Pöstler Kurt Jungblut

Er kennt Reinach so gut wie kein anderer

Kurt Jungblut: «Es gibt niemanden, der Reinach so gut kennt wie ich.»

Kurt Jungblut: «Es gibt niemanden, der Reinach so gut kennt wie ich.»

Kurt Jungblut wird als «glücklicher Pöstler» nach 41 Jahren pensioniert. Es gibt wohl kaum einen, der Reinach und die Reinacher besser kennt.

1975 hatte Kurt Jungblut keine Ahnung von Reinach. Der gebürtige St. Galler wohnte damals in Basel und hatte beschlossen, Briefträger zu werden, nachdem er als Koch und als Lüftungsmonteur nicht glücklich geworden war. «Genauso gut hätte die Post mich ins Solothurnische einteilen können», sagt er heute. Doch er kam nach Reinach, und hier war er bis zu seinem 65. Geburtstag diese Woche Briefträger.

Vor 41 Jahren war die PTT noch ein behäbiger Staatsbetrieb, in dem «Rentabilität» ein Fremdwort war. «Die ganze Post für Reinach kam jeden Morgen in grossen Säcken an», erzählt er. «Jeder von uns Pöstlern sortierte mehrere Tausend Briefe pro Tag.» Damals hatten die Briefträger kaum Zeitdruck. So lernte er auf seinen täglichen Touren auf dem gelben Postvelo Reinach und vor allem viele Reinacher kennen.

Spass und viel plaudern

Er wurde zu manch einem Kaffee eingeladen und nahm immer wieder Kindergärtler auf seinem Anhänger ein Stück weit heim. «Mit Kindern hatte ich viel Spass», sagt Jungblut im Nachhinein. Jeweils Ende Monat zahlte er den älteren Leuten ihre Rente in bar aus, «da wurde auch immer viel geplaudert». Im Sommer kamen Berge von Postkarten, er las auch mal einem Empfänger eine vor. Und er sah, wie manch eine Villa mit nur einem Briefkasten einem Block mit vielen Wohnungen weichen musste.

Inzwischen ist aus der Post ein selbstständiger Betrieb geworden, der rentieren muss. Die Briefe kommen jetzt maschinell sortiert nach Reinach. Seit vielen Jahren sind Kurt Jungblut und seine Kollegen motorisiert unterwegs, erst mit Benzin-Töffli, jetzt mit einem dreirädrigen Elektrofahrzeug. Zudem werden seine Touren elektronisch protokolliert. Der Druck, sagt Jungblut, sei über die Jahre unzweifelhaft gestiegen. «Dass Briefträger Burnout kriegen können, hätte ich mir früher nie vorstellen können.»

Doch all die Veränderungen haben ihn über die Jahre nicht davon abgehalten, die Freude an seinem Beruf zu behalten. «Ich bin ein glücklicher Pöstler», sagt er von sich selber. Das ist ihm noch am letzten Arbeitstag anzumerken, wenn er etwa fast blind die 30 Briefkästenn eines Blocks in beeindruckender Geschwindigkeit füllt. «Das ist wie Klavierspielen für mich», sagt Kurt Jungblut und grinst. Nicht jeder könne so wie er gesund und zufrieden von seinem Job abtreten. «Ich mag eben Menschen, das ist das Entscheidende.» Und Menschen sieht er beim Briefe Einwerfen immer noch viele. Busfahrer, Passanten, Velo- und Autofahrer und natürlich die Postempfänger: Ständig tauscht er ein nettes Wort aus (oder auch mehr). Zu seinen Fans gehört die ehemalige Baselbieter Regierungsrätin Elsbeth Schneider-Kenel, die ihm im Wochenblatt schrieb: «Kurt, wir werden Dich vermissen.»

Ein Mann mit viel Gefühl

Wenn er einem Betrieb eingeschriebene Betreibungen übergibt, kann Jungblut voraussagen, dass dieser Betrieb bald eingehen wird. Und wenn jemand viele Kondolenzbriefe kriegt, kondoliert er der Person selber. «Für solche Sachen nehme ich mir Zeit, auch wenn ich dann auf dem Rest meiner Tour mehr Gas geben muss», erklärt er. Vor allem auf der Tour 8, die ihn jahrelang durch den Reinacher Rebberg geführt hat, hat er viel über die Bewohner erfahren – so viel wie kaum sonst jemand. Einzelheiten erzählen will er nicht, denn «das Postgeheimnis gilt auch nach der Pensionierung». Aber es ist wohl nicht übertrieben, wenn Kurt Jungblut sagt: «Es gibt niemanden, der Reinach so gut kennt wie ich.»

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