsfähig. Sowohl sagte das Volk 2019 Ja zu tieferen Unternehmenssteuern als auch im Herbst 2017 Ja zu einem neuen Finanzhaushaltsgesetz. Ein Grund laut Koller: «Wir standen bei Finanzen und Steuern oft alleine da. Die Grünen unterstützten uns nur halbherzig.»

Spannten Rot und Grün zusammen – etwa beim Verkehr –, konnten sie teilweise spektakuläre Abstimmungserfolge feiern. Mit dem Slogan «Keine Milliarden für Luxusstrassen» bodigten sie im November 2015 in einem Referendum die Verkehrsplanung Elba. Der erste Coup des Naturtalents, der die Nein-Kampagne mit SP-Verkehrspolitikern orchestrierte. In einem grösseren Verbund erfolgreich war die SP unter Koller im Kampf gegen die Stilllegung des Läufelfingerli oder bei der geplanten Streichung der U-Abo-Subventionen.

Zum Feierabendbier mit dem SVP-Landrat

Koller galt im bürgerlichen Lager lange Zeit als rotes Tuch. Das hat sich geändert. Die SP kehrte nach den Wahlen 2019 in die Regierung zurück und ist wählerstärkste Partei. Man stehe in der Verantwortung und man wolle diese auch, sagt Koller. Nicht nur ist die Rolle der SP eine andere, auch der Präsident ist nicht mehr ganz derselbe: Er sei ruhiger und ausgeglichener geworden. «Ich mache Politik nicht, um Wirbel als Selbstzweck zu erzeugen, sondern um Ergebnisse zu erzielen.»

Lange stand auch ein Missverständnis im Raum: Nicht wenige vermuteten hinter dem pointiert linken Politiker einen verbissenen Typen. Dabei pflegt Koller auch ausserhalb des eigenen Polit-Biotops gute Bekanntschaften. Mit SVP-Landrat Markus Graf war er nach Sitzungen schon ein Bier trinken und spielte mit ihm im Sturm des FCLandrat. Der links-progressive Ökonom aus der Vorstadt und der konservative Oberbaselbieter Weinbauer – wie geht das zusammen? Eine Erklärung liegt in Kollers Biografie: Im Gegensatz zu vielen Jungpolitikern aus dem rot-grünen Lager stammt der Münchensteiner nicht aus einem Akademikerhaushalt. Seine Eltern arbeiteten viele Jahre bei der Post, die Mutter absolvierte eine Lehre in einem Landwirtschaftsbetrieb. Adil wuchs in klassischem Büezer-Milieu auf, unter Menschen, die mit den Händen arbeiten und anzupacken wissen. Berührungsängste hatte er nie. «Adil Koller geht’s immer um die Sache», sagte FDP-Chefin Saskia Schenker kürzlich im «Regionaljournal Basel» von SRF. Ein grösseres Lob könnte ihm eine politische Gegnerin kaum machen.

Doch ausgerechnet die Beziehung zu den erstarkten ­Grünen, dem Koalitionspartner, hat Risse. Das hat inhaltliche und persönliche Gründe. Das Verhältnis zwischen Koller und ­Grünen-Präsident Bálint Csontos(24) gilt als angespannt. Im Dreikampf Daniela Schneeberger (FDP), Eric Nussbaumer (SP) und Maya Graf (Grüne) bei den Ständeratswahlen 2019 machte Koller früh klar, dass man Nussbaumer nach dem ersten Wahlgang zurückziehen werde, sollte er weniger Stimmen erzielen als Graf. Die Absprache sollte im Hinblick auf den zweiten Wahlgang den einzigen Baselbieter Sitz im Stöckli für Rot-Grün sichern helfen. Allerdings wollte Csontos dasselbe Versprechen in Bezug auf Graf nicht geben. Koller zeigte sich enttäuscht.

Nun der kompromissfähige Brückenbauer

Jüngst zählte der SP-Chef zu den scharfen Kritikern des Velohochbahn-Pilotprojekts, das der Grüne-Baudirektor Isaac Reber ausgerechnet an die Firma seiner Parteikollegen Klaus Kirchmayr und Csontos vergeben wollte. Das Projekt ist gestoppt, die Stimmung unter den Exponenten bleibt vergiftet. Csontos griff Koller diese Woche bei Beratung des revidierten Gesetzes zur Bekämpfung der Schwarzarbeit an: Die Grünen forderten, dass die von der Wirtschaftskammer und Gewerkschaft Unia mandatierten Kontrolleure stärker als im Gesetz vorgesehen an die Leine genommen werden. Die SP mit Themenleader Koller wirkte am vorgelegten Kompromiss mit.

Koller zeigte sich nicht nur bei diesem Geschäft als überparteilicher Brückenbauer. Gemeinsam mit Christof Hiltmann (FDP) und Pascal Ryf (CVP) brachte er im Juni die Dreidrittelslösung bei den Geschäftsmieten durch den Landrat. Demnach soll der Kanton freiwillige Vereinbarungen zwischen Mietern und Vermietern während der Coronazeit mit einem Drittel der Kosten unterstützen. Das Baselbieter Volk entscheidet am 29.November. Ein Ja dürfte Koller als geistiger Vater der Vorlage als Gesellenstück verbuchen.

Mit nur 27 zählt Koller zu den arrivierten Politikern im Baselbiet. Was nicht heisst, dass er satt wäre. Was folgt nach dem Rücktritt als Parteipräsident? Die Kandidatur bei den nächsten Nationalratswahlen? Er winkt ab: «Ein Mandat in Bundesbern interessiert mich aktuell nicht so. Ich finde die politische Arbeit im Kanton, wo ich mitgestalten kann, gerade sehr spannend.» Es ist wohl mehr als eine Behauptung, die Ambitionen vernebeln soll: Als einziger Baselbieter Parteichef liess er sich 2019 nicht auf die Nationalratsliste setzen.

Wahrscheinlicher – aber darüber redet er nicht gern – ist eine Regierungskandidatur. Bereits bei den Gesamterneuerungswahlen im Frühjahr 2023 oder bei späteren Ersatzwahlen könnte Koller den zweiten SP-Sitz neben Kathrin Schweizer ins Visier nehmen. Was in zwei Jahren ist, erscheint gerade weit weg. Klar aber ist: An Adil Koller werden die Baselbieter Sozialdemokraten in Diskussionen um die nächste Regierungskandidatur nicht vorbeikommen.

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