Fürchterlich aufgeregt hat sich Marc Bürgi über den Entscheid des Landrats, die Sozialhilfebeiträge um 30 Prozent zu kürzen. Zum Termin mit der «Schweiz am Wochenende» nimmt der Baselbieter BDP-Präsident die Bundesverfassung mit und zitiert aus der Präambel: «Und dass sich die Stärke des Volkes misst am Wohl der Schwachen.» Die Sozialhilfe könne jeden treffen, argumentiert Bürgi. Die knappe Ratsmehrheit, die den Sozialhilfeempfängern ans Portemonnaie will, stelle sich gegen zentrale – bürgerlich geprägte – Schweizer Werte. «Jetzt kann die FDP, die dem Vorstoss aus der SVP zum Durchbruch verholfen hat, gleich mit den Rechtsbürgerlichen fusionieren», fügt er provokativ an.

Auch darüber ärgert sich Bürgi: Die Freisinnigen würden im Baselbiet immer öfter gemeinsame Sache mit der SVP machen. Zugleich sieht er diesen Schulterschluss als Chance für seine Partei, sich als Alternative zu positionieren. Dazu hält der unermüdliche Mister BDP einen massgeschneiderten Werbespruch bereit: «Wir sind die moderne, weltoffene Version der SVP, die sozialliberale Version der FDP und die gesellschaftsliberale der CVP.»

Reformierter im CVP-Land

Wer auf Twitter Bürgis Kommentare liest, könnte ihn leicht für einen Linken halten: Er schüttelt den Kopf über das Theater, das die Bürgerlichen («Gesinnungspolizisten») in der Therwiler Handschlag-Affäre veranstaltet haben, kritisiert die Wirtschaftskammer Baselland, auf nationaler Ebene wettert er gegen die Einführung von Sozialversicherungs-Detektiven.
Doch letztlich ist diese Abgrenzung auch Ausdruck einer enttäuschten Liebe. Im Grundsatz tickt der Prattler tiefbürgerlich: «Zuerst kommt die Eigenverantwortung. Ich finde die Haltung der SP falsch, dass der Staat die Verantwortung für beinahe sämtliche Lebensbereiche der Einwohner übernehmen soll.»

Bei Bürgi ist das mit der politischen Sozialisierung etwas kompliziert. Aufgewachsen ist er im Kanton Luzern – in CVP-Stammlanden. Als Reformierter fühlte er sich in dem katholisch-konservativen Umfeld nicht gerade heimisch. Bürgi zog als 16-jähriger Jüngling in die Region Basel und absolvierte eine Lehre bei Roche als Chemie-Technologe und studierte anschliessend an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Heute ist der Chemiker bei einer Life-Sciences-Firma als Sales Manager tätig. Bürgi ist Vorsitzender der Industrievereinigung Münchenstein-Arlesheim und steht der Handelskammer beider Basel nahe. Weltoffenes, wirtschaftsliberales Umfeld.

Auch optisch würde man Bürgi, der oft im modisch geschnittenen Anzug und Krawatte unterwegs ist, am ehesten in der FDP verorten. Doch er winkt ab: «Die Freisinnigen sind mir zu elitär.»

Bürgi verrät, dass er als Jugendlicher «SVP-nah» gewesen sei. Nahe bei der SVP des damaligen Bundesrats Adolf Ogi. «Er ist und bleibt ein politisches Vorbild: Bürgernah, dem Gemeinwohl verpflichtet, staatsmännisch.» Weitere bekannte Bezugspersönlichkeiten sind der ehemalige FDP-Bundesrat Pascal Couchepin und – ist ja klar – die Galionsfigur der BDP, Eveline Widmer-Schlumpf. Yves Krebs, Sekretär der Grünliberalen beider Basel, debattiert in den sozialen Medien gerne mit Bürgi und kennt ihn auch persönlich gut. Bürgis politisches Profil analysiert Krebs so: «Bürgi ist die Reinkarnation der ehemaligen Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB), der Vorgängerin der heutigen SVP: Traditionsbewusst, militärfreundlich, staatstragend und mit sozialem Herz.» Für Bürgi ist klar, dass die Schweiz neue Kampfjets kaufen muss.

Ebenso unmissverständlich unterstützt er die Initiative «Ehe für alle», die homosexuellen Paaren das Heiraten ermöglicht. Bürgis Lebensstil passt eher in ein bürgerlich-ländliches als in links-urbanes Umfeld: «Ich bin ein passionierter Autofahrer», sagt er. Er liebt ein grosses Stück Fleisch oder einen Hamburger auf dem Teller und ist seit Jahren ein begeisterter Sportschütze. Offensichtlich hat Bürgi in der etwas biederen BDP eine Heimat gefunden.

Seine bisherige Politkarriere steht sinnbildlich für den raschen Aufstieg und ebenso raschen Niedergang der Widmer-Schlumpf-Partei: 2009 trat er der BDP bei und bereits 2011 wurde er in den Landrat gewählt, wo er zwei Jahre als Fraktionschef der BDP/GLP-Fraktion amtete. 2012 wurde er ins Ortsparlament seiner Wohngemeinde gewählt. Bei den kantonalen Wahlen 2015 die Ernüchterung: Die BDP büsste drei ihrer vier bisherigen Sitze im Landrat ein; auch Bürgi fiel diesem Aderlass zum Opfer.

Er konzentrierte sich fortan auf die Partei: 2016 wurde er zum Präsidenten der kantonalen BDP gewählt, in den Räumlichkeiten der jüngst Konkurs gegangenen «Baselbieter Brauerei». Und kämpft nun im Stile eines PR-Agenten dafür, dass der jungen Partei ein ähnliches Schicksal erspart bleibt.

BDP als systemrelevante Kraft

Bei Vertretern anderer Parteien kommt dies unterschiedlich an: Einen solch engagierten und ehrgeizigen Politiker in eigenen Reihen zu haben, tue jeder Partei gut, lobt SVP-Fraktionschef Dominik Straumann, der Bürgi an den Sitzungen der Fraktionsspitzen kennen gelernt und zu jener Zeit auch mal ein Bier mit ihm getrunken hat. Bürgis markantes Auftreten stehe allerdings nicht im Verhältnis zum Wähleranteil der BDP, findet Straumann. Als bemühend empfindet er zudem das ständige SVP-Bashing Bürgis in den sozialen Medien.

Ähnlich, wenn auch im Ton positiver äussert sich Yves Krebs. «Die BDP ist Marcs Mission. Sein Idealismus wirkt ansteckend.» Allerdings trage Bürgi manchmal etwas dick auf. Mit Strukturen wie in einer Grosspartei verkaufe er die BDP als systemrelevante Kraft in der Baselbieter Politlandschaft.

«Wir müssen beweisen, dass wir kein Widmer-Schlumpf-Wahlverein sind», sagt Bürgi selbstkritisch. Um die BDP steht es schweizweit mittelprächtig, auf ein ordentliches Wahlergebnis wie kürzlich im Kanton Bern folgte in Graubünden ein Bauskandal, in den ein BDP-Regierungskandidat verwickelt ist. Bürgi seufzt, mit Blick aufs Baselbiet zeigt er sich indes als unerschütterlicher Optimist: Er betont, dass die BDP bei den Gemeindewahlen 2016 gut abgeschnitten habe und zählt jeden der 18 Sitze in den Gemeinderäten, Gemeindekommissionen und Schulräten auf.

Bei den Landratswahlen 2019 trete die BDP in allen Wahlkreisen in der Agglo mit vollen Listen an. Er werde «auf jeden Fall» für einen Wiedereinzug in den Landrat kandidieren, sagt Bürgi. Im Gegensatz zu 2015 werde man indes kaum einen Regierungskandidaten stellen. Auch er selber stehe nicht zur Verfügung, gibt das 38-jährige BDP-Aushängeschild zu Protokoll: «Ich sehe mich nicht als geeignete Wahl. Fragen Sie mich noch einmal, wenn ich 45 bin.» Es scheint fast, als habe in der Baselbieter BDP ein neuer Realismus Einzug gehalten.